Digitalstandort Europa : Das obere 6-GHz-Frequenzband ist unverzichtbar für zukunftsfähiges WLAN
Im November steht auf EU-Ebene eine Entscheidung an, die für die digitale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Europas von grundlegender Bedeutung ist: die künftige Nutzung des oberen 6-GHz-Frequenzbands. Die Radio Spectrum Policy Group (RSPG) sollte der EU-Kommission empfehlen, das gesamte Band für die lizenzfreie WLAN-Nutzung freizuhalten.
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Schon heute laufen rund 90 Prozent des gesamten Datenverkehrs in Deutschland über WLAN – und damit indirekt über Festnetze, die 40 Mal mehr Daten transportieren als Mobilfunknetze. Denn der weit überwiegende Teil der Datennutzung findet in Innenräumen statt. WLAN ist also das entscheidende Bindeglied, um die Leistungsfähigkeit von Glasfaseranschlüssen tatsächlich auf allen Endgeräten ankommen zu lassen.
Sollte das obere 6-GHz-Band für den Mobilfunk reserviert werden, wäre es aufgrund der geringen Reichweite, wenn überhaupt, nur in Ballungsräumen sinnvoll einsetzbar. Der ländliche Raum wäre von der Nutzung dieser wertvollen Ressource ausgeschlossen. WLAN hingegen nutzt die verfügbaren Frequenzen überall dort, wo Menschen wohnen oder arbeiten – leistet also einen unverzichtbaren Beitrag zur digitalen Konnektivität in Stadt und Land.
WLAN braucht 320-MHz-Nutzkanäle im oberen 6-GHz-Band
Das obere 6-GHz-Band ist das einzige noch verfügbare Band, das sinnvoll für WLAN und die Abdeckung von Innenräumen genutzt werden kann, während sich der Bandbreitenbedarf im Mobilfunk auch in anderen Frequenzbändern decken lässt. Zudem kann WLAN diese Frequenzen auch zur Steigerung der Bandbreiten im Upload nutzen, was im Mobilfunk aufgrund eingeschränkter Sendeleistung der Endgeräte nur eingeschränkt möglich ist.
Mit dem aktuellen Wi-Fi-7-Standard (IEEE 802.11be) können im 6-GHz-Band Nutzkanäle von bis zu 320 MHz verwendet werden. Diese breitbandigen Kanäle sind notwendig, um wirkliche Durchbrüche bei Anwendungen wie Augmented Reality (AR), Virtual Reality (VR), 3D-Videoübertragungen, Cloud-Rendering, Echtzeit-Gaming oder neuen Anwendungsfeldern im industriellen Umfeld zu ermöglichen. Da diese Kanäle in keinem niedrigeren Frequenzband in vergleichbarer Form verfügbar sind, wären ohne ausreichend große ungestörte Spektren im oberen 6-GHz-Band (6.425–7.125 GHz) kaum Fortschritte möglich.
Optimale Frequenzen für höchste WLAN-Qualität
WLAN im 6-GHz-Band bringt entscheidende Vorteile in puncto Latenz, Interferenzarmut und Signalqualität. Höhere Frequenzen ermöglichen geringere Signallaufzeiten. Dies ist besonders relevant für Echtzeitanwendungen – von industriellen Steuerungen bis zur Remote-Chirurgie. Die geringe Auslastung des oberen 6-GHz-Spektrums gegenüber etablierten Bändern ermöglicht ein sauberes Frequenzumfeld, in dem sich Signal-Überlagerungen und Störungen deutlich reduzieren.
Das obere 6-GHz-Band bietet beste Bedingungen für hohe Datenraten in geschlossenen Räumen, insbesondere bei gleichzeitig hoher Nutzerzahl (zum Beispiel Mehrfamilienhäuser, Büros, Wohnblocks). Ohne ausreichendes WLAN-Spektrum dort, wo viele Menschen sind, bleibt der „letzte Meter“ – oder eher: der letzte Raum – ein Flaschenhals.
Die USA, Kanada, Südkorea und viele andere Staaten haben bereits das gesamte 6-GHz-Band (5.925 MHz bis 7.125 MHz) für WLAN-Anwendungen verfügbar gemacht. Seither wurden über 5.000 WLAN-Produkte entsprechend zertifiziert und Millionen von Geräten produziert. All diese Geräte sind schon heute für die Nutzung des gesamten 6-GHz-Bandes ausgerüstet.
Höhere Datenraten, kürzere Übertragungszeiten und bessere Frequenzverfügbarkeit können den Energiebedarf sowohl bei Endgeräten als auch bei Infrastrukturen senken. Wenn Daten mit höheren Bitraten über widerstandslosere Kanäle transferiert werden, sinkt der Aufwand für Wiederholungen, Fehlerkorrekturen und Störungsmanagement. Insbesondere für Unternehmen und Betreiber von Access Points reduzieren stabile und hochwertige WLAN-Bänder die Betriebskosten.
Skalierbarkeit für zukünftige Innovationen
Das Datenaufkommen in Gebäuden steigt nicht linear, sondern vielfach exponentiell – heute getrieben durch Anwendungen wie UHD-/8K-Video-Streaming, mehrere simultan genutzte Streams pro Haushalt und AR/VR. In den nächsten Jahren werden die Leistungsansprüche im WLAN durch holoportierte Anwendungen und die zunehmende Nutzung von Edge Computing und KI-Workloads, die lokal – also innerhalb des Heim- oder Firmennetzwerks – verarbeitet werden, weiter steigen.
Darüber hinaus können viele zukunftsgerichtete Anwendungsfelder, die heute noch ein Nischendasein führen, durch verfügbares und sauberes WLAN-Spektrum erst richtig Fuß fassen. Hierzu zählen Industrie 4.0 und Smart Factories mit Robotik und Echtzeitsteuerung, die niedrige Latenzen und hohe Bandbreiten erfordern. Ebenso Telemedizin, bildgebende medizinische Verfahren, AR-Unterstützung in OPs und rechenintensive Diagnosen, die lokal erledigt werden müssen. Auch Bildung und Veranstaltungen sind auf starkes WLAN angewiesen: Virtuelle Klassenzimmer und Hörsäle oder hybride Events mit hoher Nutzerzahl in geschlossenen Räumen erfordern viele gleichzeitige Verbindungen mit hoher Datenrate.
In all diesen Fällen entscheidet das verfügbare Spektrum, wie innovativ und wettbewerbsfähig Lösungen heute und in Zukunft sein können – sowohl für Start-ups, etablierte Unternehmen als auch für Bildungs- und Forschungseinrichtungen.
Wettbewerbsfähigkeit des Digitalstandorts Europa
Europa kann nicht isoliert agieren. Wenn andere Regionen vorangehen, entstehen Netzwerkeffekte: Geräte, Standards, Anwendungen werden auf solche Märkte optimiert. Verzögerungen und Abweichungen bringen Nachteile wie höhere Importkosten, Verlust wichtiger Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen und die Abwanderung von Fachkräften und Unternehmen, wenn die Infrastruktur anderswo zukunftsfähiger aufgestellt ist.
Die Entscheidung über die zukünftige Nutzung des oberen 6-GHz-Bandes ist keine Frage kleinteiliger Interessenabwägung, sondern eine strategische Weichenstellung: Die zukunftssichere Ausrichtung unserer Infrastruktur, Innovationskraft, Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit hängen davon ab.
Deshalb sollte sich Deutschland sich in der RSPG klar positionieren: Das obere 6-GHz-Band ist notwendig für zukunftsfähiges WLAN. Nur so können Glasfasernetze ihr volles Potenzial entfalten – auf jedem Gerät in Wohnzimmer, Büro und Fabrikhalle.
Norbert Westfal ist Sprecher der Geschäftsführung beim Telekommunikationsunternehmen EWE Tel und seit 2014 Präsident des Bundesverbands Breitbandkommunikation (Breko).
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