Desinformation : Hybride Kriegsführung: Russlands Angriff auf den Westen
In seiner Kriegsführung nutzt Russland eine ausgeklügelte Mischung aus (un)konventionellen und nicht-militärischen Strategien. Dazu zählen Desinformation, Spionage und Cyberangriffe. Mit diesen Mitteln schwächt Russland das Vertrauen zwischen Ländern sowie der Öffentlichkeit in nationale Institutionen. Was der Westen dagegen tun kann.
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Die moderne Kriegsführung verändert sich rasant. Konflikte werden auf neue, innovative und nicht lineare Weise ausgetragen. Nichtkinetische Strategien und Mittel – also solche ohne militärische Waffen – werden immer häufiger parallel oder vor dem Einsatz direkter oder indirekter physischer Gewalt genutzt. Diese Mittel sind die Eckpfeiler der hybriden Kriegsführung, die Russland in den vergangenen Jahren zunehmend gegen den Westen eingesetzt hat.
Russlands hybrider Krieg
In dem hybriden Krieg, den Russland gegen den Westen führt, kommen eine ausgeklügelten Mischung aus konventionellen, unkonventionellen und nicht-kinetischen Strategien und Instrumenten zum Einsatz. Diese reichen von direkten Militäraktionen bis zu Desinformation, von nichtstaatlichen Akteuren bis zu Energie (und sogar Lebensmitteln) als Waffe und von Diplomatie bis zu Cyberangriffen. All dies passiert auf globaler Ebene.
Im Rahmen seines hybriden Krieges setzt Russland das Militär sowohl direkt als auch indirekt ein. Die Invasion in der Ukraine zum Beispiel war mit einer direkten militärischen Beteiligung verbunden. In der Zwischenzeit hat Moskau gewalttätige nicht staatliche Akteure wie die Gruppe Wagner gefördert, Separatisten in Osteuropa unterstützt und Bündnisse mit militanten Gruppen wie der Hisbollah im Nahen Osten geschlossen.
Moskau hat systematisch nichtmilitärische Mittel mit kinetischer Macht kombiniert, um die westliche Sicherheit zu untergraben. Beispiele für diese nichtmilitärischen Mittel sind der weitreichende Einsatz von Desinformation, systematische Wahlmanipulationen in Europa und den USA, Cyberangriffe, auch auf Kritische Infrastrukturen, und die Einschleusung von Spionen zur Destabilisierung des Westens.
Russland kombiniert nicht wahllos militärische und nicht-militärische Strategien und Instrumente. Die Verschmelzung erfolgt in einer Weise, die Synergieeffekte erzielt. So kann der Schaden, der dem Gegner zugefügt wird, wachsen. So können beispielsweise private militärische Auftragnehmer die Sicherheit des Gegners untergraben, aber wenn dieser Schritt auch noch mit Desinformation kombiniert wird, können die Ergebnisse maximiert werden. Vielleicht noch wichtiger ist, dass die politischen, militärischen, wirtschaftlichen, sozialen, informationellen und infrastrukturellen Schwachstellen des Ziels ausgenutzt werden.
Die Auswirkungen
Diese hybride Kriegsführung Russlands hat wichtige Auswirkungen. Erstens: Die Grenze zwischen Krieg und Frieden ist fließend. Da Aggressionen oft zweideutig und nicht zuzuordnen sind, ist die Schwelle zum Krieg nicht mehr klar zu erkennen. Es ist also unklar, ob sich der Westen im Krieg mit Russland befindet oder nicht – ironischerweise scheint beides zuzutreffen.
Zweitens haben die hybriden Angriffe zu einem Vertrauensschwund auf mehreren Ebenen geführt. Das Vertrauen zwischen einigen westlichen Ländern, das die Grundlage für jede solide Zusammenarbeit zwischen ihnen ist, ist beeinträchtigt. Auch das Vertrauen innerhalb der westlichen Länder ist geschwunden. Das wachsende Misstrauen der Öffentlichkeit in nationale Institutionen überschneidet sich häufig mit einer ausgrenzenden populistischen und rechtsextremen Politik, die Russland bei der Verfolgung seiner Interessen unterstützt.
Das Vertrauen in zwischenstaatliche Institutionen ist beeinträchtigt. So steht Deutschland beispielsweise an vorderster Front bei den Bemühungen, die Nato und die Ukraine zu unterstützen. Die deutsche Bevölkerung glaubt zwar an die Notwendigkeit, die Ukraine zu unterstützen, ist aber offenbar geteilter Meinung darüber, wer für den Krieg verantwortlich zu machen ist. Laut einer im Oktober 2022 geführten Umfrage waren rund 40 Prozent der Deutschen ganz oder teilweise der Meinung, dass die Nato Russland zum Einmarsch in die Ukraine provoziert habe.
Eine weitere wichtige Folge von Russlands hybridem Krieg betrifft die internationale Stabilität. Der umfassende Einsatz zweideutiger physischer Gewalt wie Söldner, nicht staatliche Akteure und Sabotageoperationen sowie kinetische Operationen zur Untergrabung der regelbasierten globalen Ordnung haben die Welt in eine gefährliche Instabilität gestürzt.
Unter Ausnutzung dieser Instabilität haben Russlands Diplomatie, wirtschaftliche Staatskunst, Einflussnahme und Desinformation dazu beigetragen, die Welt im Hinblick auf den inneren Wert und die Zukunft der globalen Ordnung zu polarisieren und mehrere Länder vom Westen abzulenken.
Lehren für den Westen
Die Logik, die Moskaus hybridem Krieg gegen den Westen zugrunde liegt, besteht darin, dass Russland mit militärischen Mitteln allein nicht zu bezwingen ist. Der Westen verfügt über enorme Ressourcen und ist nach wie vor überlegen, aber Russland nutzt die Schwachstellen des westlichen Blocks in nichtmilitärischen Bereichen aus, um seine Ziele durch einen hybriden Krieg zu erreichen. Der Westen sollte daher diese Schwachstellen angehen.
Zunächst muss der Westen massiv in die Stärkung der regelbasierten globalen Ordnung investieren, indem er internationale Organisationen wie die UNO stärkt und mit neuem Leben erfüllt. Diese globale Ordnung ist das Bollwerk gegen die expansionistischen Pläne Russlands. Durch die Stärkung der regelbasierten globalen Ordnung können auch die Widersprüche der westlichen Politik, die Moskau in seinem hybriden Krieg effektiv ausnutzt, bis zu einem gewissen Grad beseitigt werden.
Resilienz ist ein weiterer wichtiger Bereich, der Aufmerksamkeit verdient. Der Schlüssel liegt darin, die Widerstandsfähigkeit von Informationen und die politische Widerstandsfähigkeit gemeinsam aufzubauen. Es ist praktisch unmöglich, Beeinflussungsoperationen völlig zu vereiteln oder Desinformation zu unterbinden. Dennoch kann die Bevölkerung gegenüber falschen und irreführenden Informationen widerstandsfähiger gemacht werden, indem man sie sensibilisiert, aufklärt und befähigt.
Die informationelle Resilienz muss mit politischer Resilienz gekoppelt werden. Das bedeutet, dass die politischen Institutionen im Westen, auf die der russische hybride Krieg abzielt, robust sein und auf die Bedürfnisse und Interessen der Menschen eingehen müssen. Es gibt keinen einfachen Weg, dies zu erreichen. Der Aufbau politischer Resilienz erfordert es, sich auf zentrale Fragen der Regierungsführung und der öffentlichen Ordnung zu konzentrieren.
Nicht zuletzt sollte sich der Westen um eine sinnvolle Zusammenarbeit mit dem Rest der Welt bemühen. Der russische hybride Krieg ist global – er zielt nicht nur auf den Westen, sondern auch auf nicht-westliche Länder. Ziel ist es, Russlands Einflussbereich auszuweiten und die Welt in Zusammenarbeit mit China zu entwestlichen. Um dem entgegenzuwirken, muss der Westen die übrigen Länder ins Boot holen und sie zu gleichberechtigten Akteuren in der globalen politischen und wirtschaftlichen Ordnung machen.
Arsalan Bilal ist Doktorand am Zentrum für Friedensstudien an der Arctic University of Norway (UiT). Er ist Koordinator der Forschungsgruppe The Grey Zone, die sich unter anderem mit Grauzonen und hybriden Bedrohungen sowie Kriegen befasst. Außerdem ist er auswärtiger Stipendiat am Sié Chéou-Kang Center for International Security & Diplomacy – Josef Korbel School of International Studies.
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