Sprunginnovationen : Die Sprind sollte mehr Darpa wagen

Christopher Schade
Christopher Schade ist Alumnus des Europäischen Hochschulinstituts (EUI). Foto: European University Institute (EUI)

Deutschland war mit der Sprind Pionier beim Aufbau einer Innovationsagentur nach dem Vorbild der legendären US-Darpa. Doch während die britische Aria dem Modell treu bleibt, gab die Sprind zuletzt den Großteil ihres Budgets als gewöhnlicher Investor aus. Neue Challenges sind ein erster Schritt zurück zum Vorbild. Wie sie konsequent umsteuern könnte.

von Christopher Schade, Europäisches Hochschulinstitut (EUI)

veröffentlicht am

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Die amerikanische Innovationsagentur Darpa gilt als Ikone. Gegründet 1958 als Reaktion auf den Sputnik-Schock, legte sie die Grundlagen für zahlreiche Technologien, die unsere moderne Welt heute prägen: vom Internet über GPS, Spracherkennung, Drohnen und selbstfahrende Autos bis hin zu mRNA-Impfstoffen.

Seit 2019 verfügt auch Deutschland über eine Agentur nach Darpa-Vorbild: die Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind). Damit war Deutschland ein echter Pionier in Europa. 2023 folgte das Vereinigte Königreich mit der Advanced Research and Invention Agency (Aria). Inzwischen planen auch Frankreich und die Niederlande solche Agenturen.

Meine Masterarbeit am Europäischen Hochschulinstitut hat untersucht, wie viel „Darpa“ wirklich in den neuen Agenturen Sprind und Aria steckt. Das Ergebnis: Die britische Aria entspricht in hohem Maße dem, was Forscher als maßgebliche Aspekte der Darpa beschreiben. Die Sprind weicht jedoch, trotz des Freiheitsgesetzes von 2023, in diversen Punkten vom Darpa-Modell ab. Sie agierte mit dem Großteil ihres Budgets zuletzt eher wie ein Investor als wie eine Forschungsagentur.

Wie das Darpa-Modell funktioniert

Aber was genau zeichnet das Darpa-Modell aus? Im Zentrum stehen die Darpa-Programmmanager, hochqualifizierte Experten mit akademischem oder militärischem Hintergrund. In den ersten Monaten einer drei- bis fünfjährigen Amtszeit identifiziert ein Programmmanager eine technologische Vision, normalerweise für eine militärische Anwendung, und baut darauf ein Challenge-basiertes Forschungsprogramm auf.

Die Visionen gehen an die Grenzen des Möglichen (man bezeichnet sie als „Darpa Hard“). Mehr als 90 Prozent der Programme erreichen ihre Ziele zunächst nicht, doch die wenigen erfolgreichen führen oftmals zu bemerkenswerten Durchbrüchen. Die Darpa geht damit Risiken ein, die selbst für private Unternehmen zu hoch sind.

Dafür stellt der Programmmanager ein Team aus externen „Performern“ zusammen: große Unternehmen, Start-ups, Universitäten oder Forschungseinrichtungen. Gerade diese Vielfalt ist eine Stärke der Darpa-Programme.

Dank eines speziellen Instruments im US-Recht, der Other Transactions Authority, kann der Programmmanager die Verträge weitgehend frei aushandeln. Laufen einzelne technische Ansätze ins Leere, kann er sie flexibel kündigen und Prioritäten verschieben. Möglich wird das auch, weil die Performer über „nicht verwässernde“ Zuschüsse bezahlt werden: Im Erfolgsfall verbleiben die geistigen Eigentumsrechte bei ihnen, und sie übertragen die neue Technologie an Militär oder Markt.

Britische Aria: weitreichende Ausnahmen vom Beschaffungsrecht

Die britische Aria forscht im Gegensatz zur Darpa primär zivil, folgt jedoch demselben Prinzip: Auch ein Programmdirektor der Aria identifiziert eine ambitionierte Vision, setzt ein Challenge-basiertes Programm auf, finanziert externe „Creators“ aus Unternehmen und Hochschulen mit Zuschüssen und steuert bei Bedarf flexibel nach. Ermöglicht wird das durch weitreichende Ausnahmen vom Beschaffungsrecht, die teils noch über die der Darpa hinausgehen.

Die ebenfalls zivile Sprind umfasst verschiedene Projekttypen, und einer kommt dem Darpa-Modell tatsächlich vergleichsweise nahe: Bei den sogenannten „Sprind Challenges“ legen die Sprind-Innovationsmanager eine technologische Herausforderung fest, die von verschiedenen externen Teams im Wettbewerb gelöst werden soll.

Sprind: Politiker mit am Hebel

Diese Challenges müssen jedoch zunächst vom „Gremium“, in dem die Sprind-Direktoren sowie Innovationsmanager gemeinsam entscheiden, und vom Aufsichtsrat, in dem unter anderem Politiker sitzen, genehmigt werden. Genau diese Art von „Peer Review“ wird von der Darpa vermieden und als „konservativ“ bezeichnet.

Die Challenges sind außerdem weniger flexibel als Darpa-Programme, da sie den Wettbewerbsvorschriften der EU entsprechen müssen. Die Innovationsmanager können im Laufe der Challenge nicht einfach Prioritäten ändern. Stattdessen entscheiden externe Jurys über mehrere Runden hinweg, welche Teams jeweils weiterkommen. Der kürzlich von der EU-Kommission vorgeschlagene Innovation Act könnte den bürokratischen Aufwand für die Challenges weiter erhöhen.

Dennoch beinhalten die Sprind Challenges den Grundgedanken der Darpa-Programme, an einer bestimmten technologischen Vision zu forschen. Im Jahr 2025 machten die Challenges jedoch nur 15 Prozent der finanziellen Verpflichtungen der Agentur aus. Etwa drei Viertel des Budgets wurden für Beteiligungen und (Wandel-)Darlehen verwendet: Finanzierungsformen, welche die Darpa überhaupt nicht nutzt.

Sprind agiert als gewöhnlicher Investor

Durch das Freiheitsgesetz von 2023 kann die Sprind unter anderem Beteiligungen eingehen. Das kann helfen, erfolgreiche Projekte auf den Markt zu bringen: Geht z. B. aus einer Challenge ein Start-up hervor, kann die Sprind es in der Anfangsphase mit Eigenkapital stützen, bis genügend privates Kapital fließt.

Die Sprind investierte zuletzt jedoch zunehmend in Start-ups, welche nicht aus vorherigen Projekten wie Challenges hervorgingen. Das Instrument diente hier nicht dem Technologietransfer, sondern die Sprind agierte als gewöhnlicher Investor.

Das widerspricht dem Ethos der Darpa: Investiert die Sprind in ein Start-up, gibt kein Innovationsmanager eine ambitionierte Vision vor, sondern das Start-up entscheidet selbst, woran es arbeitet. Man investiert nicht in ausgefallene Ideen, die zu 90 Prozent schiefgehen, sondern in Firmen mit Interesse am schnellen Markterfolg – und in ein Unternehmen mit einem Ansatz statt in ein anpassungsfähiges Portfolio verschiedener Performer.

Nun ließe sich einwenden, die Sprind reagiere damit nur auf eine deutsche Besonderheit: Der hiesige Wagniskapitalmarkt ist im Vergleich zum US-amerikanischen schwach. Ohne staatliches Eigenkapital, so das Argument, wandern vielversprechende Start-ups ab. Doch das überzeugt nicht. Für genau diese Lücke gibt es längst öffentliche Vehikel wie den High-Tech Gründerfonds; schon die Eckpunkte der Bundesregierung von 2018 sahen ausdrücklich vor, dass die Sprind Wagniskapitalgeber nicht ersetzen soll. Und die britische Aria verzichtet trotz einer ähnlichen Kapitallücke vollständig auf Beteiligungen.

Darpa und Aria etablieren ähnliche Struktur

Warum weicht die Sprind hier vom Darpa-Modell ab? Zum einen besitzt sie kein Tool, das direkt mit Darpas Other Transactions Authority vergleichbar wäre. Trotz des Freiheitsgesetzes bestehen hier weiterhin bundes- sowie europarechtliche Hürden. Die Sprind kann daher keine Programme aufsetzen, die eins zu eins dem Darpa-Modell entsprechen.

Bei der Gründung der britischen Aria wurden außerdem viele Akteure mit direkter Darpa-Erfahrung eingebunden. Unter anderem kommt die aktuelle CEO der Aria von der Darpa. Damit wurde in der Aria eine Darpa-ähnliche Forschungskultur etabliert. Bei der Gründung der Sprind war der direkte Austausch mit dem Vorbild Darpa oberflächlicher. Wichtige Positionen wurden hier vorwiegend mit deutschen Unternehmern besetzt, die eine größere Nähe zum Investment als zur Forschung haben.

Neues EU-Vergaberecht als Chance

Ein Gegensteuern ist möglich, und die Sprind hat damit begonnen: Sie plant aktuell mehrere neue, teils teure Challenges, viele davon im Rahmen der Hightech-Agenda der Bundesregierung. Die Ausgaben für Challenges dürften daher 2027 und 2028 deutlich steigen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung: Das vergleichsweise kleine Budget der Sprind sollte genau in die Programme fließen, die der Darpa-Logik am ehesten entsprechen. Eigenkapital und Darlehen sollten nur dazu dienen, erfolgreiche Technologien aus den Forschungsprogrammen in den Markt zu überführen. Genau so planen es übrigens die Niederländer.

Mittelfristig sollte geprüft werden, ob der Sprind, und auch der im Bereich Sicherheit tätigen Cyberagentur, eine echte Other Transactions Authority durch bundes- und europarechtliche Ausnahmen gewährt werden kann. In den nun anstehenden Verhandlungen zum neuen Vergaberecht der EU könnten beispielsweise Ausnahmen für staatliche Innovationsagenturen beschlossen werden.

Gelingt das, kann die Sprind zur deutschen Darpa werden. Gute Voraussetzungen hat sie: Ihre Offenheit gegenüber Forschern wie mir macht sie lernfähig. Und mit ihrer starken Öffentlichkeitsarbeit weckt sie bereits heute neue Begeisterung für Innovationen in Deutschland.

Christopher Schade ist Alumnus des Europäischen Hochschulinstituts (EUI). Zu seinen Untersuchungsschwerpunkten gehört die internationale Forschungs- und Innovationspolitik.

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