Klimaschutz : Wie der Emissionshandel die Wettbewerbsfähigkeit der Chemieindustrie stärken kann
Die Chemieindustrie als einer der größten Emittenten in Deutschland steckt in der Krise. Doch nun auf Abstriche beim Emissionshandel zu setzen, ist der falsche Weg, schreibt Lisa-Maria Okken, Klimaexpertin beim WWF Deutschland. Für eine zukunftsfeste und moderne Industrie brauche es einen starken ETS als zentrale Säule der europäischen Klimaarchitektur.
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Der größte Hebel zur Reduktion von klimaschädlichen CO2-Emissionen in der (Chemie-)Industrie ist der Europäische Emissionshandel (ETS). Die Europäische Kommission wird diesen Sommer mit einer Review des ETS beginnen. Für den Klimaschutz und die Modernisierung der Industrie ist der CO2-Preis aus dem ETS zentral, um Investitionen in klimafreundliche Produktionsweisen anzureizen.
Doch der Emissionshandel steht unter Beschuss. Laut der aktuellen Gesetzgebung würde die kostenlose Zuteilung mit der parallelen Einführung des CO2-Grenzzolls (Carbon Border Adjustment, CBAM) im Jahr 2034 auslaufen. Teile der Industrie argumentieren nun jedoch: Die Kostenbelastung durch den CO2-Preis sei zu groß, um mit den europäischen Produkten auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu sein.
Bei näherer Betrachtung aber wird erkennbar, dass die Ursachen für die Herausforderungen der Chemieindustrie auf dem Weltmarkt maßgeblich in globalen Überkapazitäten und in den seit Jahren stark subventionierten Produkten aus China liegen und nicht in der CO2-Bepreisung. China investiert massiv in seine heimische Chemieindustrie. In Europa fehlen Investitionen, die Wettbewerbsvorteile in der nachhaltigen Produktion aufbauen könnten.
Die chemische Industrie produziert eine Vielfalt an Produkten, die wir für unser tägliches Leben und in der Wirtschaft brauchen. Sie leistet einen entscheidenden Beitrag zu unserer Bruttowertschöpfung und gibt allein in Deutschland knapp einer halben Million Menschen Arbeitsplätze.
Chemieindustrie muss CO2-Problem in den Griff bekommen
Gleichzeitig ist die Chemieindustrie ein Schwergewicht beim CO2-Ausstoß: Die zwölf größten Chemieparks allein stießen 2022 rund 23 Millionen Tonnen CO2 aus, das waren drei Prozent der Gesamtemissionen Deutschlands. Die Chemieindustrie trägt damit erheblich zur Klimakrise bei. Um in Zukunft bestehen zu können, muss die Chemieindustrie ihr CO2-Problem in den Griff bekommen.
Dazu kommt: Bisher hat die Chemieindustrie den CO2-Preis kaum zu spüren bekommen. Stattdessen wurde sie großzügig mit CO2-Gutschriften versorgt: Im Jahr 2024 erhielt sie 13,9 Millionen kostenlose Zertifikate, damit wurden 96,6 Prozent der Emissionen in der Branche abgedeckt.
Und: Der CO2-Preis ist nicht neu. Europa hat bereits 2005 – also vor mehr als 20 Jahren – beschlossen, CO2 einen Preis zu geben. Diese Signale hätten bereits zu einem klimafreundlichen Umbau der Chemieindustrie führen können.
Umso wichtiger ist, dass das Signal nun gehört wird. Und dafür braucht es einen starken ETS. Er ist essenziell zum Erreichen der Klimaziele in der EU und steckt den Rahmen ab für Planungs- und Investitionssicherheit.
Energiepreiskrisen sind fossile Krisen
Häufig werden die hohen Energiekosten als weiterer Wettbewerbsnachteil in Europa genannt. Auch hier lohnt sich ein genauerer Blick auf die Ursachen. Denn rund 40 Prozent der CO2-Emissionen in den deutschen Chemieparks stammen aus der Verbrennung von Erdgas. Nicht erst die kriegerischen Auseinandersetzungen im Iran zeigen, dass Energiepreiskrisen vor allem fossile Krisen sind. Den Abschied vom Gas braucht es aus Klimaschutzgründen genau wie aus Gründen wirtschaftlicher Resilienz.
Für die (in-)direkten Stromkosten gibt es bereits mehrere Unterstützungsinstrumente: Die EU-Strompreiskompensation gleicht seit Jahren einen Teil der CO2-bedingten Strompreiserhöhung für stromintensive Unternehmen aus, und der im April 2026 genehmigte Industriestrompreis deckelt den Preis mit rund drei Milliarden Euro Fördervolumen auf fünf Cent pro Kilowattstunde.
Investitionen in den Ausbau der erneuerbaren Energien, mehr Flexibilität im Stromsystem sowie die Digitalisierung und ein effizienter Ausbau der Stromnetze können die Energiekosten weiter drosseln und Europa eine unabhängige und krisenfeste Energieversorgung sichern.
Ein weiterer Grund, warum die Branche an der kostenlosen Zuteilung im Emissionshandel festhält, ist der sogenannte Carbon-Leakage-Schutz. Die EU-Kommission hatte die kostenlose Zuteilung im Emissionshandel eingeführt, um zu verhindern, dass Unternehmen aufgrund der CO2-Bepreisung ins Ausland abwandern. Der CBAM ist das neue Carbon Leakage-Schutzinstrument mit Klimawirkung für die energieintensive Industrie.
Die Chemieindustrie ist mit ihrer Produktvielfalt noch nicht ausreichend erfasst in dem Instrument. Verwobene Lieferketten und eine Vielzahl von Zwischen- und Endprodukten erzeugen eine Komplexität, die regulatorisch anspruchsvoll ist. Komplexität ist jedoch kein Grund, eine Branche auszuklammern, die rund 13 Prozent der Sektoremissionen in der Industrie verantwortet. Zumal die Zahlen zeigen: Nur 26 Substanzen verursachen knapp 90 Prozent der EU-weiten Emissionen im Chemiesektor.
Herabsetzung von Benchmarks senkt Anreize
Möglich wäre eine schrittweise Einbeziehung der Produkte, beginnend bei den emissionsintensivsten Produktlinien wie Polymeren. Wo verifizierte Emissionsdaten nicht zur Verfügung gestellt werden können, könnten Standardwerte greifen. Importeure würden so bürokratisch entlastet, während der Anreiz zur Umstellung auf klimafreundliche Produktionsweisen erhalten bleibt. Der CBAM ist ein neues System, das lernen kann.
Im Rahmen der ETS-Review plant die EU-Kommission unter anderem auch, die Wärme-Benchmarks zu lockern und so der Industrie mehr kostenlose Zuteilung zu gewähren. Im ETS werden kostenlose Zertifikate anhand von einer Benchmark zugeordnet, die sich am Durchschnitt der 10 Prozent effizientesten Anlagen der EU orientiert. Unternehmen, die unter den Referenzwert fallen, müssen die Differenz mit gekauften Zertifikaten ausgleichen.
Dabei verdeutlicht ein Beispiel, wie viel heute schon im Bereich Elektrifizierung von industrieller Wärme möglich ist: Im Chemiepark Dormagen steht eine sogenannte Power-to-Heat-Anlage, die Dampf elektrisch herstellt und automatisch erneuerbare Energien einspeist, wenn sie verfügbar sind. Aufgrund ihrer vollautomatischen Steuerung kann sie schnell auf Schwankungen im Netz reagieren und so Überschussstrom abnehmen, was gleichzeitig dazu führt, dass Energie eingespart wird. Solche Technologien machen heute schon einen Kostenunterschied und bewähren sich in der industriellen Nutzung.
Was fehlt, ist die Skalierung der schon bestehenden Technologien in den Chemieparks. Eine Herabsenkung der Benchmarks würde den ökonomischen Anreiz dämpfen, der unter anderem diese Skalierung vorantreiben würde. Wer heute in Elektrifizierung investiert, profitiert über kurz oder lang von sinkenden Stromkosten und wachsender Unabhängigkeit von Öl und Gas.
Darüber hinaus braucht es für die Transformation der Chemieindustrie die Fortführung von Klimaschutzmaßnahmen, die Implementierung der Kreislaufwirtschaft, den grünen Wasserstoffhochlauf, ausgelöst auch durch Abnahmeverträge aus der Chemie. Die Etablierung von grünen Märkten für Chemieunternehmen gelingt, wenn Kriterien für Klimaschutz und (Recycling)-Quoten für Chemieprodukte eingeführt werden.
Industrielle Erneuerung statt Stillstand
Industrielle Erneuerung statt Stillstand ist entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit. Investitionen in eine klimaneutrale Industrie entscheiden darüber, ob wir handlungs- und zukunftsfähig bleiben. Für eine zukunftsfeste und moderne Industrie brauchen wir einen starken Emissionshandel als zentrale Säule der europäischen Klimaarchitektur. Jetzt sind mutige Frontrunner aus der Chemieindustrie gefragt, die diesen Weg ebnen.
Gerade wenn die Welt in der Krise steckt, brauchen wir eine verlässliche Politikgestaltung, die uns den Weg aufzeigt, für den wir uns im demokratischen Einverständnis in Europa entschieden haben. Zukunftsfähige Stärke heißt, nicht am Status quo festzuhalten, sondern heute die Voraussetzungen für Wohlstand und wirtschaftliche Souveränität von morgen zu schaffen - gerade auch im internationalen Wettbewerb.
Lisa-Maria Okken ist Klimaexpertin beim WWF Deutschland und arbeitet schwerpunktmäßig zur klimafreundlichen Industrie.
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