Energieaußenpolitik : US-LNG in deutschen Häfen: Ein Deal nach Trumps Geschmack
In dem Moment, in dem sich die USA in Richtung Autokratie bewegen, vertiefen deutsche Staatsunternehmen ihre Abhängigkeit von US-LNG, beklagt Moritz Leiner von der NGO Urgewald. Der fossile Brückenschlag habe katastrophale Auswirkungen, was sich besonders deutlich am Beispiel von Deutschlands größtem Lieferanten Venture Global zeige.
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Mit dem Umstieg von russischen Gasimporten auf US-LNG und den im Zoll-Deal angekündigten Käufen von Energie aus den USA im Wert von 750 Milliarden US-Dollar stürzt sich die EU – allen voran die deutsche Bundesregierung – in neue autokratische Abhängigkeiten und verschleppt die Energiewende. Welche Gefahren die Regierung Merz sowie deutsche Energie- und Finanzkonzerne der Bundesrepublik damit aufbürden, zeigt das Beispiel des US-Konzerns Venture Global. Statt dessen Expansionsgeschäft zu finanzieren, brauchen wir ein konsequentes Herunterfahren des Gasverbrauchs, ein verbindliches Enddatum für fossiles Gas und den schnellstmöglichen Ausbau Erneuerbarer.
Das heißt konkret:
•Ein verbindliches Gasausstiegsziel für 2035, verbunden mit einem massiven Ausbau erneuerbarer Energien, Energieeffizienzprogrammen und einer Wärmewende im Gebäudesektor
•Ein sofortiges Moratorium der Bundesregierung für neue LNG-Infrastrukturprojekte, solange kein Gasausstiegsplan existiert
•Ein Stopp neuer langfristiger Gasimportverträge durch deutsche Energieunternehmen wie SEFE und Uniper, insbesondere für Fracking-Gas
•Ein klares Bekenntnis deutscher Finanzinstitute, keine weiteren Kredite an LNG-Projekte und die dahinterstehenden Unternehmen zu vergeben – weder im In- noch im Ausland
EU und Deutschland befeuern Trumps LNG-Boom-Agenda
Warum diese Schritte so notwendig sind, zeigt eindrücklich ein Blick über den Atlantik. Denn während sich die EU und Deutschland zum 1,5-Grad-Ziel bekennen, machen sie sich gleichzeitig zu Erfüllungsgehilfinnen der fossilen Industrie in den USA. Deutsche Energieversorger wie die Staatsunternehmen SEFE und Uniper sowie RWE und EnBW haben neue, langjährige LNG-Verträge mit US-Unternehmen abgeschlossen.
So hat der deutsche Staatskonzern SEFE, einst Gazprom Germania, zuletzt einen neuen 20-Jahres-Vertrag mit einem der aggressivsten LNG-Konzerne weltweit unterschrieben: dem US-Unternehmen Venture Global. Zusammengerechnet mit bestehenden Vereinbarungen von EnBW wird Venture Global bald jährlich fünf Millionen Tonnen US-LNG an deutsche Abnehmer liefern – laut eigener Aussage strebt das Unternehmen damit die Position als „Deutschlands größter LNG-Lieferant“ an.
Diese Verträge zielen nicht nur auf die Lieferung fossilen Gases über Jahrzehnte – sie stärken auch die US-amerikanische Fracking-Industrie, deren Expansion von der Trump-Regierung forciert wird. Trump nutzt die US-LNG-Dominanz als geopolitisches Druckmittel und verklärte den fossilen Brennstoff bereits in seiner ersten Amtszeit zum „Freedom Gas“. Was angeblich freiheitsbringend für Europa sein soll, ist in jedem Fall eines: gewinnbringend für US-Konzerne. Es ist fatal, dass gerade jetzt, in dem Moment, in dem sich die USA auf dem Weg in Richtung Autokratie befinden, deutsche Staatsunternehmen diese Abhängigkeit vertiefen.
US-LNG steht für Klimakollaps, Umweltzerstörung und menschliches Leid
Dieser fossile Brückenschlag hat katastrophale Auswirkungen. Besonders deutlich wird das am Beispiel von Venture Global. Der Konzern plant laut der Urgewald-Datenbank Global Oil and Gas Exit List 2024 den Bau von LNG-Terminals mit einer Gesamtexportkapazität von 68 Millionen Tonnen LNG pro Jahr – so viel wie kein anderes Unternehmen weltweit. Der Konzern hat bereits zahlreiche Langfristverträge mit deutschen Abnehmern wie SEFE und EnBW abgeschlossen – und erhielt in den vergangenen Jahren Kredite von deutschen Banken wie der Deutschen Bank, DZ Bank, Helaba, KfW IPEX und LBBW.
Ein besonders enger Partner ist die Deutsche Bank, die unter anderem den Börsengang von Venture Global mit begleitete. Sie gab zudem erst kürzlich neue Anleihen des Konzerns mit heraus, was ein breites Bündnis aus US-amerikanischen und europäischen Umweltgruppen kritisiert hat.
Die Folgen vor Ort in den USA sind verheerend: In Louisiana trocknen Gemeinden rund um LNG-Anlagen buchstäblich aus – Anwohner:innen berichten, dass sie „kaum genug Wasser zum Zähneputzen“ haben. Methan-Leckagen bei Förderung und Transport des Gases sowie die Treibhausgasemissionen in der gesamten Wertschöpfungskette aus Verflüssigung, Transport und Regasifizierung führen, gerade bei US-LNG, zu einer enorm schlechten Klimabilanz. Die Emissionen entsprechen oder übersteigen sogar die des Brennstoffs Kohle. CCS-Projekte (Carbon Capture and Storage), bei denen das anfallende CO2 im Untergrund deponiert werden soll, sind bislang reine Greenwashing-Strategien – ohne belastbare Nachweise für ihre Wirksamkeit.
All dies geschieht in einkommensschwachen Gemeinden, in denen vor allem Schwarze, Indigene und People of Color leben. Sie werden schon lange mit den Gesundheitsfolgen der LNG-Anlagen allein gelassen. Dieser Umweltrassismus wird durch die Expansionsgeschäfte von Venture Global und Co. weiter fortgeschrieben.
Doch der Konzern ist auch in anderer Hinsicht ein heikler Geschäftspartner: Die US-Umweltbehörde EPA ermittelte Berichten zufolge gegen Venture Global wegen Vertragsverletzungen und technischer Mängel der Anlagen. Der Konzern hat bei seinem LNG-Exportterminal Calcasieu Pass in Louisiana, von dem aus auch nach Deutschland exportiert wird, bereits in den ersten anderthalb Betriebsjahren rund 2000 Mal gegen Genehmigungen verstoßen. Trotzdem investieren deutsche (Staats-) Unternehmen und Finanzinstitute weiter.
Gasimporte vertiefen geopolitische Abhängigkeiten
Die Probleme des LNG-Booms sind keineswegs auf die USA beschränkt. Gasimporte aus anderen Regionen wie Mosambik oder den Vereinigten Arabischen Emiraten bringen ähnliche Probleme mit sich. Gasförderung weltweit geht mit massiven Klima-, Umwelt- und Menschenrechtsverletzungen einher. So leidet die Bevölkerung in Cabo Delgado (Mosambik) unter Vertreibungen, Militarisierung und zunehmender Gewalt im Zuge des Mozambique LNG Projekts von TotalEnergies. In den Vereinigten Arabischen Emiraten ist die Gasindustrie eng mit dem autoritären Regime und systematischer Ausbeutung von Arbeitsmigrant:innen verknüpft.
Trotzdem schloss das deutsche Staatsunternehmen SEFE kürzlich einen neuen LNG-Importvertrag mit dem staatlichen Öl- und Gaskonzern ADNOC ab. Dass autoritäre Staaten wenig Interesse an der Einhaltung von Umwelt- und Menschrechtsstandards haben, zeigen Katar und dessen staatlicher Öl- und Gaskonzern QatarEnergy: Medienberichten zufolge forderten sie Änderungen am EU-Lieferkettengesetz und drohten andernfalls mit einem Ende der LNG-Lieferungen.
Aber auch langfristige Gasabnahmeverträge aus geopolitisch weniger riskanten Herkunftsländern wie Norwegen bergen eine große Klima-Hypothek. Vor allem wenn sie – wie jüngst von Norwegens größtem Öl- und Gaskonzern Equinor gefordert – über das Jahr 2035 hinausgehen und zahlreiche neue Felder erst noch erschlossen werden sollen. Solche langfristigen Lieferbeziehungen verlängern die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und bremsen den Umstieg auf erneuerbare Energien.
Fest steht: Sämtliche Gasimporte – egal ob mittels Pipeline oder LNG-Tanker, egal ob aus Europa, vom Arabischen Golf oder aus den USA – treiben uns tiefer in geopolitische Abhängigkeiten und verschärfen die Klimakrise.
Deutschland und die EU brauchen schnellen Gasausstiegsplan
Was wir nicht vergessen dürfen: Die neuen Lieferstrukturen sind nur durch milliardenschwere Investitionen in den Auf- und Ausbau von LNG-Terminals und Gaskraftwerken möglich, die sich erst durch eine jahrzehntelange Nutzung für die Betreiber rechnen. Nachdem Deutschlands Kohleausstieg bereits mit öffentlichen Milliardenausgaben subventioniert wird, droht hier das nächste fossile Milliardengrab auf Kosten künftiger Generationen.
Mit jedem neuen LNG-Vertrag werden außerdem Milliarden gebunden, die anderswo fehlen – zum Beispiel für die Förderung der Wärmewende, den Ausbau erneuerbarer Energien, für den Aufbau eines grünen Wasserstoffnetzes oder die Modernisierung von Stromnetzen. Die Zukunft in Deutschland und der EU ist klimaneutral. Der LNG-Boom droht uns den Weg dahin abzuschneiden.
Statt neue Gasverträge zu unterzeichnen und Milliarden in überdimensionierte LNG-Infrastruktur sowie neue Gaskraftwerke zu stecken, müssen EU-Kommission und Bundesregierung daher einen Ausstiegsfahrplan vorlegen – mit einem verbindlichen Enddatum für die Nutzung fossilen Gases, idealerweise spätestens 2035. Ohne solch ein Ziel bleibt die aktuelle Gasstrategie geopolitisch riskant, teuer und klimaschädlich – und gefährdet unsere Zukunft.
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