Dekarbonisierung : Wasserstoff nach dem Hype – jetzt entscheidet der richtige Policymix
Wasserstoff bleibt ein wichtiger Baustein für die Dekarbonisierung. Damit der Hochlauf doch noch gelingt, braucht es einen klugen Policymix, der Infrastruktur maßvoll ausbaut, Regulierung pragmatisch hält und Förderung gezielt einsetzt, schreibt Philipp Steinberg, Berater und ehemaliger Abteilungsleiter im Bundeswirtschaftsministerium.
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Alle sprechen davon, dass der Wasserstoff-Hype vorbei sei. Entscheidend ist aber, dass nach dem Hype keine Bruchlandung folgt. Wasserstoff (und andere grüne Moleküle) bleiben – richtig eingesetzt – ein unverzichtbarer Baustein der Energiewende – denn über 70 Prozent der Primär- wie Endenergie ist nach wie vor fossil. Er ersetzt fossile Moleküle dort, wo Elektrifizierung physikalisch oder ökonomisch an Grenzen stößt: in der Grundstoffindustrie, im internationalen Verkehr, in H2-fähigen Kraftwerken und in Nischen der Wärmeversorgung.
Realistische Rolle des Wasserstoffs
Wasserstoff ist kein Allheilmittel, sondern eine Ergänzung eines elektrifizierten Energiesystems. Die bisherigen Bedarfsprognosen von bis zu 700 Terawattstunden (TWh) bis 2045 sind ambitioniert und angesichts von Kosten, Infrastrukturengpässen und begrenzter Zahlungsbereitschaft wohl nicht haltbar. Realistisch erscheint ein Bedarf im niedrigen dreistelligen TWh-Bereich, abhängig von Industriepfaden, ETS-Preisen und der Frage, wie stark sich Unternehmen transformieren oder Standorte verlagern.
Damit rückt die entscheidende Frage in den Mittelpunkt: Wie gelingt ein Hochlauf, der verlässlich, resilient und bezahlbar ist.
Infrastruktur: so viel wie nötig, so flexibel wie möglich
Ein erfolgreicher Hochlauf braucht Infrastruktur – aber nicht maximal, sondern passgenau.
Angesichts des langsameren Markthochlaufs braucht das bereits „atmend“ angelegte H2-Kernnetz mehr Flexibilität: zeitliche Streckung nach 2037, regelmäßige Bedarfs-Checkpoints und eine klare Priorisierung systemrelevanter Abschnitte. Dies kann im Rahmen des NEP-Prozesses erfolgen.
Statt sieben paralleler Korridore braucht es eine Fokussierung auf wenige realistische Importkorridore – insbesondere Nordsee/DK und Südwestkorridor. Auch wenn die parallele Planung erfolgt, um herauszufinden, welcher Korridor denn realistisch ist – diese Entscheidung muss bald getroffen werden.
Ohne Kavernenspeicher sind H2-Kraftwerke und andere Großabnehmer nicht zu versorgen. Auch wenn unklar ist, ob und wann die H2-Kraftwerke kommen: Die regulatorische Basis muss entwickelt werden. Notwendig sind klare Investitionssignale – etwa über Kapazitätsmechanismen oder CfD-ähnliche Modelle zusätzlich zur Nachfrageförderung.
Inländische Elektrolyse bleibt aus Resilienzgründen wichtig. Sie sollte systemdienlich dort entstehen, wo Überschussstrom anfällt – unterstützt durch variable Netzentgelte, Redispatch Strom und vereinfachte Bilanzierungsregeln.
Regulierung: pragmatisch, flexibel, investitionssicher
Die Industriequote (42 Prozent erneuerbarer H2 bis 2030) und die RFNBO-Quote im Verkehr der RED III sind starke Nachfrageimpulse – wenn sie umgesetzt werden. Deutschland kann die Quote nach Art. 22b RED III um bis zu 20 Prozent senken, sofern es beim RES Ausbau „on track“ ist und fossiler H2 unter 23 Prozent bleibt. Das schafft Flexibilität, ohne EU Recht zu verletzen. Allein die Verkehrsquote kann – wenn sie denn endlich Gesetz wird – eine H2-Nachfrage von 20 – 30 TWh erzeugen. Die Industriequote – auch reduziert - deutlich mehr.
Die EU-Kriterien zu Additionalität und zeitlicher/geografischer Korrelation des Delegierten Rechtsakts für grünen H2 sind systemisch nachvollziehbar, aber nicht mehr zeitgemäß. Eine pragmatische Weiterentwicklung könnte die Kosten laut einigen Quellen um 20–40 Prozent senken. Bis dahin sollte Deutschland alle nationalen Spielräume nutzen: Flex-Fenster bei Abgaben, variable Netzentgelte, Redispatch-Strom, vereinfachte Bilanzkreise. Und auch der Low-Carbon Delegated Act – bei dem diese Kriterien nicht gelten – muss entbürokratisiert werden
Quoten sollten weiterhin ausschließlich grünen Wasserstoff adressieren, um Investitionen nicht zu entwerten. Förderinstrumente hingegen können technologieoffener sein – insbesondere seit der EU-Definition von „low carbon hydrogen“. Eine Öffnung der Förderprogramme (H2Global, Hydrogen Bank) für Low Carbon H2 ist sinnvoll, eine Öffnung der Quoten dagegen nicht.
Der CO- Preis bleibt ein zentraler Treiber auch für den Wasserstoffhochlauf. Ein glaubwürdiger, langfristig steigender ETS-Pfad setzt Investitionssignale für grünen Wasserstoff. Entscheidend ist ein Gleichgewicht: genug Preiswirkung, um Transformation auszulösen, aber nicht so abrupt, dass energieintensive Branchen in großem Stile ausweichen oder schließen. Dies muss auch durch die entsprechenden regulatorischen und Förderinstrumente sichergestellt werden, einschließlich eines
Förderung: Leitmärkte schaffen, Grüngasquote einführen, Risiken teilen
Der Hochlauf gelingt nur mit einem klaren, verlässlichen Fördermix, der Nachfrage schafft und Investitionsrisiken reduziert:
Dazu gehören auskömmlich finanzierte CO2-Differenzverträge für industrielle Anwendungen, die CO2-Differenzkosten absichern. Das H2Global-Doppelvertragsinstrument, welches bislang noch nicht ausreichend Schlagkraft entwickelt hat, sollte u.a. durch längere Vertragslaufzeiten auch für Abnehmer und eine Europäisierung weiterentwickelt werden.
Zentral und relativ einfach ist es, Leitmärkte etablieren – durch Nutzung der Verordnungsermächtigung des geltenden Beschaffungsrahmen und klaren politischen Vorgaben. Der Rechtsrahmen gibt das seit dem Vergabebeschleunigungsgesetz her – nur muss endlich die Umsetzung erfolgen.
Schlussendlich: Eine allgemeine Grüngasquote mit einer H2-Unterquote ergänzend zu den Vorgaben der RED III, um Nachfrage zu bündeln und Planbarkeit zu schaffen, ist überfällig. Sie kann langsam eingeführt und dann skaliert werden mit einer sehr überschaubaren Umlage. Das hilft auch anderen grünen Molekülen, insbesondere Biomethan. Die Gegenargumente – Lock-In-Effekt, kein ausreichendes Angebot an grünen Gasen, Preiseffekt – lassen sich durch kluge Ausgestaltung und den hier beschriebenen Policymix einhegen.
Fazit: Realismus senkt Risiken – und die Kosten bleiben beherrschbar
Ein realistischer Wasserstoffhochlauf ist nicht nur systemisch sinnvoll, sondern auch finanzierbar. Die Kosten liegen mit einem höheren einstelligen oder niedrigen zweistelligen Milliardenbetrag pro Jahr je nach Policymix – richtig priorisiert – deutlich unter denen anderer Großprojekte (nicht nur) der Energiewende und sind volkswirtschaftlich überschaubar, wenn man sich auf die tatsächlich benötigten Mengen konzentriert.
Entscheidend ist daher kein „Maximalprogramm“, sondern ein kluger Policymix, der Infrastruktur maßvoll ausbaut, Regulierung pragmatisch hält und Förderung gezielt einsetzt. Dann wird Wasserstoff weder Hype noch Bruchlandung, sondern ein strategisches Element einer bezahlbaren, integrierten Energiewende. Entscheidend ist Verlässlichkeit: Unternehmen investieren nur, wenn der regulatorische Rahmen stabil ist und Förderinstrumente langfristig wirken.
Dr. Philipp Steinberg war u.a. für Wasserstoffinfrastruktur zuständiger Abteilungsleiter im BMWK und ist nun selbständiger Berater, Aufsichtsrat und Dozent sowohl Senior Advisor der Beratungsunternehmen fgs global und BCG.
Hinweis: Der Beitrag ist eine stark gekürzte Zusammenfassung des in der Zeitschrift Klima und Recht (Beck-Verlag) 2026, S. 2 ff. erschienenen Beitrags „Wasserstoff und Energiewende – vom Hype zur Realität. Voraussetzungen für einen erfolgreichen Wasserstoffhochlauf“.
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