AgNes-Prozess : Warum wir die Reform brauchen – und woran sie jetzt nicht scheitern darf
Die Bundesnetzagentur wird das Netzentgeltsystem modernisieren. Ein wichtiger Schritt, findet EnBW-Vorstand Dirk Güsewell. Gleichzeitig warnt er vor zu viel Komplexität bei der Reform. Denn am Ende messe sich der Erfolg maßgeblich darin, ob das Vorhaben praxistauglich umgesetzt werde.
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Das aktuelle Netzentgeltsystem stammt aus einem fossilen Zeitalter, in dem Windkraftanlagen die Ausnahme waren und der Netzausbau eine untergeordnete Rolle spielte. Die aktuellen Regelungen treten mit dem Jahreswechsel 2028/2029 außer Kraft. Bis dahin gilt es, eine neue Regelung festzulegen.
Das Energiesystem hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Es ist deutlich flexibler geworden und erneuerbare Energien dominieren zunehmend die Stromversorgung. Die lastferne Einspeisung ist damit das neue „Normal“ und knappe Anschlusskapazitäten erhöhen den Druck, das System neu zu justieren.
Die Netzentgeltsystematik muss mit diesen Entwicklungen mithalten. Als bloßer Verteilmechanismus von Kosten dürfen die Netzentgelte daher künftig nicht mehr dienen. Sie sollten durch ein wohl gewähltes Preisschild für die Netznutzung Anreize für Flexibilitätseinsatz setzen, den Speicherzubau beeinflussen und Investitionen lenken. Sie müssen mit darüber entscheiden, wie effizient und verursachungsgerecht die Kosten der Energiewende verteilt werden.
Deshalb ist die Reform der Netzentgeltsystematik aus meiner Sicht richtig und notwendig.
Gute Leitplanken reichen noch nicht
Gut ist, dass die Bundesnetzagentur (BNetzA) den AgNes-Prozess früh gestartet hat. Kostenorientierung, verursachungsgerechte Finanzierung, Anreize für systemdienliches Verhalten und praktische Umsetzbarkeit sind die richtigen Leitplanken.
Entscheidend und zum jetzigen Zeitpunkt fehlend ist aber der Blick aufs Ganze. Denn als Vorstand eines Energieunternehmens, das entlang der gesamten Wertschöpfungskette agiert, sehe ich die Herausforderungen auf Last-, Netz- und Einspeiseseite gleichermaßen. Dies wird meines Erachtens aktuell von der BNetzA nicht ausreichend gewürdigt.
Reform ja – aber realistisch bleiben
Alle Marktteilnehmer sind sich einig: Eine Reform ist notwendig. Akzeptanz und Marktstabilität hängen jedoch daran, ob die Umsetzung realistisch und praxistauglich geplant ist: IT‑ und Abrechnungskomplexität, anspruchsvolle Marktkommunikation und parallele Großprojekte zur Implementierung weiterer regulatorischer Vorgaben setzen allen Marktteilnehmern, die bereits heute stark ausgelastet sind, kapazitive Grenzen.
Abgesehen von jeglichen Inhalten, bin ich deshalb der Meinung: Wer diese Realität, diese Ausgangssituation, unterschätzt, riskiert sehenden Auges Friktionen – und setzt am Ende das Vertrauen der Branche ebenso wie das der Netznutzer aufs Spiel.
Komplexität raus, Klarheit rein!
Mein zentraler Punkt: Diese Reform darf nicht an ihrer eigenen Komplexität scheitern. Nur ein für die Netzkund:innen verständliches, verlässliches Modell wird Akzeptanz schaffen, Flexibilität heben und Kosten verursachungsgerechter zuordnen.
Bei den Netzentgeltkomponenten geht die Bundesnetzagentur bereits in die richtige Richtung. Es ist sinnvoll, den Kapazitätspreis anstelle des heutigen Leistungspreises für Großverbraucher einzuführen. Er ist planbarer, verursacht weniger Fehlanreize und belohnt netzdienliches Verhalten. Um die Komplexität gering zu halten, sollte auch die Grund-/Arbeitspreis-Logik für Haushaltskund:innen zunächst bestehen bleiben. Reformdruck rechtfertigt keine Überforderung.
Hochdynamische Netzentgelte: hoher Aufwand, unklarer Mehrwert
Mehr Effizienz im Netz und niedrigere Redispatch- sowie Netzausbaukosten sind richtige Ziele. Ich bezweifle aber, dass hochdynamische Netzentgelte im 15-Minuten-Takt der richtige Weg sind. Der Aufwand wäre enorm, der Nutzen unsicher. Die Reaktionen der Marktteilnehmer auf solche Preissignale lassen sich heute kaum belastbar vorhersagen. Kurz gesagt: Der Implementierungsaufwand wäre immens und mit Blick auf das in Frage stehende Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht zu rechtfertigen.
Sinnvoller ist ein stufenweises Vorgehen: bestehende zeitvariable Netzentgelte (§ 14a, Modul 3) weiterentwickeln, ihre Granularität schrittweise erhöhen und den Anwendungsbereich ausweiten. Das wäre ambitioniert, aber auch umsetzbar.
Speicher brauchen die richtigen Signale
Speicher sind kein Randthema, sondern zentral für ein flexibles Stromsystem. Der Ansatz, Entgeltbelastung und -entlastung an die Netzdienlichkeit (Standort und Fahrweise) zu koppeln, ist daher sinnvoll. Wo Speicher das Netz nachweislich entlasten, sollte es hohe Rabatte bis hin zur vollständigen Entlastung von den Netzentgelten geben.
Skeptisch bin ich dagegen bei Einspeiseentgelten. Sie wirken nur scheinbar verursachungsgerecht, schaffen aber volkswirtschaftlich kaum Mehrwert, da sie am Ende wieder auf die Verbraucher gewälzt würden. Mehr Lenkungswirkung versprechen Einmalzahlungen in Form regional differenzierter Baukostenzuschüsse. Sie setzen klare Signale für effiziente Netzanschlüsse und schaffen Planbarkeit für Investoren.
Bei allen Reformüberlegungen muss gelten: Vertrauensschutz ist nicht verhandelbar! Bereits getätigte Investitionen dürfen nicht nachträglich entwertet werden – insbesondere mit Speichernetzentgelten und möglichen Einspeiseentgelten. Wer Investitionen will, darf im Nachhinein nicht die Regeln zulasten der Investoren ändern.
Auch die Verteilfrage gehört auf den Tisch
Die BNetzA hatte zu Beginn bundeseinheitliche Verteilnetzentgelte in die Diskussion eingebracht. Diesen Ansatz haben wir begrüßt. Dass er im weiteren Prozess kaum noch eine Rolle spielt, halte ich für eine verpasste Chance.
Gerade mit Blick auf mehr als 800 Verteilnetzbetreiber läge hier erhebliches Potenzial, Marktprozesse zu vereinfachen und die Kosten dezentraler Einspeisung gerechter zu verteilen.
Worauf es jetzt ankommt
Maßgeblich für den Erfolg der Netzentgeltreform sind ein nachvollziehbares Kosten‑Nutzen‑Verhältnis der Flexibilitätsanreize und die praktische Umsetzbarkeit des Gesamtmodells für alle Marktteilnehmer. Nur so entsteht Akzeptanz – in der Branche wie auch bei den Kund:innen.
Das Netzentgeltsystem muss auf ein effizientes Gesamtsystem einzahlen und zugleich konsistent zu Netzpaket und EEG bleiben. Dafür braucht es einen ganzheitlichen Blick und ein konsistentes Ineinandergreifen der Instrumente zwischen Regulierung, Politik und Markt. Gelingt diese Balance, wird die Reform zum tragfähigen Fundament einer erfolgreichen Energiewende.
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