Karlspreis für Mario Draghi : Europas Wettbewerbsfähigkeit braucht mutige Entscheidungen
Wer mit den USA und China mithalten will, muss Mario Draghis Ideen für Europa folgen: weniger Kleinstaaterei und mehr Mut zu europäischen Champions. Valentina Daiber, Vorständin Recht und Corporate Affairs bei Telefónica Deutschland, wünscht sich konkrete Maßnahmen für Europas Wettbewerbsfähigkeit.
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„Tun Sie etwas!“ So eindringlich appellierte Mario Draghi 2024 an die EU-Parlamentarier, als er seinen Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit Europas vorstellte und radikale Veränderungen in der EU forderte: mehr Markt und mehr Mut. Am 14. Mai 2026 erhält Draghi in Aachen den Karlspreis – zu Recht. Draghi, ehemaliger Präsident der Europäischen Zentralbank und ehemaliger italienischer Ministerpräsident, ist ein großer Europäer. Politiker und Regulierer sollten ihren Worten Taten folgen lassen und Europa stärken.
Dafür gibt es laut Draghi eindeutige Mittel: Digitale Souveränität und Infrastrukturen sind strategische Hebel für Innovationen, Wettbewerbsfähigkeit und geopolitische Stärke. Konnektivität ist ihr Nukleus. Ohne sie gibt es keine Cloud, keine KI, keine digitale Zukunft, keine souveräne Wirtschaft und Gesellschaft.
Europas Telekom-Markt ist fragmentiert
Doch auch wenn Draghis Befund klar ist, folgen seinen Empfehlungen bislang zu wenige Taten. Fakt ist: Europa und Deutschland hängen hinterher. Die leistungsstärkste Mobilfunktechnologie, 5G-Standalone, liegt im Ausbau in vielen EU-Mitgliedsstaaten hinter China, den Golfstaaten oder den USA zurück. In diesen Ländern lagen 2024 die Investitionen in Mobilfunknetze pro Nutzer mit rund 70 Euro doppelt so hoch wie im europäischen Durchschnitt, rechnet ein aktueller Report der Weltmobilfunkvereinigung GSMA vor. In den nächsten zehn Jahren fehlen hier für den Lückenschluss zusätzlich rund 200 Milliarden Euro für 5G-Netze, Resilienz und KI-Dienste. Diese Lücke hat sich zuletzt vergrößert, statt zu schrumpfen.
Moderne digitale Infrastruktur erfordert massive Investitionen. Das Haupthindernis dafür ist die strukturelle Fragmentierung des europäischen Marktes: In den USA und China gibt es jeweils drei große Telekommunikationsanbieter. In Europa investieren 38 Player in Mobilfunk-Infrastrukturen. Kaum einer von ihnen ist groß genug, um neben dem Netzausbau im nationalen Wettbewerb parallel in innovative Dienste wie souveräne Cloud-Dienste oder Cybersecurity-Lösungen zu investieren. Infrastruktur ist und bleibt ein Skalenbusiness – und digitale Infrastrukturen sind in einer zunehmend digitalen Welt Daseinsvorsorge und zugleich gelebte Sicherheitspolitik.
Weniger Preiswettbewerb, mehr Marktkonzentration
Bislang lag der Fokus der EU-Politik allerdings nahezu ausschließlich auf Preiswettbewerb – und nicht auf digitaler Souveränität und bestmöglicher Infrastruktur. Für Deutschland lässt sich hierzu festhalten: Der Mobilfunk ist mittlerweile selbst im EU-Maßstab günstig.
Die Anforderungen an die Politik und die Netzbetreiber haben sich jedoch angesichts einer neuen Weltordnung und den Innovationssprüngen von KI verändert. Wir brauchen dringend einen europäischen Regulierungs- und Marktrahmen, der zusätzliche Investitionen ermöglicht, anstatt vornehmlich auf immer weiter sinkende Preise zu setzen. Und ja: das kann auch Konsolidierungen erforderlich machen.
Größere Betreiber investieren nachweislich mehr und können ihre Netze effizienter ausbauen und auslasten. Die „European telecoms 2026“-Studie von Kearney zeigt einen klaren statistischen Zusammenhang zwischen Unternehmensgröße und Investitionen pro Betreiber. Mehr Marktkonzentration könnte in dieser Logik mehr Kapital pro Anbieter freisetzen und den Netzausbau beschleunigen. Aktuell überarbeitet die EU die Leitlinien zur Fusionskontrolle mit dem Ziel, Aspekte wie Investitions-, Innovations- und Resilienzfähigkeit stärker in den Blick zu nehmen. Eine Chance zur Stärkung von Europas Wirtschaft, die die EU-Kommission nicht ungenutzt lassen darf.
Zugleich muss der EU ein Befreiungsschlag aus der Bürokratie gelingen. Europäische Mobilfunkanbieter erfüllen heute Dutzende Auflagen mit unzähligen Detaillierungen, beispielsweise im Bereich des Verbraucher- und Datenschutzes. Konkurrierende Digitalanbieter wie Messenger-Dienste, Cloud-Plattformen und KI-Unternehmen unterliegen dem Gros dieser Regeln oftmals nicht. Auch das lastet auf der Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Anbieter.
Auch die Frequenzpolitik könnte einen Beitrag leisten, die Investitionslücke zu schließen. Durch die Verlängerung bereits bestehender Frequenznutzungsrechte könnten die europäischen Betreiber bis 2035 rund 30 Milliarden Euro sparen, würden Bestandssicherheit für ihre bereits ausgebauten Netze und so neue Investitionsspielräume erhalten.
Europa muss ins Tun kommen
All diese Reformen zusammen würden Investitionen mobilisieren, eine digitale Aufholjagd ermöglichen und so Europas Handlungsfähigkeit sichern. Ansonsten wächst die Gefahr, dass Europa zur digitalen Kolonie wird – abhängig von Plattformen und Technologien, die andere kontrollieren.
Draghi hat uns gewarnt. Er hat visionär einen konkreten Weg aufgezeigt. Das gebührt einer Ehrung als großer Europäer. Mehr als über eine Auszeichnung würde sich Mario Draghi sicher darüber freuen, wenn die EU ins Handeln käme, um Europas Zukunft zu sichern.
Valentina Daiber ist Vorständin Recht und Corporate Affairs von O2 Telefónica. In dieser Funktion verantwortet sie die Bereiche Recht, Compliance, Corporate Security und Datenschutz sowie die Regulierungsarbeit des Unternehmens, die Beziehungen zu Behörden und Regierungsstellen und den Bereich Corporate Responsibility & Sustainability.
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