Staatsmodernisierung : Vom Mut, anders zu vergeben
Das Vergabewesen braucht Veränderungen. Gesetze und digitale Prozesse sind dabei wichtig, schreibt Lisa Steigertahl, Direktorin für Cloud und KI bei Deloitte – doch entscheidend ist ein Kulturwandel in der Beschaffung. Auf allen Seiten.
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Heute ist sie vorbei, meine Probezeit in der Beratung. So langsam finde ich mich zurecht, aber an eine Sache möchte ich mich einfach nicht gewöhnen: öffentliche Ausschreibungen. Schon wenn das Screening kommt, hoffe ich manchmal insgeheim, dass nichts für mich dabei ist. Warum? Öffentliche Ausschreibungen sind der Resilienztest schlechthin.
Fachlich interessieren mich die Themen sehr. Was mich stört, ist nicht der Aufwand oder die ständig geänderten Fristen. Nein, es ist das Gefühl, dass staatlicher Anspruch und Vergabelogik nicht zusammenpassen. Wer Abhängigkeiten reduzieren und Innovation fördern möchte, kann nicht nur nach Preis entscheiden. Pay peanuts, get monkeys. Warum machen wir uns also so zum Affen? Unangreifbar, wirtschaftlich und transparent, eingebettet in ein Punktesystem. Denn: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Muss das so sein?
Vergaberecht ist nicht das Problem
Fragt man Vergabejuristinnen und -juristen, scheint das Vergaberecht selbst nicht das Problem zu sein. Hier stehen ohnehin Änderungen an: Durch das Vergabebeschleunigungsgesetz, aber auch durch die europäische Generalüberholung der Vergaberichtlinien 2026. Hier kann die Bundesregierung dazu beitragen, das Recht zu vereinfachen.
Was sich nicht per Gesetz ändern lässt, ist das Mindset. Von den Bedarfsmeldungen bis zu den Vergabekriterien mangelt es an Mut und Expertise. Die wirklichen Bedarfe und passenden Technologien sind oft schlicht unbekannt. Kein Wunder, so schnell, wie sich der Stand der Technik weiterentwickelt.
Was können wir also tun? Die Vergabestellen versuchen auch in Deutschland, sich zu modernisieren: Sie laden zu Marktdialogen ein, setzen mehr auf Praxis, Qualität und Präsentationen. Der Weisheit letzter Schluss scheint der Kreislauf aus Vorleistung und Nacharbeit aber nicht zu sein. Es fehlt an Zeit und Personal. Das brennt beide Seiten aus.
Liebe Verwaltung, gebt euch mehr Spielraum!
Mein Wunsch an die Verwaltungen wäre deshalb: Erkennt die strategische Bedeutung der Beschaffung und investiert. Vor allem in die Verschlankung und die Digitalisierung der Prozesse. Wäre der Staat ein Unternehmen, wäre klar: No risk, no fun. Markt analysieren, Chancen identifizieren, Pläne dynamisch umsetzen. Perfekt also, dass unser Digitalminister aus der Wirtschaft kommt.
Muss es im ersten Schritt gleich ein Konzept sein? Eigentlich sollte zunächst die generelle Eignungsprüfung reichen. Miniwettbewerbe und Konzepte könnten dann viel konkreter und individueller folgen. Auch hier ließen sich vorab mehr Dialogräume mit dem Markt schaffen. Beratungen könnten dann besser planen und auch anfassbarer mit Demos arbeiten. Verwaltungen würden im Gegenzug eine höhere Qualität erwarten können. Beide Seiten gewinnen.
Gerade Zukunftstechnologien werden häufig von Start-ups und Forschung angestoßen. Mit den hohen Anforderungen an Umsatzvolumen und Referenzen haben sie aber kaum Chancen. Dabei muss nicht nach Umsatz vergeben werden. Mit KMU-Quoten, weniger Referenzdruck und Kooperationen mit etablierten Unternehmen können wir Kräfte bündeln und schneller Synergien für Deutschland schaffen.
Eine weitere Stellschraube sind internationale Wertegemeinschaften. Muss Leistung im Technologiesektor wirklich vor Ort und auf Deutsch erbracht werden? Programmieren war schon immer eine Sprache für sich, die Cloud kennt nur die Datengrenze. Warum also ist es so schwer, Fachkräfte aus dem europäischen Ausland einzubeziehen? „Made in Germany“ ist hier oft mehr Quälerei als Qualitätskriterium. Wir verbauen uns damit den Zugang zu Vielfalt, Expertise und Tempo. Und wundern uns dann, wenn sich die großen Innovationen nicht in einem PDF-Anhang verstecken.
Auch die Beratung muss sich modernisieren
Modernisierung ist keine Einbahnstraße. Auch wir Beratungen müssen uns hinterfragen und verändern. Nur weil ein Konzept gefragt ist, bedeutet das noch nicht, dass es einen innovativen Lösungsansatz bietet. Wie viele neue Gedanken finden unter Zeitdruck und beim Multitasking wirklich den Weg in die Papiere? Es muss unser Anspruch bleiben, neue Wege aufzuzeigen, fachlich und methodisch Qualität zu sichern und auch KMUs sowie Start-ups und Zukunftstechnologien mehr zu integrieren.
Wir selbst können Räume zum Austausch schaffen, Teams innovative Wege aufzeigen und sie methodisch nachschulen. Die Mensch-Maschine-Teams (Stichwort: KI) stehen – trotz klarer Vorteile – noch am Anfang. Auch hier müssen wir noch dazulernen. Die Aufgabe der Beratung ist längst nicht mehr einzig, strategisch zu empfehlen, sondern auch praktisch zu implementieren und zu betreiben. Weg von den Folien, rein ins Rechenzentrum. Beratung heißt in der Zukunft: Weniger Theorie, dafür mehr eigene Produkte, KI-Agenten und Softwaremodule zur Nachnutzung.
Um die Vergabe zu modernisieren, haben also alle ihre Hausaufgaben zu machen. Denn am Ende sind Ausschreibungen kein Selbstzweck – sondern im Idealfall das Werkzeug, um die digitale Transformation des Staates wirklich umzusetzen.
Lisa Steigertahl ist Direktorin für Cloud und KI bei Deloitte und begleitet den öffentlichen Sektor bei der digitalen Transformation. Zuvor war sie Lead Innovation Strategist bei Microsoft, leitete die E-Government-Strategie des Landes Berlin und war Geschäftsführerin eines europäischen Dachverbands für innovative Unternehmen in Brüssel.
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