Clean Corporate Vehicles Proposal : Verbindliche Flottenquoten lösen kein Infrastrukturproblem
Die EU will gewerbliche Flotten bis 2030 zu 83 Prozent elektrifizieren – und nimmt dabei auch Mietwagen ins Visier. Doch an Flughäfen und Bahnhöfen fehlt vielerorts die nötige Ladeinfrastruktur, Zuständigkeiten sind zersplittert, Netzanschlüsse dauern Jahre. Starre Quoten könnten so ins Leere laufen. Deutschland muss in Brüssel nun eine Führungsrolle übernehmen.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Am 8. und 9. Juni beraten die EU-Verkehrsminister über das Clean Corporate Vehicles Proposal der Europäischen Kommission. Auf dem Tisch liegt eine 83-Prozent-Elektroquote für gewerbliche Flotten bis 2030, bis zu 95 Prozent bis 2035. Geht es nach der Kommission, sollen auch Mietwagenflotten dazu zählen. Wie diese ohne geeignete Ladeinfrastruktur an Mobilitätsknotenpunkten geladen werden sollen, beantwortet die Kommission nicht.
Die Realität an den Mobilitätsknotenpunkten
Rund 50 Prozent der Mietwagennutzer starten ihre Reise an Mobilitätsknotenpunkten wie Flughäfen oder Bahnhöfen. An großen Flughäfen werden täglich Mietwagen im vierstelligen Bereich abgegeben und neuvermietet. Ohne eine leistungsfähige und zuverlässige Ladeinfrastruktur ist der breite Einsatz von E-Fahrzeugen hier nicht realisierbar. Und die ist bisher leider nicht gegeben.
Beispielsweise stehen an einem der größten deutschen Flughäfen für sämtliche Mietfahrzeuge im gesamten Mietwagenzentrum gerade einmal sechs Ladesäulen mit elf Kilowatt zur Verfügung. An manchen großen Flughäfen gibt es für Autovermieter sogar überhaupt keine Ladeinfrastruktur.
In der Praxis werden Mietwagen daher auf Ladeparks von Drittanbietern außerhalb der Flughäfen gefahren. So ist es derzeit nicht unüblich, dass Autovermieter ihre Fahrzeuge bei einem Schnellrestaurant in der Nähe laden. Um täglich eine vierstellige Zahl an Elektrofahrzeugen umzuschlagen, ist das offenkundig kein tragfähiges Konzept.
Das Problem ist nicht das Geld
Beim Ausbau der Ladeinfrastruktur an Mobilitätsknotenpunkten ist Geld oft gar nicht der Engpass. Es sind die Strukturen. Genehmigungsverfahren ziehen sich. Netzanschlüsse dauern Jahre. Zuständigkeiten verteilen sich auf Flughafenbetreiber, Parkhausbetreiber, Netzbetreiber, private Anbieter von Ladeinfrastruktur, Kommunen und weitere Akteure.
Autovermieter haben in diesem Geflecht meist den geringsten Einfluss auf die Ladeinfrastruktur. Und nicht nur Flughäfen sind ein Problemfall. Der Frankfurter Hauptbahnhof beispielsweise bietet Autovermietern weder Abstellplätze noch Ladeinfrastruktur. Die Mietfahrzeuge stehen in Parkhäusern Dritter. Über die Ladeinfrastruktur entscheiden deren Betreiber. Autovermieter können dort Bedarf anmelden.
Die Investitionsentscheidung treffen jedoch andere. Das ist kein Einzelfall. Es ist die Regel. Der Verband der internationalen Autovermieter (VIA) arbeitet bereits gemeinsam mit dem Flughafenverband ADV und der Nationalen Leitstelle Ladeinfrastruktur daran, den Ausbau an Mobilitätsknotenpunkten zu beschleunigen. Fakt ist aber: es gibt sie nur in stark eingeschränktem Umfang.
Autovermieter sind keine klassischen Firmenflotten
Hinzu kommt, dass die Autovermieter einer anderen wirtschaftlichen Logik folgen als andere Unternehmen. Ein Konzern kann festlegen, welche Art von Dienstwagen seine Beschäftigten erhalten. Ein Autovermieter kann das nicht. Er vermietet, was zahlende Endkunden nachfragen. Eine Quote wie von der EU-Kommission vorgeschlagen, zwingt Vermieter, Fahrzeuge in die Flotte zu nehmen, für die es schlicht keinen Markt gibt.
Auch im Betrieb verändert sich die Rechnung. Ein E-Fahrzeug an einer Elf-Kilowatt-Säule lädt Stunden, nicht Minuten. Standzeit bedeutet im Mietwagengeschäft Umsatzausfall.
Transformation verlangt geeignete Voraussetzungen
Dass der Kommissionsvorschlag in seiner jetzigen Form nicht trägt, erkennen immer mehr Mitgliedstaaten. Neun Länder (Polen, Bulgarien, Tschechien, Estland, Ungarn, Italien, Lettland, Slowakei und Rumänien) haben in einem gemeinsamen Non-Paper bereits deutlich gemacht, dass sie die vorgeschlagene Verordnung durch ein weicheres Instrumentarium ersetzt sehen wollen.
Der Koalitionsausschuss von CDU, CSU und SPD hat sich gegen den Vorschlag der Kommission für Quoten auf Unternehmensflotten ausgesprochen. Die Autovermieter erwarten nun, dass die Bundesregierung diese Linie nun auch in Brüssel klar vertritt und eine Führungsrolle in dieser Frage übernimmt.
Die Transformation der Mobilität gelingt nur, wenn Nachfrage, Infrastruktur und Regulierung zusammengedacht werden. Starre Quoten ohne Kundennachfrage und ohne ausreichende Ladeinfrastruktur sind kein geeigneter Weg, um die Klimaziele im Verkehrssektor zu erreichen.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden