Nachhaltige Transformation : Nichtstun ist unbezahlbar
Deutschland müsse jetzt sein Kapital für die nachhaltige Transformation aktivieren – ansonsten werde das Wirtschaft und Gesellschaft teuer zu stehen kommen. So argumentiert Katrin Leonhardt, seit 2020 Vorstandsvorsitzende der Sächsischen Aufbaubank – Förderbank, im Standpunkt für Tagesspiegel Background. Leonhardt, die im Rat für nachhaltige Entwicklung engagiert ist, wirbt für klare Investitionssignale und verlässliche Rahmenbedingungen sowie mehr Hebelwirkung beim Einsatz öffentlicher Mittel.
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Selten war die Frage, wie Deutschland seine Zukunft finanziert, so zentral wie heute. Während über Entlastungen, Arbeitszeiten und Standortfragen diskutiert wird, bleibt ein Punkt unterschätzt: die Kosten des Nichtstuns.
Jahr für Jahr zahlen wir rund 81 Milliarden Euro für fossile Brennstoffimporte ins Ausland, in Folge der geopolitischen Konflikte dürfte dieser Betrag in den kommenden Jahren steigen. Bleiben wir weiterhin hinter unseren sektoralen Klimazielen bei Gebäuden, Verkehr und Landwirtschaft zurück, drohen nach aktuellen Berechnungen bis zu 38 Milliarden Euro jährliche Strafzahlungen an die EU.
Diese Zahlen zeigen: Das Ausbleiben der Transformation geht mit erheblichen Kosten und fortwährenden Abhängigkeiten von Energieimporten einher.
Gleichzeitig ist klar: In Deutschland mangelt es nicht an Kapital. Es mangelt daran, dieses Kapital gezielt zu mobilisieren und den notwendigen, verlässlichen Rahmenbedingungen.
Kapital ist vorhanden – und klug zu aktivieren
Private Haushalte verfügen laut Deutscher Bundesbank über rund acht Billionen Euro Geldvermögen, mehr als 40 Prozent davon niedrig verzinst auf Bankkonten. Versicherungen verwalten nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) etwa zwei Billionen Euro Kapitalanlagen; ein Bruchteil davon fließt in nachhaltige Infrastruktur. Gleichzeitig müssen laut Analysen des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) fast zwei Drittel der Transformationsinvestitionen aus dem privaten Sektor kommen.
Deutschland spart mit rund 293 Milliarden Euro im europäischen Vergleich überdurchschnittlich, investiert laut Daten von Eurostat aber unterdurchschnittlich. Parallel dazu klaffen Finanzierungslücken: Klimainvestitionen im Mittelstand liegen bei etwa 38 Milliarden Euro pro Jahr, gebraucht werden aber rund 120 Milliarden Euro. Climate-Tech-Start-ups fehlen mindestens 1,8 Milliarden Euro Wachstumskapital jährlich.
Der kommunale Investitionsrückstand liegt bei über 230 Milliarden Euro; 2024 wurden nur etwa 30 Milliarden Euro umgesetzt. Kapital ist da, Bedarfe sind beziffert. Doch die notwendigen Investitionen bleiben in dem erforderlichen Maße aus.
Der Business Case Nachhaltigkeit funktioniert
Die internationale Entwicklung zeigt in eine klare Richtung: Die globalen Investitionen in saubere Energien haben sich seit 2020 deutlich beschleunigt, laut Internationaler Energieagentur fließen weltweit jährlich rund 2,1 Billionen US-Dollar (1873 Milliarden Euro) in saubere Energien, fast doppelt so viel wie in fossile Energieträger. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau weist für Deutschland einen Weltmarkt-Exportanteil von etwa 13 Prozent bei Klimatechnologien aus – gegenüber rund sieben Prozent beim klassischen Güterexport. Grüne Technologien sind ein attraktiver globaler Markt und können ein zentraler Teil unserer wirtschaftlichen Stärke sein.
Dass Unternehmen in erneuerbare Energien und Speicher investieren, hat handfeste Gründe: Die Kosten für Batteriespeicher sind seit Anfang der 1990er Jahre um mehr als 90 Prozent gefallen, ähnliche Entwicklungen sehen wir bei Solarzellen zur Stromerzeugung. Die Studienlage macht deutlich: Wenn Technologien gezielt den Markteintritt und die Skalierung schaffen – in bestimmten Konstellationen auch mit staatlicher Anschubfinanzierung – und verlässliche Rahmenbedingungen und Regulierung bestehen, werden sie investierbar und zum Business Case.
Doch für neuartige Technologien besteht zwischen Forschung und breiter Markteinführung eine zu große Finanzierungs- und Kompetenzlücke.
Der Schritt von der Forschung zur bankfähigen Finanzierung ist enorm anspruchsvoll. Förder- und Geschäftsbanken benötigen tiefes Technologie- und Branchenwissen in zentralen Transformationsfeldern, um Chancen und Risiken realistisch bewerten zu können. Kompetenzcluster im Schulterschluss zwischen Finanzierern und Realwirtschaft können dabei helfen, Kapital dorthin zu lenken, wo die Hebel am größten sind.
Inventur und Kassensturz – Fördermittel neu denken
Die deutsche Förderlandschaft ist breit, aber wenig aus einem Guss. Direkte und indirekte Förderungen aus Bundes-, Länder- und EU-Haushalten summieren sich auf mehrere hundert Milliarden Euro. Evaluierungen zeigen, dass Programme häufig nur begrenzt abgestimmt sind und Wirkungsanalysen selten und nicht zielgruppenspezifisch erfolgen.
Ein Kassensturz über die gesamte Förderlandschaft ist deshalb überfällig. Wir brauchen einen Überblick, welche Instrumente welche Zielgruppen mit welchen Volumina adressieren, wo Doppelstrukturen und Synergien bestehen und wo wirkliche Lücken bleiben. Auf dieser Basis sollte Förderung konsequent zielgruppenorientiert ausgestaltet werden – Mittelstand, Start-ups, Infrastruktur, Kommunen – und nicht primär entlang von Ressortslogiken. Ein Großteil der Förderangebote sollte sich an Nachhaltigkeitskriterien orientieren und anhand transparenter Wirkungsindikatoren regelmäßig evaluiert werden.
Besonders deutlich wird der Reformbedarf beim Sondervermögen „Infrastruktur und Klimaschutz“. Hier wurde ein immenser Betrag von rund 500 Milliarden Euro als Finanzmittel aktiviert. Dieser trifft jedoch auf einen Investitionsrückstand bei über 230 Milliarden Euro.
Hohe Zuschussquoten, wenig revolvierende Ansätze und fehlende Zukunftsthemen und Nachhaltigkeit führen dazu, dass vor allem Bestandsinvestitionen finanziert werden, nicht die Infrastruktur der Zukunft. Dabei belegt die Studienlage, dass öffentliches Kapital durchaus erhebliche Hebelwirkungen erzielen kann – von Eins zu Fünf bis zu Eins zu Zehn. Diesen Hebel nutzen wir im Förder- und Transformationskontext nicht konsequent genug.
Fragmentierung überwinden – Kräfte bündeln und Verantwortlichkeiten fokussieren
Ein weiterer zentraler Befund aus den Studien ist die Fragmentierung. Zuständigkeiten, Regelwerke und Strategien sind auf viele Ebenen verteilt, Instrumente laufen nebeneinanderher, Investitionssignale bleiben unscharf. Der unvollendete europäische Binnenmarkt und die Kapitalmarktunion erschweren die Skalierung innovativer Geschäftsmodelle. Amerikanische Start-ups erhalten im Mittel die doppelten Finanzierungsvolumina, die Eigenkapitalkosten liegen um 1,5Prozent geringer als in Europa.
Was es braucht, ist eine Systemperspektive über Legislaturen hinweg: ein klares Zielbild Deutschland, eine beweglichere Verwaltungsorganisation mit stärkerer Wirkungsorientierung, eindeutige Zuständigkeiten im Föderalismus, Aufbrechen von Silodenken und eine europäische Position, die Binnenmarkt und Kapitalmarktunion entschlossen voranbringt.
Die Daten machen deutlich: Wir stehen nicht vor einem Zielkonflikt zwischen Wirtschaftswachstum und Klimaschutz. Die nachhaltige Transformation ist Teil unserer Wachstumsagenda. Wenn wir jährlich 81 Milliarden Euro für fossile Importe ausgeben und bei Untätigkeit Strafzahlungen an die EU in zweistelliger Milliardenhöhe riskieren, dann ist jedes öffentliche Fördergeld, das privates Transformationskapital über Darlehen, Beteiligungen, Garantien und Risikoteilung mobilisiert, eine Investition in unsere Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit.
Die Kosten des Nichtstuns sind hoch und gut belegt. Die Finanzierung der Modernisierung ist möglich – wenn wir Kapital aktivieren, Förderung neu ausrichten und Fragmentierung überwinden.
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