Standpunkt : Warum Technologieoffenheit beim Heizen trügt
Das Gebäudemodernisierungsgesetz steht laut der Koalition für Technologieoffenheit. Was nach Wahlfreiheit klingt, führt in der Praxis zu mehr Unsicherheit. Je unklarer die Vorgaben, desto häufiger werden Entscheidungen aufgeschoben, schreibt Gründer und Architekt Alexander Müller.
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Die Eckpunkte zum Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) sollen mehr Technologieoffenheit schaffen. Doch Technologieoffenheit setzt voraus, dass Verbraucher informierte Entscheidungen treffen können.
Genau das ist im Heizungsmarkt oft nicht der Fall. Statt klarer Orientierung stehen viele Haushalte einem unübersichtlichen Markt gegenüber und müssen Entscheidungen treffen, die sie kaum bewerten können. Technologieoffenheit führt zu mehr Komplexität.
Zwar gibt es verschiedene technische Optionen. In der Praxis sind sie aber nicht gleichwertig. Etablierte Lösungen wie die Wärmepumpe stehen neben Technologien, die auf absehbare Zeit Nischen bleiben werden. Trotzdem werden sie politisch oft gleich behandelt.
Für Verbraucher entsteht so der Eindruck, es gebe viele gleich gute Wege, obwohl das nicht zutrifft. Statt Orientierung entsteht Unsicherheit. Technologieoffenheit bedeutet aktuell vor allem: Der Staat zieht sich zurück, und Verbraucher müssen sich allein in einem komplexen Markt zurechtfinden.
Kostenrisiken werden systematisch unterschätzt
Hinzu kommt, dass viele Haushalte Kosten falsch einschätzen. Sie vergleichen hohe Anfangsinvestitionen mit unsicheren zukünftigen Betriebskosten. Dieser asymmetrische Vergleich führt oft dazu, dass günstige Anschaffungskosten überbewertet werden.
Fossile Heizungen wirken auf den ersten Blick attraktiv. Ihre laufenden Kosten hängen jedoch stark von politischen Entscheidungen und globalen Märkten ab. Mit steigenden CO2-Preisen und unsicheren Energieimporten ist absehbar, dass diese Kosten deutlich steigen werden.
So kommt eine Fraunhofer-Studie zu dem Ergebnis, dass auch die fehlende Gasnetzplanung ein treibender Kostenfaktor ist: Je mehr Haushalte sich gegen Gas entscheiden, desto teurer werden die Instandhaltungskosten für die Netze für die Haushalte, die noch mit Gas heizen. Solche Haushalte müssten dadurch bis 2045 mit 4000 Euro mehr Kosten pro Jahr rechnen.
Diese Informationen fehlen vielen Verbrauchern, um solche Risiken realistisch einordnen zu können. Technologieoffenheit funktioniert aber nur, wenn genau das möglich ist.
Entscheidungen basieren oft auf unzureichenden Daten
Viele Entscheidungen werden auf einer sehr dünnen Datengrundlage getroffen. Der Markt ist fragmentiert, Angebote sind schwer vergleichbar, und viele Haushalte wissen nicht, ob ein Angebot gut oder zu teuer ist.
Dabei kommt es auf wenige zentrale Faktoren an: Wie hoch ist die Heizlast? Wie gut ist das Gebäude gedämmt? Und wie groß muss die Anlage wirklich sein? Wenn diese Fragen nicht sauber beantwortet werden, entstehen schnell Fehlentscheidungen – etwa überdimensionierte Anlagen mit unnötig hohen Betriebskosten.
Gleichzeitig fehlen oft Vergleichswerte. Viele Haushalte holen nur ein oder zwei Angebote ein. Dass identische Systeme mehrere tausend Euro unterschiedlich kosten können, bleibt für sie kaum nachvollziehbar.
Installationsbetriebe kalkulieren zudem häufig mit Sicherheitsaufschlägen. Das ist verständlich, weil sie Risiken vermeiden wollen. Für Verbraucher bedeutet es aber zusätzliche Kosten, ohne dass sie diese einordnen können. Auch hier zeigt sich: Ohne Transparenz wird Wahlfreiheit zur Belastung.
Wer falsch heizt, verliert beim Immobilienwert
Ein Aspekt wird in der Debatte oft ausgeblendet: Die Wahl der Heizung beeinflusst direkt den Wert einer Immobilie. Studien zeigen, dass energieeffiziente Gebäude am Markt deutlich höhere Preise erzielen, während ineffiziente Objekte Abschläge hinnehmen müssen. Der Unterschied kann bis zu 20 Prozent betragen.
Mit der geplanten Anpassung der Energieausweise auf europäischer Ebene dürfte sich dieser Effekt weiter verstärken. Für Eigentümer bedeutet das: Die Entscheidung für ein Heizsystem ist nicht nur eine Kostenfrage, sondern auch eine Investition in den Immobilienwert. Wer diesen Zusammenhang nicht berücksichtigt, bewertet Alternativen unvollständig.
Förderung als entscheidender, aber ambivalenter Faktor
Förderprogramme spielen eine zentrale Rolle. Für viele Haushalte sind sie die Voraussetzung, um überhaupt in die energetische Sanierung ihrer Immobilie zu investieren. Gleichzeitig machen sie den Markt nicht einfacher: Förderbedingungen, Nachweispflichten und technische Vorgaben erhöhen den Aufwand bei Planung und Einbau. Das treibt Kosten und macht Angebote noch schwerer vergleichbar.
Verbraucher müssen nicht nur eine technische Entscheidung treffen, sondern auch ein komplexes Fördersystem verstehen. Zugleich können hohe Förderquoten Preissignale verzerren. Wenn ein Teil der Kosten übernommen wird, sinkt der Druck, Preise zu vergleichen. Das trägt dazu bei, dass sich ineffiziente Strukturen im Markt halten.
Entscheidend ist daher nicht nur die Höhe der Förderung, sondern ihre Ausgestaltung. Sie muss verständlich sein, klare Anreize setzen und darf die Komplexität nicht weiter erhöhen.
Was jetzt entscheidend wird
Die aktuellen GMG-Eckpunkte zeigen ein grundlegendes Problem: Mehr Optionen führen nicht automatisch zu besseren Entscheidungen. Wenn Märkte intransparent sind, führt Technologieoffenheit vor allem dazu, dass Verbraucher allein gelassen werden.
Viele reagieren darauf, indem sie abwarten. Selbst dann, wenn ihre Heizung eigentlich ersetzt werden müsste. Politische Unsicherheit verstärkt diesen Effekt zusätzlich. Für die kommenden Jahre wird entscheidend sein, ob es gelingt, den Markt verständlicher zu machen.
Technologieoffenheit kann nur funktionieren, wenn Verbraucher echte Entscheidungsgrundlagen haben. Ohne diese bleibt sie vor allem eines: ein Risiko.
Alexander Müller ist Architekt und Co-Gründer von enter, Berliner Start-Up für Energieberatung und Vergleichsplattform für Wärmepumpenangebote.
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