Gebäudemodernisierungsgesetz : Vertane Chance: Die Holzkaskade endlich ernst nehmen – für Klima, Kreislauf und Wertschöpfung
Die kaskadische Nutzung von Biomasse ist nicht mehr Teil des vom Kabinett beschlossenen Entwurfs des Gebäudemodernisierungsgesetzes. Damit wird eine wichtige Auseinandersetzung darüber, welche Nutzung von Holz den größten Klima- und Wertschöpfungsnutzen stiftet, gar nicht erst geführt, schreibt Wolfgang Beck, Vorstandsmitglied im Verband Die Papierindustrie.
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Der Referentenentwurf zum Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG) ordnet das Gebäudeenergierecht neu – und bringt dabei eine Frage auf den Punkt, die in Deutschland seit Jahren verdrängt wird: Wie gehen wir effizient mit dem wertvollen Rohstoff Holz um? Im Zentrum stand die geplante verpflichtende kaskadische Nutzung von Biomasse. Umso größer ist die Enttäuschung, dass die Kaskade offenbar umgehend wieder aus dem Kabinettsentwurf gestrichen wurde – eine vertane Chance, die Holzkaskade endlich ernst zu nehmen.
Das Wirtschaftsministerium zeigt damit wenig Standfestigkeit: Statt die Debatte sachlich zu führen, hat offenbar politischer Druck der Holzenergie-Verbände und Bündnisse ausgereicht, um einen zentralen Baustein moderner Bioökonomie- und Ressourcenpolitik ohne inhaltliche Auseinandersetzung wieder zu streichen. Dabei besteht bereits heute Handlungsdruck, wenn wir Klimaschutz und Bioökonomie ernst nehmen wollen.
Wer reflexartig „Kommunismus“ oder „Planwirtschaft“ ruft, sobald regulative Prioritäten im Umgang mit begrenzten Ressourcen diskutiert werden, ersetzt Argumente durch Schlagworte. Es wird Zeit, das Thema nüchtern zu besprechen: Welche Nutzung von Holz stiftet den größten Klima- und Wertschöpfungsnutzen und wie können wir die knappen Stoffströme entsprechend lenken?
Kaskadenprinzip: Europäische Leitplanke statt nationaler Sonderweg
Die Holzkaskade ist kein industriepolitisches Wunschdenken, sondern folgt einer klaren europäischen Leitplanke. Die RED III (Richtlinie (EU) 2023/2413) verankert das Kaskadenprinzip ausdrücklich als Maßstab für die Bioenergiepolitik – mit einer Prioritätenfolge von stofflicher Nutzung über Wiederverwendung und Recycling bis zur energetischen Nutzung am Ende.
Genau deshalb wäre es richtig, wenn das GModG diese Logik nun aufgreift: Wo immer möglich, muss Holz zuerst stofflich genutzt werden und erst am Ende der Kaskade energetisch. Diese Priorisierung ist dabei nicht nur ein „Heizungsthema“, sondern muss ganzheitlich verfolgt werden. Verankert ist dieser Ansatz beispielsweise bereits in der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) oder der europäischen Bioökonomiesstrategie.
Viele Kritiker tun dennoch so, als sei dieser Entwurf nun eine neue, starre und praxisferne Vorschrift gewesen. Wer den einschlägigen Passus ernsthaft liest, erkennt jedoch: Es gibt Spielräume. In der EU-Logik sind Ausnahmen und Abweichungen ausdrücklich angelegt, etwa bei besonderen Umständen wie regionalen Engpässen oder etwa Sturmereignissen. Wer also behauptet, es gäbe keinerlei Flexibilität, verkürzt die Debatte bewusst. Sachlichkeit ist hier das Gebot der Stunde.
Wachsender Zielkonflikt: Pelletboom und schwindende Wertschöpfung
Der Handlungsbedarf ist ohnehin offensichtlich. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich die Pelletproduktion mehr als verachtfacht (mit weiter steigender Tendenz). Längst landet nicht mehr nur das vermeintliche „Restholz“ im Ofen. Immer häufiger gehen Sortimente in Flammen auf, die zunächst stofflich noch genutzt werden sollten. Das ist nicht nur eine Frage der problematischen Rohstoffverfügbarkeit – es ist ein vermeidbarer Verlust an Wertschöpfung, Arbeitsplätzen und Steueraufkommen und es schwächt die Versorgungssicherheit industrieller Wertschöpfungsketten.
Gleichzeitig gilt: Holzenergie ist nicht gleich Holzenergie. Im Gebäudebereich gibt es mit beispielsweise Wärmepumpen vielfach erprobte Alternativen. Industrieprozesse – insbesondere bei hohen Temperaturen – haben dagegen kaum Ausweichoptionen, insbesondere unter unserem strengen ETS-Regime. Wer die energetische Holznutzung im privaten Bereich weiterhin breit fördert, zementiert Pfadabhängigkeiten: Holz wird dann nicht „jetzt“, sondern über die gesamte Lebensdauer der Heizung verbrannt – und fehlt morgen dort, wo es für die industrielle Transformation tatsächlich gebraucht wird.
Mehrfachnutzen statt Einmaleffekt: Warum stoffliche Nutzung überlegen ist
Der entscheidende Unterschied ist der Systemnutzen: Thermische Nutzung wirkt einmal. Stoffliche Nutzung wirkt mehrfach. So können etwa Papierfasern – gestützt durch den etablierten Altpapierkreislauf – bis zu 25-mal genutzt werden. Als zentraler Baustein der Bioökonomie hält Papier Kohlenstoff mit jeder Nutzungsphase länger im Material und ersetzt am Ende wiederholt fossile Materialien, etwa in Verpackungen. Und: Am Ende der Kaskade bleibt die energetische Nutzung weiterhin möglich. Das ist effiziente Klimapolitik – nicht Ideologie.
Gerade mit Blick auf den künftig weiter steigenden Biomassebedarf der Bioökonomie müssen wir die stoffliche Nutzung priorisieren und ein echtes Level-Playing-Field schaffen. Denn bei der Zell- und Holzstoffherstellung bleiben wertvolle Nebenprodukte wie Lignin übrig, die bereits heute genutzt werden – und künftig noch stärker als Rohstoffbasis für innovative, biobasierte Produkte an Bedeutung gewinnen. Hier liegt erhebliches Wertschöpfungspotenzial, während die energetische Nutzung zwar altbewährt, aber wenig innovativ ist.
Kein freier Markt: Subventionen als Fehlanreiz
Ein Punkt wird in der Debatte oft ausgeklammert: Freie Marktwirtschaft ist Grundpfeiler industrieller Innovations- und Wertschöpfungskraft – aber solange Förderprogramme und steuerliche Vorteile einseitig die energetische Nutzung begünstigen, ist der Markt nicht frei, sondern verzerrt. Dazu gehören auch reduzierte Mehrwertsteuersätze auf Holzbrennstoffe oder aber die Förderung von Holzenergie ohne Berücksichtigung der Kaskadennutzung.
Wer keine regulativen Eingriffe will, muss sich dafür einsetzen, die fehlgeleiteten Anreize zur energetischen Nutzung endlich abzubauen – sonst bleibt jede Markt-Argumentation inkonsequent. Ein „Level Playing Field“ kann es nur geben, wenn für stoffliche und energetische Nutzung gleiche Spielregeln gelten: Entweder wird die Mehrwertsteuer auf stoffliche Holznutzung in vergleichbarer Weise gesenkt – oder sie wird bei energetischer Nutzung wieder angehoben. Ebenso müssen Förderungen für Holzheizungen so reformiert werden, dass sie nicht länger zusätzliche Nachfrage nach knappen Sorten erzeugen, die stofflich noch genutzt werden sollten.
Nur dann bleibt der Rohstoff auch ohne regulative Vorschriften in der Prozesskette, statt durch Fehlanreize frühzeitig aus dem Kreislauf zu verschwinden. Die Kaskade wirkt nicht auf dem Papier – sie wirkt nur, wenn sie in der Praxis gelebt wird. Genau deshalb ist die Streichung aus dem Kabinettentwurf ein Rückschritt. Wer Klimaschutz und Bioökonomie ernst nimmt, sollte diese Chance nicht verstreichen lassen, sondern die Holzkaskade als rationales Prinzip der Ressourceneffizienz verteidigen: für Kreislaufwirtschaft, Wertschöpfung und am Ende auch für glaubwürdige und wirksame Klimapolitik.
Wolfgang Beck ist Vorstandsmitglied und Vorsitzender des Ausschusses Forst & Holz im Verband Die Papierindustrie.
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