Kommunikation : Wie die AfD die Energiewende untergräbt
Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Schlagzeilen, Entwürfe oder Äußerungen von PolitikerInnen die angespannte Stimmung weiter aufheizen. Kommunikation stützt die Energiewende – und kann zugleich ihr größter Feind werden: Die AfD verweigert sich den Fakten, greift Argumente und VertreterInnen systematisch an und bestimmt das öffentliche Meinungsbild in immer größeren Teilen, meint Paula Ziegler vom Beratungsunternehmen Items.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Windmühlen der Schande, eine KI-generierte Alice Weidel die Robert Habeck niederstreckt, oder Memes, die den vermeintlich durch die Energiewende allein ausgelösten wirtschaftlichen Abstieg Deutschlands thematisieren. Die AfD weiß, wie man sowohl auf der Big Stage der Massenmedien, aber vor allem auch im Netz Aufmerksamkeit generiert und Wählende anspricht: Sie setzt auf bewährte Strategien, setzt Sprache taktisch ein und weiß dabei immer, was bei der jeweiligen Zielgruppe auf Zustimmung stößt. Um sich diesem Phänomen entgegenzustellen, lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen, wie die AfD es schafft, durch Sprache und Kommunikation die Energiewende zu delegitimieren:
Die Energiewende ist teuer, unproduktiv, zerstört Heimat und bedroht so den Lebensstil der „normalen Bürger“, der „kleinen Leute“. KlimaschützerInnen und PolitikerInnen, welche die Energiewende vorantreiben, werden zum Feindbild deklariert. Die AfD greift auf ein Arsenal an erprobten Kommunikationsstrategien zurück: Framing und Narrative ziehen sich durch ihre Energiewende Kommunikation.
Frames sind sprachliche Rahmen, welche Phänomene gewollt positiver oder negativer darstellen können. Ist der Wolf gefährdet oder gefährlich? Narrative, also Erzählungen, schaffen es, diese Phänomene in einen verständlichen Kontext einzubetten: Wieso ist der Wolf gefährlich? Weil er unschuldige Schafe tötet und so armen Bäuerinnen und Bauern schadet. Zusammen entsteht eine kommunikative Bombe, die zu einer Emotionalisierung und Personifikation führt. Fakten werden relativiert, die Rezeption von Medieninhalten läuft deutlich unkritischer ab.
Die Ansprache der Konfliktlinien, welche unsere Gesellschaft immer mehr spalten, unterstreicht die Kommunikation der AfD und greift auf die Ideologie des Populismus selbst zurück: „Volk“ vs. „Elite“, beziehungsweise „Wir“ gegen die „Anderen“. Dabei fallen MigrantInnen genauso unter die „Anderen“ wie Klimaschützende oder PolitikerInnen anderer Parteien. Alles, was nicht zu uns gehört, ist gegen uns: Zerstört Arbeitsplätze, Heimat und den Wohlstand.
Die Frames zielen vor allem auf ökonomische Unsicherheit ab. Dem „Volk“ wird suggeriert, dass alles, wofür man hart gearbeitet hat, von der Elite demoliert werden kann: Eigenheim, Wohlstand und ein gutes Leben werden so durch die Energiewende zerstört.
Die Frames sind nicht auf konkrete politische Lösungen ausgerichtet, sondern sollen hauptsächlich delegitimierend wirken und Medien und Politik die Vertrauensgrundlage entziehen.
Narrative, welche auf diesen Frames aufbauen, verstärken den Prozess: Komplexe politische Sachverhalte werden durch eine kausale Erzählung nachvollziehbar gemacht, emotionale Handlungsstränge und Figuren, mit welchen man sich identifizieren kann, begleiten den Rezeptionsprozess. Sie wirken identitätsstiftend und mobilisierend, Protestpotential wird adressiert. Erneut liegt der Fokus auf ökonomischen Ängsten und der Wut auf „die Anderen“.
Frames und Narrative beeinflussen nicht nur die Interpretation von Inhalten, sondern auch Einstellungen, Wissen und teilweise sogar das Verhalten der Rezipierenden. So mobilisiert die AfD WählerInnen, durch einen Fokus auf negative und konfliktreiche Frames und Narrative in der Wählendenansprache. Denn die Forschung zeigt: Vor allem Angst, Ärger oder Frustration können motivierend wirken, sodass RezipientInnen politisch aktiv werden.
Perfekt abgeschmeckte Algorithmen-Fütterung
All diese Strategien werden von der AfD vor allem auf Social Media eingesetzt: Negative und emotionale Frames werden von den Algorithmen gerne aufgegriffen, sie werden schneller und öfter ausgespielt, geteilt und reproduziert. Vor allem junge Wählende und politisch Desinteressierte werden erreicht: „Endlich hört uns mal jemand zu!“.
Die AfD ist die „Social-Media-Partei“: Sie bespielt alle großen sozialen Plattformen, ob Facebook, Instagram, TikTok oder X, und passt ihre Angebote an die jeweilige Zielgruppe an: kurze Videos, mit Musik unterlegt, auf TikTok, Memes auf X oder mitreißende Textposts auf Facebook. Zählt man alle Plattformen zusammen, hat sie die größte Reichweite aller deutschen Parteien im Internet. Es wird darauf geachtet, wie alt die Zielgruppe ist: Auf TikTok deutlich jünger als auf Facebook. Wie unterscheiden sich die Interessen, die Sprache, das Medienverständnis? All das wird bei der Konzeption von Content berücksichtigt.
Die AfD liefert perfekt abgestimmte Feindbilder, welche Unzufriedenheiten auf ökonomischer, sozialer und politischer Ebene adressieren. Die Energiewende wird zum Kampf zwischen Gut und Böse.
Algorithmen bestimmen unsere politische Kommunikation. Schnell, intensiv und mit einer Flut an visuellen und akustischen Reizen sind politische Inhalte in den sozialen Medien ohne Weiteres integriert. Online findet sich mittlerweile eine aktive rechte Gegenkultur, welche von Algorithmen gefördert wird. Die Polarisierung schreitet so vor allem auch im digitalen Raum voran. Dieser kann man aber aktiv entgegentreten, wenn man sich mit ihr beschäftigt und versteht, wie diese funktioniert.
Wandel ist schmerzhaft, aber notwendig
Das energiewirtschaftliche Dreieck aus Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit gerät mit der Energiewende zunehmend unter Druck: Ein grundlegender Systemumbau erfordert vor allem Zeit und erhebliche finanzielle Mittel – Mittel, die letztlich auch von den Bürgerinnen und Bürgern aufgebracht werden müssen. Daher mein Vorschlag: Ergänzen wir das Dreieck um den Aspekt der Sozialverträglichkeit und achten wir gezielt darauf, wahrgenommene Ungerechtigkeiten auszugleichen – etwa durch Bürgerenergieprojekte, mehr Beteiligungsmöglichkeiten und transparente Kommunikation. So lassen sich die positiven Seiten der Energiewirtschaft stärker hervorheben.
Populistischen Strömungen kann man den Wind aus den Segeln nehmen – durch offene Kommunikation, Dialog und Fakten: Wie viel wurde eingespart, erwirtschaftet, wie viele Arbeitsplätze geschaffen, wie viel technologischer Fortschritt erzielt? Alte Maßstäbe gehören über Bord geworfen: Wandel ist schmerzhaft, aber notwendig. Wer sich nicht bewegt, bleibt stehen – und wer stehen bleibt, wird irgendwann überholt.
Durch Kommunikation kann dieser Wandel gestützt oder verhindert werden. Die AfD hat das gemeistert, doch sollte man ihr das Spielfeld nicht einfach überlassen. Durch Kommunikation Demokratie schützen und die Energiewende vorantreiben, dies sollte unser Ziel sein.
Paula Ziegler ist Werksstudentin der IT-Beratung Items und studiert im Master Politische Kommunikation an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie beschäftigt sich schon länger mit Populismus und besonders der Kommunikation der AfD.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden