Städte- und Gemeindebund : Smart Meter Rollout ist skaliert und auf dem richtigen Weg
Die Digitalisierung im Energiesektor steht besser da als ihr Ruf, schreibt Ingo Schönberg, CEO des Smart-Meter-Gateway-Herstellers PPC. Er sieht einen beschleunigten Rollout von Smart Metern. Insgesamt folge Deutschland seinem eigenen, dafür cybersicheren Weg hin zum markt- und netzdienlichen Smart Grid.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Immer wieder die gleichen Argumente gegen den Rollout intelligenter Messsysteme (iMSys): zu langsam, Sonderweg und andere Länder sind weiter, zu viel Security und zu kompliziert, zu teuer für den Endkunden und Rollout zu langsam. Zeit für einen Faktencheck.
Ausbauzahlen: Bei rund 21,5 Millionen Gebäuden ist bis 2032 ein Pflichteinbau von mehr als 16 Millionen iMSys vorgesehen. Der Pflichteinbau bei Erneuerbaren, Lasten aus der Elektrifizierung von Wärme/Verkehr, Verbraucher >6000 Kilowattstunden und bei variablen Tarifen erfolgt primär in 16 Millionen Ein- und Zweifamilienhäusern sowie zwei Millionen gewerblichen Gebäuden.
Für die 3,5 Millionen Mehrfamilienhäuser mit durchschnittlich sieben Wohnungen ist ein optionaler Ausbau wirtschaftlich und prozessual getrieben. Dank „1:n (ein SMGW für n Zähler)“ lohnt sich die Anbindung, wenn ein Smart-Meter-Gateway (SMGW) ohnehin vorhanden ist, etwa für Pflichteinbau oder Dienstleistungen (Mieterstrom, Submetering, Kundenwunsch).
Der heutige Stand: Mit 1,5 Millionen installierten iMSys sind 10 Prozent der Pflicht erfüllt, die Nachfrage steigt seit der Novelle des Messstellenbetriebsgesetz (MSBG) massiv. Ende 2025 werden 2,5 Millionen iMSys installiert sein, Ende 2026 durch den beschleunigten Hochlauf bereits 4,5 Millionen. Mit dann jährlich 2,5 Millionen iMSys ab 2027 werden die Rolloutziele erreicht. Markt- und Effizienzgetrieben erwarte ich einen weiter beschleunigen Ausbau zum Vollrollout.
Sonderweg Deutschland: Ja, aber als First Mover hin zum cybersicheren Smart Grid! In anderen Ländern werden Smart Meter primär dazu genutzt, Zählerdaten für Abrechnung und variable Tarife auszulesen. Italien, Frankreich, Spanien und England nutzen keine netzdienliche, bidirektionale lokale Steuerung durch Smart Meter, welche die netzbetriebliche Integration der Energiewende unterstützt und moderne Cybersicherheit bieten. Zudem wird international nur schmalbandige Kommunikation auf GPRS-Niveau (wenige kBit/s) genutzt, bei der Bandbreite/Latenz nicht für die Steuerung und Echtzeitüberwachung ausreicht. In Deutschland kommt hingegen nur Breitband-Kommunikation mit LTE 4G/5G und Breitband-Powerline zum Einsatz.
Rein Marktlich getriebenes Steuern kann sogar zur lokalen Überlast führen. Wenn Preise am überregionalen Strommarkt niedrig sind, bedeutet das nicht automatisch, dass die Netze vor Ort beliebig viel Strom zum Kunden transportieren können. Das gilt auch bei hoher lokaler Erzeugung, die nicht beliebig in Netz und Markt eingespeist werden kann. Zählerdaten-only für variable Tarife reichen bei der fortschreitenden Energiewende nicht mehr aus, um einen resilienten und effizienten Systembetrieb zu gewährleisten.
Erst die im iMSys mittels SMGW systemisch kombinierte Markt- und Netzintegration bedient die Anforderung der Energiewende. Dieser Ansatz ist gesetzlich im „Energiewende-Deal der Netzbetreiber mit Endkunden“ verankert. Jede Anlage wird an das Stromnetz angebunden und kann am Markt teilnehmen, wenn sie sicher vom Netzbetreiber steuerbar ist und so in Grenzbereichen des Stromnetzbetriebs dimmende Eingriffe auf Einspeisung und Verbrauch zulässt. Das MSBG spricht daher vom „Steuerungsrollout“ als zentraler Säule der Energiewende.
Zu viel Security und zu kompliziert: Die Steuerung und Flexibilisierung ist systemrelevant für die kritische Infrastruktur und erfordert hohe Sicherheitsstandards. Cybersichere SMGWs mit BSI-Zertifizierung erfüllen strenge Sicherheitsanforderungen und bieten Lösungen „Made in Germany“. Die Umsetzung einer cybersicheren Infrastruktur, inklusive Marktkommunikation und Vernetzung mit 850 Netzbetreibern sowie tausenden Vertriebs- und Dienstleistern, ist anspruchsvoll.
Ruf nach weniger Sicherheit nicht nachvollziehbar
Gleichwohl dürfen in der kritischen Infrastruktur keine Kompromisse bei der Sicherheit eingegangen werden. Der Ruf nach „weniger Security“ ist nicht nachvollziehbar. Berichte über Hintertüren bei chinesischen Wechselrichtern und Cloud-Lösungen zeigen, wie dringend wir von „billig“ auf „resilient“ umstellen müssen. Verdeckte Angriffe auf Infrastrukturen sind bereits reale Bedrohungen. Die Abhängigkeit von billigem Gas aus Russland hat uns an den Rand der Katastrophe geführt – haben wir daraus nichts gelernt? Das Aufrüsten der Cybersecurity in kritischen Infrastrukturen und die Stärkung des deutschen Mittelstands in diesem Bereich sind zentrale Bausteine, um den geopolitischen Herausforderungen nachhaltig zu begegnen.
Intelligente Messsysteme ermöglichen die Partizipation der Endkunden. Für Einspeisung und Bezug ergibt sich eine „dynamische Hüllkurve“, die die nur temporär vom Netz kommenden Restriktionen am Netzanschluss abbildet. Innerhalb dieser kann sich jeder Kunde weiterhin am Markt optimieren. Diese Flexibilisierung mit Nachweisführung und Soll-/Ist-Abgleich wird systemisch durch iMSys umgesetzt. Über die Marktkommunikation (MaKo) hat jeder berechtigte Teilnehmer einen standardisierten Zugang; aufgrund der Vielzahl der Teilnehmer aus Markt und Netz ist das der einzig gangbare Weg. Die MaKo-Umsetzung ist eine anspruchsvolle Aufgabe für die Branche. Die Fragmentierung mit 860 Netzbetreibern behindert die beschleunigte Digitalisierung und es besteht Konsolidierungsbedarf über Shared-Service-Gesellschaften und wettbewerbliche Messdienstleister.
Mythos „der deutsche Endkunde zahlt mehr als internationale Kunden“: Der deutsche Prosumer mit Lastmanagement nach EnWG §14a zahlt gesetzlich verankert 100 Euro pro Jahr für das iMsys. Das sind 75 Euro mehr als bei einem Zähler-only (Moderne Messeinrichtung), aber er erhält 150 Euro Netzentgelt-Gutschrift für die gewährte §14a Steuerbarkeit. Netto spart er damit also bereits 75 Euro. In UK zahlen Endkunden 73 Euro,in Frankreich 22 Euro für ein sehr altes System. International entstehen mit 100 bis 150 Euro also höhere Kosten p.a., die gleichzeitig kaum Netznutzen durch Steuerbarkeit liefern. On-Top kommt der Kundennutzen durch variable Tarife und Aggregation. Unterm Strich also ein sehr guter Deal für deutsche Endkunden und deutlich günstiger als im Ausland.
Netzinvestitionen reduzieren: Einen Teil der Kosten trägt gemäß MsbG der Netzbetreiber, der durch Steuerbarkeit/Flexibilisierung nachhaltig Netzinvestitionen senkt, Assets besser auslastet und die Resilienz im Betrieb stärkt. Der volkswirtschaftliche Nutzen der Digitalisierung der Energiewende wurde bereits 2024 in der Kosten-Nutzen-Analyse EY/BET im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums eindrucksvoll belegt. Investitionen in iMSys sind insgesamt deutlich rentabler für die Volkswirtschaft als eine Metering-only-Lösung. iMSys tragen wesentlich dazu bei, die Netzentgelte zu stabilisieren und Resilienz in der Energiewende zu stärken.
Deutschland ist Vorreiter und First Mover im Smart Grid: Der deutsche Ansatz eines Demand Response eingebettet in ein netzdienliches Smart Grid, hoher Cybersecurity und Breitband-WAN ist der logische nächste Schritt im Smart Metering Europa. Es reicht nicht den Endkunden nur als Marktteilnehmer für variable Tarife zu erschließen. Es braucht auch eine sichere Netzintegration und Netzüberwachung in Echtzeit.
Die Niederlande folgt mit „NextGen“ bereits dem systemischen Ansatz eines Smart Meter Gateways, der europäische Metering-Verband ESMIG nennt den deutschen Ansatz „richtungsweisend“ und die EU hat CEN/CENELEC gerade ein Mandat zur Standardisierung des Smart Meter Gateways erteilt. Der „deutsche Sonderweg“ entpuppt sich als richtungsweisender First Mover Ansatz hin zu einem resilienten Smart Grid System, der auch dem Ende 2024 beschlossenen EU Network Code zu Demand Response vorauseilt.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden