Gesundheit als Wachstumstreiber : Resilienz ist die neue Nachhaltigkeit!
Das Gesundheitswesen kann Sicherheit und Zukunftsfähigkeit verbinden und zu einem stabilen Kern unseres Wirtschaftsmodells werden. Nils Dehne, Geschäftsführer der Allianz Kommunaler Großkrankenhäuser, und Daniel Dettling, Geschäftsführer der Gesundheitsstadt Berlin, heben dafür im Standpunkt drei zentrale Bausteine hervor.
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Was ist eigentlich aus der Bewegung von „Friday for Future“ geworden? In der Bundesregierung scheinen Nachhaltigkeitsthemen keine besondere Rolle mehr zu spielen. Rekordverdächtige 99 Mal tauchte der Begriff der „Nachhaltigkeit“ noch in den 177 Seiten des Koalitionsvertrags der gescheiterten Ampel-Regierung auf. „Nachhaltig“ sollte zum Kernbegriff der selbsternannten Fortschrittskoalition werden. Die Bürger hatte die alte Regierung in der ausgerufenen „großen Transformation“ frühzeitig verloren. Der Fortschrittsglaube wurde eingeholt von einer neuen Angst vor der Zukunft.
„Krisenvorsorge“ ist das Narrativ der neuen Bundesregierung. Nicht das Leitziel der „Nachhaltigkeit“, sondern die Anforderungen an die Bundeswehr in einem möglichen Bündnisfall an der NATO-Ostgrenze ziehen sich in dem Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD wie ein roter Faden durch die Agenda der Regierung.
Verknüpft statt getrennt
Dabei verbindet Klimaschutz und Krisenvorsorge politisch mehr als sie trennt. Politisch sind die Themen in unterschiedlichen Lagern verortet, es eint sie aber die Sorge um eine lebenswerte Zukunft. Die Argumente für Klimaschutz und Verteidigungsfähigkeit sind eng miteinander verknüpft:
Während globale Lieferketten einerseits aufgrund der damit verbundenen Emissionen kritisiert wurden, erscheint eine heimische Produktion im Sinne der Unabhängigkeit und Verfügbarkeit in Zeiten globaler Unsicherheiten erstrebenswert.
Während erneuerbare Energien einst als universelle Antwort auf die fortschreitende globale Erwärmung herangezogen wurden, erscheinen sie heute als Lösung für eine autarke und dezentrale Energieversorgung.
Während ein verantwortungsvoller Umgang mit dem vorhandenen Personal im Sinne eines umfassenden Nachhaltigkeitsbegriffs es bis in die Vorgaben zum Lieferkettensorgfaltsgesetz geschafft hat, wird heute über Maßnahmen zur Schaffung von Freiwilligen- und Reservepools und zur Sicherung der Arbeitsfähigkeit in kritischen Wirtschaftsbereichen nachgedacht.
Alle diese Aspekte dienen der Funktionsfähigkeit des Staates in Zukunft und auch im Notfall. Bei möglichen Klimakatastrophen genauso wie bei einem Bündnis- und Verteidigungsfall.
Das Wirtschaftswunderland ist passé
Das deutsche Geschäftsmodell basierte jahrzehntelang auf einem florierenden globalen Handel und freien Märkten. Unsere Wettbewerbsfähigkeit hatte ihren Ursprung in einer ausgeprägten Innovationskraft und klassischen Tugenden, wie Leistungsbereitschaft und Fortschrittsglauben. Die Effizienz einer arbeitsteiligen Weltwirtschaft hat uns großen Wohlstand in weiten Teilen unserer Gesellschaft gebracht. „Wirtschaftswunder“ bedeutete Innovation, Dynamik und Erneuerung. Heute hat Deutschland die niedrigste Industrieproduktion seit der Weltfinanzkrise (außer Corona), die niedrigsten Investitionen seit Jahren, so wenige Gründungen und so wenige Stellenmeldungen wie noch nie.
Der Koalitionsvertrag der amtierenden Regierungskoalition verspricht in dieser Lage die Rückkehr zum Wirtschaftswachstum. Dazu sollen auch umfassende Investitionen in die Infrastruktur und Verteidigungsfähigkeit des Landes beitragen. Die gute Nachricht: Energie, Mobilität, Wasserstoff und Rüstung sind Industriethemen „Made in Germany“. Deutschland hat Voraussetzungen wie kaum ein anderes Land, um sich neu und fit für die Zukunft aufzustellen und zu erneuern.
Wachstumstreiber Gesundheit
Das Ziel einer resilienten Wirtschaft und Gesellschaft stehen in einem starken Kontrast zum bisherigen Wohlstandsmodell und leiten ein neues ein. Die Bereiche Rüstung und Gesundheit gelten als Wachstumsmärkte in unserem Land und generieren in den kommenden Jahren mit insgesamt 6,5 Millionen Beschäftigten eine Bruttowertschöpfung von mehr als 520 Milliarden Euro im Jahr, das sind über 13 Prozent der gesamten Wirtschaft. Das Gesundheitswesen kann Sicherheit und Zukunftsfähigkeit verbinden und zu einem stabilen Kern unseres Wirtschaftsmodells werden. Drei Bausteine erscheinen dafür von besonderer Bedeutung: eine nationale Pharmastrategie, eine reformierte Krankenhauslandschaft und eine bedarfsgerechte Patientensteuerung.
Erstens: Aus der einstigen „Apotheke der Welt“ ist heute ein Standort für hochspezialisierte und individualisierte Arzneimittel geworden. In Verbindung mit unserem Krankenversicherungssystem kann in Deutschland jedem ein frühzeitiger Zugang zu innovativen Behandlungsmöglichkeiten garantiert werden. Gleichzeitig werden Lieferengpässe in der Basisversorgung zu einer Bedrohung im Kriegs- und Katastrophenfall, weil Produkte nur noch in wenigen Produktionsstätten auf der Welt für den globalen Markt hergestellt und in Deutschland kaum wirtschaftlich vergütet werden. Um für künftige Krisen vorbereitet zu sein, müssen auch in der Regelversorgung höhere Kosten für einige kritische Arzneimittel akzeptieren werden.
Zweitens verfügt Deutschland zwar über eine der höchsten Bettendichten in der stationären Akutversorgung im internationalen Vergleich. Die Krankenhäuser sind jedoch in weiten Teilen kaum auf echte Kriegs- und Krisenlagen vorbereitet. Das gilt für die bauliche Infrastruktur genauso wie für die IT-Sicherheit und die Abhängigkeit von zentralen Versorgungsleitungen. Eine Aufrüstung und Ausrüstung aller Krankenhäuser für den Krisenfall ist finanziell nicht leistbar. Gleichzeitig bringt die aktuelle Nachfrage unsere personellen Ressourcen in vielen Krankenhäusern immer häufiger an ihre Grenzen. Weniger, dafür krisenfest ausgestattete Kliniken sind der Weg zu einer resilienten Gesundheitsversorgung.
Drittens: Der schnelle Zugang zur medizinischen Versorgung gilt in unserem Land bis heute als zentrales Qualitätskriterium. Für eine bedarfsgerechte Patientensteuerung gibt es hingegen keine funktionierenden Strukturen und Lösungen. Während solche Konzepte bisher von den verschiedenen Interessengruppen konsequent abgelehnt werden, dürften diese im Kriegs- und Krisenfall erfolgsentscheidend für eine Aufrechterhaltung der Versorgung sein. Ziel ist eine einheitliche, verbindliche und digitale Ersteinschätzung vor jeglicher Inanspruchnahme medizinischer Ressourcen.
Ein leistungsfähiges Gesundheitswesen und eine wettbewerbsfähige Wirtschaft gehen Hand in Hand. Voraussetzung für beides sind echte Reformen mit dem Fokus auf Resilienz und Stabilität.
Wann kommt das Gesundheitssicherstellungsgesetz?
„Eine Zeitenwende für das Gesundheitswesen“ und ein „Gesundheitssicherstellungsgesetz“ hat der frühere Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach bereits im Frühjahr 2024, ein halbes Jahr vor dem Scheitern der Ampel-Koalition, angekündigt. Ein halbes Jahr seit dem Start der „Großen Koalition“ ist es höchste Zeit dafür. Den notwendigen Spielraum für einen Umbau unseres Landes hat die Bundesregierung. Sie muss ihn jetzt nutzen. Versorgungssicherheit und Verteidigungsfähigkeit sind digitale wie analoge Zwillinge. Resilienz ist die neue Nachhaltigkeit.
Nils Dehne ist Geschäftsführer der Allianz Kommunaler Großkrankenhäuser e.V. sowie der Dienstleistungs- und Einkaufsgemeinschaft Kommunaler Krankenhäuser GmbH.
Dr. Daniel Dettling ist Geschäftsführer von Gesundheitsstadt Berlin.
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