Digitale Souveränität : Europas digitale Zukunft entsteht nicht in Silos
Europa strebt nach digitaler Souveränität. Der Weg dorthin führt jedoch nicht über den Nachbau der Infrastruktur von gestern, sondern über offene, globale Ökosysteme. Denn genau dort entstehen die dominierenden Unternehmen von morgen, schreibt Mike Linksvayer von Github im Standpunkt.
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Hinter dem aktuellen europäischen Streben nach digitaler Souveränität steckt ein verständlicher Impuls. Das Argument lautet: Wir haben die letzte Welle verpasst, wir sind zu abhängig von Infrastruktur, die andernorts gebaut wurde, und das müssen wir korrigieren. Das ist eine durchaus nachvollziehbare Diagnose aus der Geschichte. Aber als Wegweiser in die Zukunft taugt sie wenig.
Die unbequeme Wahrheit ist, dass die Debatte um Souveränität fast ausschließlich rückwärtsgewandt geführt wird. Sie kreist um die Ebenen des digitalen Stacks, die bereits ausgereift sind: Hyperscaler-Infrastrukturen, Betriebssysteme, Enterprise-Software. Es wirkt so, als bestünde der entscheidende Wettbewerbsvorteil von morgen darin, in Märkte einzudringen, die längst skaliert, gesättigt und hart umkämpft sind.
Dem wird jedoch nicht so sein. Der überwältigende Teil der künftigen Wertschöpfung und Innovationskraft wird aus Technologien und Geschäftsmodellen hervorgehen, die nicht in bestehende Kategorien passen. Fortschritte in der KI und der Spitzenforschung ermöglichen es zunehmend, sich technologisch stark auf das Endresultat zu fokussieren, während gleichzeitig einzelne Komponenten aufgeteilt werden, um wiederverwendet und neu kombiniert zu werden. Das schafft völlig neue Formen der Koordination quer durch Industrie-, Verbraucher- und Enterprisemärkte.
Über die Kontrolle der gestrigen Infrastruktur zu debattieren, während diese neuen Kategorien längst woanders definiert werden, ist keine zukunftsfähige Souveränitätsstrategie. Es ist eine Ablenkung.
Die nächste Innovationswelle gewinnt man nicht in Silos
Die nächste Generation dominierender Unternehmen – jene, die 2040 so wichtig sein werden wie die heutigen Tech-Giganten – wird nicht in Silos entstehen. Sie wird in Ökosystemen wachsen. Dabei ist globales Open Source einer der mächtigsten Mechanismen, die die Menschheit bisher entwickelt hat, um genau solche Ökosysteme schnell aufzubauen. Open Source senkt die Kosten für Experimente, beschleunigt die Weiterentwicklung von Ideen und ermöglicht es neuen Firmen, viel schneller eine kritische Größe zu erreichen als jede geschlossene oder rein national gedachte Alternative.
Das ist keine graue Theorie, sondern lässt sich an jeder bedeutenden Softwareplattform der letzten zwei Jahrzehnte beobachten. Für Europa stellt sich also nicht die Frage, ob Ökosysteme wichtig sind. Die Frage ist, ob Europa sich entscheidet, eine führende Rolle in ihnen einzunehmen.
Wenn wir lediglich die Marktführer von gestern mühsam nachbauen, wird uns das morgen keine nennenswerte Souveränität bringen. Europa kann bei der Innovation von morgen absolut führend sein. Aber es erfordert andere strategische Prioritäten. Eine offene, globale Zusammenarbeit ermöglicht es europäischen Talenten und Investoren, sich auf aufstrebende Bereiche zu konzentrieren, in denen das Feld noch völlig offen ist. Wir sollten das nächste Jahrzehnt nicht damit verbringen, eine grundlegende Infrastruktur zu duplizieren, die längst existiert und die durch einen völligen Neuaufbau unter keinem wirtschaftlichen Modell billiger wird. Jeder Euro und jede Entwicklerstunde, die in diese Duplizierung fließen, fehlen beim Aufbau der nächsten echten Innovationsstufe.
Interdependenz als Motor für Innovation
Es gibt jedoch eine Lesart des Souveränitätsarguments, die wirklich zukunftsweisend ist und die es wert ist, debattiert zu werden. Sie geht von der Beobachtung aus, dass gegenseitige Abhängigkeit – Interdependenz – Innovationen erst so richtig befeuert. Die US-Technologieunternehmen sind nicht deshalb so erfolgreich geworden, weil sie alles selbst gebaut haben. Sie florierten, weil sie bereit waren, auf die besten weltweit verfügbaren Ressourcen zurückzugreifen: von Top-Talenten über Open-Source-Software bis hin zu Lieferketten und Komponenten, die sie selbst gar nicht kontrollierten. Darauf aufbauend bewegten sie sich schlichtweg schneller als alle anderen. Ihr Vorteil entstand nicht durch Kontrolle, sondern durch die Freiheit, die besten Inputs der Welt zu nutzen und all ihre Energie auf die nächste große Entdeckung zu konzentrieren.
In modernen Softwaremärkten entsteht Skalierung weniger durch Kontrolle als durch Vernetzung. Für Volkswirtschaften, die reich an Talenten und Kapital sind, ist die Teilnahme an gemeinsamen Software-Ökosystemen keine Abhängigkeit. Es ist ein Hebel. Nur so kann eine relativ kleine Anzahl talentierter Köpfe in einem verhältnismäßig kleinen Unternehmen in einer beliebigen europäischen Stadt etwas aufbauen, das die ganze Welt nutzt und wofür sie bezahlt.
Höhere Ambitionen wagen
Das Ziel sollte daher nicht sein, ein europäisches Internet abzuschotten oder europäischen Unternehmen gesetzlich vorzuschreiben, europäische Software zu nutzen. Das Ziel muss vielmehr lauten: Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen europäische Firmen genau die Software entwickeln, auf die sich alle Menschen überall auf der Welt freiwillig verlassen wollen.
Das bedeutet gezielte Investitionen: in Entwickler:innen-Communities, in die Beteiligung an Open-Source-Projekten, in die Forschungseinrichtungen, die diese speisen, und in ein politisches Umfeld, das neue Unternehmen wachsen lässt, anstatt sie in die Bedeutungslosigkeit zu regulieren, bevor sie überhaupt skalieren können.
Souveränität, die der nächsten Innovationswelle standhält, entsteht durch die Fähigkeiten und das Selbstbewusstsein, das Kommende aktiv mitzugestalten. Europa hat diese Fähigkeiten. Die Frage ist nur, ob seine politischen Entscheidungsträger das nächste Jahrzehnt damit verbringen werden, rückwärts auf das zu schauen, was in der Vergangenheit nicht gebaut wurde, oder ob sie dafür sorgen, dass die ganze Welt künftig von dem profitiert, was Europa als Nächstes baut.
Mike Linksvayer ist Vice President of Developer Policy bei Github, wo er die weltweite Interessenvertretung des Unternehmens für Entwickler:innen und Open-Source-Zusammenarbeit leitet. Er ist zudem Fellow beim Open Forum for AI. Er arbeitet seit über zwei Jahrzehnten im Bereich offener Technologien und war zuvor unter anderem als VP und CTO von Creative Commons tätig.
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