Batterietechnologie : Wie Europa bei Batterien eine Schlüsselrolle spielen kann
Große Batteriefabriken à la Northvolt zu bauen, ist in Yair Reems Augen für Europa der falsche Weg. Die Europäer müssen stattdessen ihre Forschungs- und Innovationskraft ausspielen, um sich bei Batterietechnologien der Zukunft an die Spitze zu setzen, argumentiert der Wagniskapital-Investor bei Extantia Capital.
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Europa hatte große Pläne. Mit Gigafactories von Northvolt über Varta bis Cellforce wollte man im globalen Batterierennen an die Spitze. Heute, nach der Pleite von Cellforce und den anhaltenden Schwierigkeiten bei den übrigen Projekten, ist klar: Das Modell der großskaligen Zellproduktion hat nicht funktioniert.
Der Grund dafür liegt nicht nur in hohen Energiekosten und teuren Rohstoffen. Europa leidet auch unter einem Mangel an Fachkräften und einer schwindenden Fähigkeit, industrielle Exzellenz und Skalierung zu managen. Der Versuch, im Nachhinein in die Fußstapfen Asiens zu treten, ist aussichtslos. Bei der Massenproduktion von Batteriezellen zu niedrigen Kosten können wir nicht mehr mithalten. Doch aus dieser Diagnose ergibt sich keine Endgültigkeit. Im Gegenteil: Sie zwingt uns, auf unsere Stärken zu setzen.
Warum Gigafactories in Europa scheitern mussten
Die Lehren aus den gescheiterten Projekten sind eindeutig: Weder verfügt Europa über ausreichend Fachkräfte, noch kann es günstige Rohstoffe und Energie im notwendigen Maßstab bereitstellen. Noch schwerer wiegt, dass in der Batterieindustrie die industrielle Erfahrung fehlt, komplexe Prozesse in großem Stil mit operativer Exzellenz zu steuern. Asien hat über Jahrzehnte Produktionsketten in der Batteriefertigung aufgebaut, die nicht mehr einzuholen sind. Wer weiterhin glaubt, Europa könne Gigafactory-Champion werden, verkennt die Realität.
Der Niedergang der europäischen Solarindustrie ist hier eine Mahnung: Noch vor 15 Jahren war Europa führend bei Photovoltaik-Zellen, bis asiatische Hersteller mit massiver Skalierung und staatlicher Unterstützung den Markt überrollten. Binnen weniger Jahre brach die heimische Industrie zusammen – trotz technologischer Exzellenz.
Bei Batterien droht ein ähnliches Szenario: Wenn Europa ausschließlich auf den Versuch setzt, mit Asien bei großskaliger Zellproduktion mitzuhalten, riskieren wir den gleichen selben Kollaps. Der entscheidende Unterschied ist jedoch, dass Batterien weit stärker mit der Energie- und Industriesouveränität verflochten sind. Ein Abgleiten ins Abseits wie bei Solarzellen können wir uns nicht leisten.
Europas Stärke liegt in radikaler Innovation
Eine andere Strategie ist erfolgversprechender: der Fokus auf die Bereiche, in denen Europa traditionell stark ist. Die Materialwissenschaft eröffnet Chancen, die nächste Generation von Batterien entscheidend zu prägen. Reine Silizium-Anoden steigern die Energiedichte, Atomic Layer Deposition verlängert die Lebensdauer der Zellen, und hochspezialisierte Komponenten können Europa zu einem unverzichtbaren Partner in globalen Lieferketten machen.
So wie ASML in der Halbleiterindustrie durch Lithografie-Maschinen zum Schlüsselfaktor wurde, könnte Europa durch entscheidende Materialien, Komponenten und Verfahren seine Rolle sichern. Innovationen in Recycling und synthetischen Rohstoffen verstärken diesen Hebel zusätzlich.
Batterien als Rückgrat der Energiewende
Warum ist es überhaupt so entscheidend, dass Europa im Batteriebereich eine Rolle spielt? Batterien sind weit mehr als ein weiteres Industrieprodukt – sie sind der kritische Engpass für die Automobilindustrie, die in Deutschland im Moment über Leben und Tod entscheidet. Die Zukunft des Automobilstandorts Deutschland hängt maßgeblich davon ab, ob hierzulande leistungsfähige und nachhaltige Batterien produziert werden können.
Batterien sind gleichzeitig das Herzstück der Energiewende: Ohne sie lassen sich Elektromobilität und erneuerbare Energien nicht zuverlässig miteinander verknüpfen. Ohne leistungsfähige Speicher gibt es keine Versorgungssicherheit in einem Stromsystem, das zunehmend von Sonne und Wind abhängt.
Gerade hier eröffnet sich für Europa eine Chance. Denn die Energiewende braucht nicht nur die billigste Zelle, sondern auch die leistungsfähigste und verlässlichste. Hochinnovative Batterien mit längerer Lebensdauer, höherer Energiedichte und verbesserter Recyclingfähigkeit sind die Voraussetzung dafür, dass erneuerbarer Strom flexibel genutzt werden kann, dass Stromnetze stabil bleiben und dass die deutsche Automobilindustrie wettbewerbsfähig bleibt. Neue Technologien wie Festkörper- oder Natrium-Ionen-Batterien sind deshalb nicht bloß technologische Spielereien, sondern strategische Bausteine für Klimaziele und Energiesicherheit.
Eine neue Strategie für Europa
Die Zukunft europäischer Batterien wird nicht von Massenproduktion geprägt sein, sondern von Spezialisierung und Qualität. Erfolg wird nicht nur über den niedrigsten Preis definiert, sondern über Leistungsfähigkeit, Resilienz und technologische Führerschaft. Genau hier können europäische Produzenten punkten – etwa in Hochleistungsanwendungen, in der Luft- und Raumfahrt oder im Verteidigungsbereich, wo Versorgungssicherheit und Unabhängigkeit wichtiger sind als Skaleneffekte.
Entscheidend für Europas strategische Souveränität ist die Kontrolle über die gesamte Wertschöpfungskette – von Rohstoffen über Komponenten bis hin zur Batterieentwicklung. Selbst wenn der finale Zusammenbau und die Großserienproduktion von chinesischen Unternehmen durchgeführt werden, muss die Wertschöpfung in Europa liegen: Die Produktion sollte mit europäischen Technologien, Komponenten und Arbeitskräften in europäischen Werken erfolgen. Nur so bleibt Europa bei Innovation, Beschäftigung und Versorgungssicherheit handlungsfähig und kann Lieferketten, Standards sowie strategische Rohstoffe sichern und gestalten.
Damit dieser Weg funktioniert, braucht es eine aktive Industriepolitik und entschlossene Investitionen. Europa muss die Nachfrage orchestrieren, gezielt Schlüsseltechnologien und Produktionsstätten fördern und den Fokus klar auf Resilienz und Wertschöpfung statt auf kurzfristige Kostenvorteile legen. So entsteht eine robuste Alternative zu gescheiterten Gigafactory-Träumen. Durch politische Weichenstellungen, Investitionen und eine strenge Verknüpfung von Energiesystem und Batteriewirtschaft bleibt Europa nicht passiv, sondern wird zum Mitgestalter globaler Lieferketten.
Europa hat den Wettlauf um die billigste Batteriezelle verloren. Aber das nächste Kapitel ist noch offen: Mit radikaler Materialinnovation, Kontrolle über strategische Komponenten und einer klaren Verzahnung mit dem Energiesystem hat Europa die Chance, eine zentrale Rolle in der globalen Batterieindustrie zu spielen – mit Produktions- und Wertschöpfungskette, die konsequent in Europa bleibt.
Yair Reem ist Partner und Mitgründer von Extantia Capital, einem Venture-Capital-Investor in Berlin. Er hat Aufsichtsratsmandate bei den Cleantech-Start-ups RepAir Carbon Capture und UP Catalyst. Ausgebildet wurde er an der Wharton School, der Hertie School und dem Technion Israel Institute of Technology.
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