Fahrradinfrastruktur : Radverkehrspolitik braucht junge Perspektiven und mehr Mitbestimmung
Das Fahrrad ist für viele junge Menschen ein wichtiges Verkehrsmittel. Es schafft Unabhängigkeit, ist bezahlbar und klimafreundlich. Für eine zukunftsfähige Mobilitätspolitik braucht es eine konsequente Radverkehrsförderung und -planung, in die junge Menschen stärker einbezogen werden.
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Bei der Vorstellung des Regierungsprogramms für den Bereich Verkehr sagte Verkehrsminister Patrick Schnieder im Deutschen Bundestag, dass Menschen frei wählen können sollten, welches Verkehrsmittel sie nutzen. Gleichzeitig wird der motorisierte Individualverkehr weiterhin massiv subventioniert und priorisiert, beispielsweise durch Steuervorteile, das Dienstwagenprivileg und eine Infrastruktur, die auf das Auto ausgerichtet ist. Wahlfreiheit in der Verkehrsmittelwahl ist damit aktuell eine Illusion. Besonders für viele junge Menschen ist Autofahren keine realistische und wünschenswerte Option, sei es aus praktischen, finanziellen oder ökologischen Gründen. Der Radverkehr hingegen vereint viele individuelle und gesellschaftliche Vorteile.
Das Fahrrad ermöglicht besonders jungen Menschen eine unabhängige und flexible Mobilität. Es befähigt, Wege selbstständig zurückzulegen, ohne auf die Mitfahrt bei Erwachsenen, den Besitz eines Autos oder den öffentlichen Nahverkehr angewiesen zu sein. Diese Unabhängigkeit ist sowohl in der Stadt als auch im ländlichen Raum von großer Bedeutung, da sie selbstbestimmte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht. Zudem ist Radfahren kostengünstig, was für viele junge Menschen, die über begrenzte finanzielle Mittel verfügen, ein entscheidender Faktor ist. In dieser Kombination aus Unabhängigkeit, Zugänglichkeit und Alltagstauglichkeit fungiert das Fahrrad als niedrigschwelliger Mobilitätsgarant.
Beim Radverkehr geht es dabei nicht nur um individuelle Vorteile, sondern auch um die grundlegende Frage: In welcher Zukunft und in welchen Städten wollen wir leben? Für eine nachhaltige und lebenswerte Zukunft ist es ein gesellschaftlicher Wandel notwendig, der unter starkem Einbezug junger Perspektiven diskutiert werden muss. Junge Menschen sind besonders stark von der Klimakrise und ihren Folgen betroffen. Der Verkehrssektor ist dabei mit 22 Prozent für einen erheblichen Anteil der Treibhausgasemissionen Deutschlands verantwortlich und hat in den letzten Jahren seine Klimaziele immer wieder verfehlt. Es gibt also großen Handlungsbedarf.
Radverkehrsanteil auf kurzen Wegen könnte verdreifacht werden
Eine aktuelle Studie des Fraunhofer ISI im Auftrag des ADFC zeigt, welches Potenzial im Radverkehr steckt: bis 2035 könnte der Radverkehrsanteil auf Wegen bis 30 Kilometer Länge von derzeit 13 auf 45 Prozent verdreifacht werden. Damit könnten die Verkehrsemissionen im Nahbereich um 34 Prozent reduziert werden. Mit kurzen innerstädtischen Wegen, einem konsequenten Ausbau von Radwegen und einer attraktiven Verknüpfung mit öffentlichen Verkehrsmitteln könnten 19 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente jährlich eingespart werden. Der Radverkehr ist somit ein zentraler Hebel für den Klimaschutz, fördert resiliente Städte und trägt entscheidend zur Lebensqualität junger und künftiger Generationen bei.
Trotz der großen Potenziale und der Bedeutung des Radverkehrs gibt es jedoch einige Hindernisse, die junge Menschen am Radfahren hindern. Ihre Bedürfnisse werden in der Verkehrspolitik und -planung bislang nur unzureichend berücksichtigt. Die Fahrradinfrastruktur bildet die zentrale Grundlage fürs Radfahren, sie ist aber vielerorts nicht attraktiv. Es braucht ein lückenloses, komfortables und sicheres Radnetz, das die Mobilitätsmuster junger Menschen berücksichtigt. Dazu gehören vor allem alltägliche Wege zur Schule, zum Ausbildungsort oder zur Arbeit. Gleichzeitig ist das Fahrrad für viele junge Menschen auch ein Freizeit- und Sportmittel, sodass auch diese Nutzungsformen verstärkt mitgedacht werden müssen.
Zudem braucht es an Zielorten sichere Abstellmöglichkeiten fürs Fahrrad und wenn mal eine Reparatur notwendig ist, muss dies niedrigschwellig und kostengünstig möglich sein. Auch das soziale Klima im Straßenverkehr ist ein nicht unwesentlicher Faktor, denn häufige Konfliktsituationen, Rücksichtslosigkeit oder gar aggressive Situationen können abschreckend wirken. Der Straßenraum muss so gestaltet werden, dass Radfahrende als gleichberechtigte und respektierte Verkehrsteilnehmende wahrgenommen werden.
Junge Menschen nicht allein als passive Zielgruppe verstehen
Heute wird entschieden, wie Verkehr und Mobilität in Zukunft aussehen. Diese Entscheidungen prägen unsere Städte und Regionen. Der Radverkehr bietet dabei enormes Potenzial für die Gestaltung einer nachhaltigen und lebenswerten Zukunft. Doch um seine Attraktivität zu steigern und die Nutzung besonders auch unter jungen Menschen weiter zu fördern, müssen die Interessen und Bedürfnisse junger Menschen in der Verkehrspolitik und -planung stärker berücksichtigt werden. Dazu gehört einerseits die gezielte Unterstützung von Austausch, Engagement und Vernetzung untereinander. Vor allem braucht es aber verbindliche Strukturen, die ihre aktive Beteiligung an Planungs-, Gestaltungs- und Umsetzungsprozessen ermöglichen. Die Einbindung von Vertreter*innen aus Jugendparlamenten oder Jugendorganisationen bei der Erstellung von Mobilitätskonzepten könnte beispielsweise zur verstärkten Berücksichtigung junger Perspektiven beitragen.
Die Bedürfnisse junger Menschen überschneiden sich dabei oft mit denen anderer Gruppen. Die verstärkte Partizipation führt nicht nur zu besseren Lösungen, sondern fördert auch die Akzeptanz und Identifikation mit politischen Entscheidungen. Junge Menschen dürfen dabei in der Planung und Politik nicht allein als passive Zielgruppe verstanden werden, sondern müssen als Mitgestaltende einer zukunftsfähigen, gerechten und selbstbestimmten Mobilität aktiv mit einbezogen werden.
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