Ernergieeffizienzgesetz : Zuckerbrot und Kettensäge: Wie Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit verspielt
Die Bundesregierung trifft die falschen Entscheidungen, um die deutsche Wirtschaft wieder produktiver zu machen, kritisiert Christian Noll, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz. Mit kurzfristigen Hilfen wie dem Tankrabatt und Kürzungen am Energieeffizienzgesetz vernachlässigt die Koalition die strukturelle Aufgabe, Energiepreise dauerhaft abzusichern.
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Der Tankrabatt wird zwar nicht verlängert, nun wird über andere, gezieltere Energiepreishilfen diskutiert. Gleichzeitig sollen mit der Novelle des Energieeffizienzgesetzes (EnEfG) zentrale Effizienzstandards radikal zurückgestutzt werden. Beide Reflexe haben eines gemeinsam: Sie vernachlässigen die strukturelle Aufgabe, Energiepreise dauerhaft weniger gefährlich zu machen. Zusätzlich werden so knappe Mittel für andere öffentliche Investitionen verschoben und auch private Investitionen gehemmt, in einer Zeit, in der Deutschland dringend produktiver werden muss. Denn die strukturelle Inflationsfrage inmitten der zweiten Energiekrise binnen fünf Jahren lautet: Wie begrenzen wir die Auswirkungen von Energiepreisschocks auf Lebensmittel, Baustoffe, Wohnen und Industrieprodukte, ohne immer neue Hilfspakete erforderlich zu machen?
Wie immer konzentriert sich die Aufmerksamkeit darauf, wo Energiepreise unmittelbar sichtbar werden. Der Preisdruck in ineffizienten Gebäuden, Produktionsanlagen und durch ungenutzte Abwärme ist weit weniger Thema. Doch gerade hier entscheidet sich, wie viel Wärme, Produktivität und Wertschöpfung unsere Volkswirtschaft aus einer Kilowattstunde herausholt.
Energie steckt schließlich in jedem Produkt und jeder Dienstleistung. Sie lässt Maschinen laufen, trocknet, schmilzt, erhitzt Materialien, treibt chemische Prozesse an, temperiert Gebäude und bewegt Waren durch Lieferketten. Entscheidend ist dabei nicht allein, was eine Kilowattstunde kostet, sondern wie produktiv sie genutzt wird. Und je mehr Energie für einen bestimmten Nutzen benötigt wird, desto stärker schlagen Energiepreisschocks auf Kosten und Preise durch.
Während die Politik kurzsichtig mit Zuckerbrot (Energiepreishilfen) und Kettensäge bei Energieeffizienzgesetz & Co. vorgeht, droht sie damit die dauerhafteste Inflationsbremse zu beschädigen: die strukturelle Energieproduktivität unserer Volkswirtschaft. Deutschland ist bei den Effizienzfortschritten bereits in die Schlussgruppe der europäischen Volkswirtschaften abgerutscht.
Diese „graue Inflation“ steht nicht groß auf dem Kassenbon. Aber sie bläht ihn auf. Jede Kilowattstunde, die suboptimal genutzt wird, erhöht die Verwundbarkeit von Haushalten, Unternehmen und Staat für den nächsten Energiepreisschock. Die Kosten landen am Ende fast immer bei Verbraucherinnen und Verbrauchern. Sie vergrößert damit auch die Angriffsfläche für hybride Kriegsführung, sowohl im Energiesystem als auch in Form ökonomischer Folgen.
Prozesswärme in allen Belangen unterschätzt
Genau deshalb greift die aktuelle Debatte um angeblich wachstumsfeindliche Energieverbrauchsziele zu kurz. Die eigentliche Wachstumsbremse sind nicht ambitionierte – aber technisch erreichbare – Ziele, sondern ungenutzte Effizienzpotenziale. Jede unnötig verschwendete und dabei noch bestenfalls noch subventionierte Kilowattstunde verschlingt Kapital.
Im Gebäudebereich scheint dieser Zusammenhang offensichtlich. Schlechte Dämmung und Fenster, veraltete Heiztechnik und geringe Sanierungsraten führen zu hohen Nebenkosten. Das trifft Haushalte direkt, schwächt die Kaufkraft und erhöht den Druck auf staatliche Entlastungspakete. Dabei sind Gebäude nur der sichtbare Teil der Wärmewende. Zwar liegt der Energieverbrauch für Raumwärme mengenmäßig etwas höher als der für industrielle Prozesswärme. Beide Größenordnungen sind aber ähnlich.
Umso erstaunlicher ist die politische Schieflage: Über Heizungen wird seit Jahren gestritten, über Prozesswärme wird bislang kaum gesprochen. Ungenutzte Effizienz- und Abwärmepotenziale sind verlorene Investitionskraft, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz gegen den nächsten Energiepreisschock.
Dabei steckt Prozesswärme in praktisch allem, was unseren Alltag angenehm macht: im Brot aus der Backstraße, im Glas der Flasche, im Stahl der Maschine, in Baustoffen und chemischen Grundstoffen. Sie trocknet, schmilzt, kocht, backt, härtet und erhitzt. Je ineffizienter diese Wärme bereitgestellt wird, desto höher ist die Energieintensität von Vorprodukten, Endprodukten und nachgelagerten Dienstleistungen. Prozesswärme ist damit ein unterschätzter Inflationskanal: nicht so sichtbar wie der Benzinpreis, aber wirksam in nahezu jedem Preis.
Investitionen scheitern nicht an fehlenden Preissignalen
Manche Ökonomen mahnen, Energiepreise nicht künstlich zu senken, um das Sparsignal aufrechtzuerhalten. Das ist in der Theorie richtig, greift in der Praxis aber zu kurz. Was an der Zapfsäule vielleicht durch sparsames Fahren oder den Umstieg auf E-Autos funktioniert, versagt häufig bei Gebäudesanierungen und Industrieeffizienz. Ein Mieter kann nicht einfach selbst die Gebäudehülle sanieren oder die Heizung tauschen. Ein Industriebetrieb kann seine Prozesswärme nicht über Nacht elektrifizieren. Viele Investitionen scheitern nicht am fehlenden Preissignal, sondern an langen Wartezeiten für Netzanschlüsse, unsicherer Planung, komplexen Förderverfahren oder erschwerter Finanzierung – und auch das gehört zur Wahrheit: an politischem Hin- und Her.
Hohe Energie- und CO2-Preise allein führen ohne eine verlässliche Effizienzpolitik nicht automatisch zu den nötigen Investitionen. Isoliert können sie sogar Liquiditätsabfluss und Investitionsaufschub verstärken und Standortzweifel erhöhen. Das ist auch der Pferdefuß immer neuer, kurzfristiger Entlastungen. Sie nimmt zwar zunächst Druck aus dem System, aber sie lässt einen zentralen Kostenfaktor außen vor, nämlich die Effizienz der Verbrauchsseite. Was dann folgt ist eine politische Spirale aus Preisschock, Reflex, Subvention und immer größer werdender Haushaltslücke.
EnEfG stärkt die deutsche Wirtschaft
Genau darum ist das EnEfG wichtig, das Regeln zu Energiemanagement und zur Vermeidung und Nutzung von Abwärme setzt und für andere nutzbare Abwärmepotenziale sichtbar macht. All diese Daten sind kein bürokratischer Selbstzweck. Sie schaffen erst die Voraussetzungen dafür, dass Unternehmen in Eigeninitiative Potenziale erkennen und heben, industrielle Wärmequellen und kommunale Wärmeplanung zusammenfinden. Wer hier so umfassend streicht, vernichtet damit Markttransparenz und macht so Datengräber aus wertvollen Informationen, die vorher mühevoll hierein geflossen sind.
Keine Frage, Deutschland braucht weniger Bürokratie. Aber ein guter Bürokratieabbau reduziert Papierlast, ohne Produktivitätschancen zu ignorieren. Doppelmeldungen streichen, Förderzugänge vereinfachen, digitalisierte Schnittstellen und beschleunigte Genehmigungen: All das ist dringend geboten. Aber er sägt nicht an den wenigen Instrumenten, die Potenziale für mehr Effizienz, Abwärmenutzung und die Transformation der Prozesswärme überhaupt sicht- und planbar machen und dabei Eigeninitiative von Unternehmen mit Hilfe bewährter Industriestandards stärkt.
Die Politik blickt einäugig auf Energiepreishilfen, ist aber auf dem anderen Auge blind für Kollateralschäden, wenn sie das Energieeffizienzgesetz derart zurechtstutzt. Werden Effizienzanforderungen geschwächt, verschiebt das die Kosten von einer volkswirtschaftlich hochrentablen Investitionsrechnung in die Energierechnung; von heute auf morgen; von heimischer Wertschöpfung in immer teurere Energieimporte aus dem Ausland.
Genau darum braucht Deutschland eine verlässliche und ernsthafte Energieeffizienz- und Prozesswärmestrategie als Teil einer Anti-Inflations- und Standortpolitik. Das erfordert verbindliche Ziele bis 2045, stabile Förderung, beschleunigte Netzanschlüsse, eine klare Priorität für die Abwärmenutzung, Transparenz über nutzbare Wärmequellen und Effizienzpotenziale, gepaart mit und marktlichen Instrumente für Investitionen. So wirkt das EnEfG als Produktivitäts- und Wettbewerbspolitik zugleich.
Christian Noll ist geschäftsführender Vorstand der DENEFF – Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz.
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