Deutschlandticket : Wir brauchen kein Signal, es muss entschieden werden
Das Deutschlandticket steht auf wackeligen Beinen. Während mehr Effizienz von der Branche gefordert wird, liefert diese bereits. Und auch die Zahl von mehr als 14 Millionen Kund:innen könnte noch ausgebaut werden. Nach dem Vorbild Wien braucht es kommende Woche mutige Entscheidungen der Politik auf der Sonder-Verkehrsministerkonferenz.
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„Wien, mein Wien, nur Du allein, sollst Stadt meiner Träume sein.“ Was Peter Alexander erfolgreich sang, war viele Jahre die heimliche Hymne der Begeisterten für die öffentliche Mobilität, den ÖPNV, die „Öffis“ in Deutschland. Immer wieder pilgerten Ratsausschüsse für Verkehr, Stadtplanerinnen und Verbände in die österreichische Hauptstadt, um sich das Wunder vom 365-Euro-Ticket einmal live anzusehen, im „Schwarzen Kameel“ das beste Schnitzel der Welt zu essen – und beseelt in die oftmals graue Wirklichkeit des deutschen ÖPNV in Angebot und Preis zurückzukehren.
Umso erstaunlicher, wie leise deutsche Medien und Fachöffentlichkeit bisher das Ende des 365-Euro-Tickets begleitet haben. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Ab 2026 steigt die Jahreskarte der Wiener Linien auf 467 Euro für Erwachsene, während ermäßigte Kundengruppen wie Senior:innen, Menschen mit Behinderung und unter 26-Jährige künftig 300 Euro zahlen. Eine Erhöhung von fast 30 Prozent, von der Alexandra Reinagl, Chefin der Wiener Linien, sagt, es wäre „vielleicht besser gewesen, nicht so lang zu warten“.
Wiener Debatte ähnlich wie in Deutschland
Die Kostenentwicklung insbesondere bei Personal, Energie und Beschaffung lässt keinen anderen Weg zu. Und während vor der Einführung des 365-Euro-Tickets auch ein Fahrschein mit dem neuen Preis akzeptiert worden wäre, gibt es dagegen nun erheblichen Widerstand. Unsozial sei der neue Preis, heißt es.
Das kommt Ihnen bekannt vor? Ja, denn seit Jahren, eigentlich seit seiner Entstehung, tobt eine ähnliche Diskussion um das Deutschlandticket und seinen Preis. Skandalös war es zunächst, dass das 9-Euro-Ticket auf 49 Euro erhöht wurde. Die Preissteigerung auf 58 Euro dann wurde als das „Ende des Sozialstaates“ gegeißelt. Parallel wird die Unterfinanzierung des ÖPNV aus Fahrgeldeinnahmen und Geldern von Bund, Ländern und Kommunen immer sichtbarer. Das zweite Leistungskostengutachten des VDV zeigt die Dimension dieser Unterfinanzierung heute und morgen.
Selbst, wenn wir neben das Deutschlandticket kein Deutschlandangebot setzen wollen, was einen jährlichen Aufwuchs im Vergleich zu 2024 von rund 3,5 Milliarden Euro bis 2040 voraussetzen würde. Selbst, wenn stattdessen das heutige Angebot erhalten bleiben und qualitativ verbessert würde, brauchen wir einen jährlichen Aufwuchs von zusätzlich 1,44 Milliarden Euro. Dann haben wir einen modernen ÖPNV hinsichtlich der Antriebe und anderem, aber noch immer kein signifikant besseres Angebot deutschlandweit.
Oder einfacher: Der heutige ÖPNV in Deutschland ist mit den finanziellen Spielräumen nicht besser zu machen. Weder in seiner Infrastruktur, noch in seinem Betrieb oder bei der notwendigen Transformation der Antriebe und der Digitalisierung.
Stellschrauben Effizienz und Vertrieb
„Ja, aber werdet doch selber endlich effizienter“, mag nun mancher denken und den heutigen ÖPNV sprengen wollen. Doch: „Das System“ ist längst dabei, sich massiv zu verändern und noch effizienter zu werden. Tariflandschaften werden gemäht wie in Hamburg, im Rhein-Ruhr-Gebiet oder in Hessen. Länderübergreifende Verbünde wie in Berlin-Brandenburg oder Niedersachsen-Bremen sind schon lange die Realität.
Vorschläge für mehr Effizienz finden sich ebenfalls im zweiten Leistungskostengutachten – auch deshalb nennt es der VDV einen Transformationsfahrplan. Diese Effizienz zu heben, dafür braucht es Mut. Vor allem den Mut politischer Entscheider:innen, wie wir ihn jetzt in Wien sehen. Löhne wird man absehbar nicht senken können und wollen, doch es muss an der Produktivität gearbeitet werden, sowohl bei den Beschäftigten als auch durch Automatisierung – nicht nur im Fahrbetrieb.
Der Vertrieb ist ein wesentlicher Kostenfaktor. Fahrscheindrucker, Bargeldverkauf oder 150 verschiedene Apps können der Vergangenheit angehören. Wenn Politik in den Entscheidungsgremien bereit ist, auf das Papierticket zu verzichten, wenn Mobile und Geldkarte Bargeld ersetzen und die eigene Eitelkeit nicht das eigene IT-Hintergrundsystem verlangt.
Sonder-VMK muss Entscheidung treffen
Die Branche liefert, das Deutschlandticket zeigt das. In kürzester Zeit ist das Ticket eingeführt, hat sich die Branche auf eine gemeinsame Administration geeinigt und betreibt diese D-Tix durch den Bundesverband deutscher Omnibusunternehmen (BDO), den Bundesverband Schienennahverkehr (BSN), den VDV sowie die Deutschlandtarifverbund GmbH (DTVG) gemeinsam.
IT-Sicherheitsstandards wurden durch BSN, Mofair und VDV gemeinsam definiert und Stück für Stück umgesetzt. Eine Finanzierung für diesen erheblichen Mehraufwand der Verbände gibt es genauso wenig wie eine funktionierende Governance, die aus der betroffenen Branche Beteiligte auf Augenhöhe macht.
In diesen Monaten pendeln sich die Verkäufe Monat für Monat bei rund 14 Millionen Nutzer:innen ein. Das Potenzial für mehr Kund:innen hat dieses Ticket. Aber weder große Arbeitgeber steigen in das Ticket als Jobticket ein, noch werden Auszubildende endlich wie Studierende behandelt. Werbung für das Ticket wird auch nicht mehr gemacht, bundesweit schon gar nicht.
Und so fürchten manche ein plötzliches Aus „aus Versehen“ am Ende dieses Jahres. Andere erhoffen es, denn die Finanzierung des Tickets weist in der Prognose für 2026 eine Lücke von 400 bis 600 Millionen Euro aus. Bislang ist völlig ungeklärt, wer diese Lücke schließt, und die Unternehmen und ihre Gesellschafter haben keinerlei Planungssicherheit.
Hier schließt sich der Kreis. Das Deutschlandticket hat aus Stammkund:innen noch bessere Stamm:Kundinnen gemacht. Echte Neukund:innen sind nicht wirklich dazu gekommen. Für diese brauchen wir ein besseres Angebot. In den Ballungsräumen und den unterschiedlichen Arten der ländlichen Räume.
Sehr konkrete Vorschläge bis auf Landkreisebene bundesweit liegen nun vor. Um dieses Angebot etablieren zu können, brauchen wir eine gemeinsame Anstrengung: Mehr Geld für Investitionen und Betrieb bis 2040, andere Regulierung, mehr Gemeinsamkeit.
Deshalb muss von der Sondersitzung der Verkehrsministerkonferenz am 18. September kein Signal kommen, wie es weiter geht. Sondern es müssen Entscheidungen her. Zum Deutschland-Ticket und zur ÖPNV-Finanzierung.
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