Standortbedingungen : Wer die energieintensiven Industrien infrage stellt, stellt Deutschlands Zukunft infrage
Die Industrie in Deutschland leidet unter hohen Energiekosten, Bürokratie und Fachkräftemangel. Doch eine Diskussion darüber, ob bestimmte Produktionszweige in Deutschland noch eine Zukunft haben, ist falsch, warnt Matthias Belitz, Geschäftsführer der Plattform Energieintensive Industrien in Deutschland. Aus seiner Sicht stehen nicht nur Arbeitsplätze und Wertschöpfung auf dem Spiel, sondern die Fähigkeit Deutschlands, den Umbau zur Klimaneutralität selbst zu schaffen.
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Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist mehr als angespannt und von Wachstum sind wir weit entfernt, wie zuletzt auch die OECD bestätigte. So liegt der einst so starke Industriestandort Deutschland beim BIP-Wachstum 2025 weit abgeschlagen auf dem letzten Platz und befindet sich seit 2019 in einer Stagnation. Hinzu kommt: Viele Industriezweige kämpfen mit zunehmenden Belastungen durch steigende Energiekosten und wachsender Bürokratie.
Im globalen Wettbewerbsdruck können sie in der Folge oftmals nicht mehr mithalten und sind in ihrer Existenz bedroht. Die zugrundeliegenden Faktoren sind schon lange nicht mehr grundsätzlich auf betriebswirtschaftliche Ursachen zurückzuführen, sondern sind mehr denn je Standortbedingungen, die stark von der Politik beeinflusst werden. Besonders betroffen sind die energieintensiven Industrien: Stahl, Chemie, Baustoffe, Nicht-Eisen-Metalle (NE-Metalle), Glas und Papier.
Bei der Bewertung der Standortbedingungen für die Industrie herrscht landauf, landab seitens Politik, Wirtschaft und Experten Einigkeit: International nicht wettbewerbsfähig. Doch anstatt das Offensichtliche anzugehen – die Standortbedingungen zu verbessern, gibt es immer wieder Stimmen, die die Lösung in der Verlagerung der energieintensiven Produktion in andere Regionen der Welt sehen. Wer dies tut, verkennt die dramatischen Folgen und spielt mit der gesamten industriellen Zukunft unseres Landes.
Industrielles Fundament mit gesellschaftlicher Verantwortung
Die energieintensiven Industrien bilden das industrielle Fundament Deutschlands. Sie erwirtschaften jährlich einen Fiskaleffekt von rund 90 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben. Dieser direkte, indirekte und induzierte Effekt geht aus einer Studie von IW Consult hervor. Einnahmen, die dem Staat, den sozialen Sicherungssystemen und den Kommunen fehlen würden. Sie beschäftigen über 900.000 Menschen, auch in strukturschwachen Regionen, und sichern damit nicht nur Arbeitsplätze, sondern sorgen ebenfalls für gesellschaftliche Stabilität.
Diese Industrien liefern die Grundstoffe für alles, was unsere moderne Gesellschaft ausmacht: Ohne Stahl und Baustoffe gibt es keine Infrastruktur, keine Wohngebäude, keine Mobilität. Ohne Chemie fehlen Medikamente, Kunststoffe und Hightech-Produkte. Ohne NE-Metalle entstehen keine Maschinen, Fahrzeuge oder Elektronik. Ohne Glas und Papier fehlen Verpackungen, Kommunikationsmittel und Hygieneprodukte – um nur einige Beispiele zu nennen.
Politische Entscheidungen verschlechterten Standortbedingungen
Was die energieintensiven Industrien eint, ist heute ihre größte Herausforderung: ihr hoher Energiebedarf. Gemeinsam benötigen sie jährlich rund 120 Terawattstunden Strom und 155 Terawattstunden Erdgas. Die Energiepreise in Deutschland sind im internationalen Vergleich zu hoch und drohen weiter zu steigen. Ein bedeutender Anteil davon ist politisch hausgemacht.
Hinzu kommen wachsende Bürokratie und Berichtspflichten, hohe Arbeitskosten und ein zunehmender Fachkräftemangel. Auch diese Faktoren entziehen den Unternehmen die Mittel, die sie so dringend für den Umbau zur Klimaneutralität benötigen. Wer heute in Dekarbonisierung investieren will, um seiner Verantwortung als Unternehmen nachzukommen, braucht einen positiven Ausblick und eine gewisse Planungssicherheit – keine Zweifel an der Existenzberechtigung.
Transformation braucht industrielle Stärke
Die eigentliche Herausforderung liegt nicht in der Frage, ob wir uns diese Industrien leisten können. Sie liegt in der Annahme, dass wir auf sie verzichten könnten. Denn ein Abwandern der energieintensiven Industrien würde bedeuten, dass wir es nicht geschafft haben, industrielle Wertschöpfung und Klimaschutz miteinander zu verbinden. Doch genau das wird das Ergebnis sein, wenn jetzt nicht politisch umgesteuert wird.
Dabei wollen wir als energieintensive Industrien dazu beitragen, dass Deutschland Vorbild für Klimaschutz und kein Mahnmal für Deindustrialisierung wird. Wir wollen nicht den Klimaschutz endgültig anderen überlassen – oder gleich ganz beerdigen, sondern Teil einer nachhaltigen Wirtschaft sein. Denn Klimaschutz ohne industrielle Basis ist eine Illusion.
Industrielle Basis sichern heißt Zukunft gestalten
Stellen wir uns ein Deutschland ohne seine energieintensiven Industrien vor. Diese sechs Branchen sind nicht isolierte Produzenten, sondern Teil eines eng verzahnten industriellen Netzwerks. Ein paar Beispiele: Die chemische Industrie liefert Grundstoffe wie Lösungsmittel und Additive, die für die Herstellung von Zellstoff und Papier unerlässlich sind.
Papierprodukte wiederum dienen als Verpackung für Baustoffe, Maschinenteile und Transport. Die Glasindustrie ist auf Soda aus der Chemie- und Rohstoffe aus der Kalkindustrie angewiesen und liefert ihrerseits Spezialgläser für Hochtechnologieanwendungen sowie Flachgläser für die Bauwirtschaft. Stahl entsteht unter Einsatz von Koks und Kalk, wird zu Trägern und Blechen verarbeitet, die in der Bau-, Fahrzeug- und Maschinenbauindustrie gebraucht werden. Zement wird aus Kalkstein und Ton hergestellt – ein Prozess, der ohne metallische Komponenten und chemische Zusätze nicht funktioniert.
Die Metallverarbeitung, etwa von Aluminium oder Kupfer, benötigt wiederum Verpackungen, Maschinen und Infrastruktur, die aus Produkten der anderen Branchen bestehen. Zusätzlich gibt es zahlreiche weitere Verflechtungen mit verschiedenen Abnehmerindustrien wie etwa der Automobilbranche oder dem Bereich der Erneuerbaren. Fällt ein Anfangsbaustein weg, bricht nicht nur die direkte Produktion ein, sondern auch die nachgelagerten Industrien und Dienstleistungen geraten ins Wanken.
Diese Vorstellung zeigt, wie tief verwurzelt und unverzichtbar die industrielle Basis in Deutschland ist. Sie ist nicht nur ein wirtschaftlicher Motor, sondern auch ein Garant für Versorgungssicherheit, Qualität, Nachhaltigkeit und Innovationskraft. Ohne sie wären wir abhängig, verwundbar – und deutlich ärmer an Gestaltungsmöglichkeiten und Stabilität.
Die Frage, ob wir uns die energieintensiven Industrien noch leisten können, ist falsch. Sie verkennt die Rolle dieser Branchen als zentrale Akteure einer nachhaltigen und resilienten Wirtschaft. Wer sie zum Auslaufmodell machen will, riskiert nicht nur Arbeitsplätze, Resilienz und Wertschöpfung, sondern auch die Fähigkeit Deutschlands, den Umbau zur Klimaneutralität aus eigener Kraft zu gestalten. All dies sollte berücksichtigt werden, wenn man auf die Idee kommt, Deutschland als Standort für energieintensive Industrien in Frage zu stellen.
Matthias Belitz ist Bereichsleiter Nachhaltigkeit, Energie und Klimaschutz (VCI) und Geschäftsführer der Plattform Energieintensive Industrien in Deutschland (EID).
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