Die Cloud steht auf Land : Wer zahlt den Preis für digitale Transformation und Energiewende?
Europa investiert Milliarden in digitale Infrastruktur und die Energiewende. Die ökologischen und sozialen Herausforderungen dieser Transformation sind aber nicht nur in der EU sichtbar. Der Konflikt um ein geplantes Rechenzentrum im Nordosten Brasiliens zeigt, warum nachhaltige Digitalisierung auch eine Frage globaler Gerechtigkeit ist.
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Die digitale Transformation und die Energiewende gelten als zentrale Antworten auf die Klimakrise. Gleichzeitig wächst der Bedarf an Rechenzentren, Datenleitungen und Energieinfrastruktur. Die Debatte darüber konzentriert sich meist auf technologische Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit. Weniger Aufmerksamkeit erhält die Frage, wo diese Infrastruktur steht, welche Ressourcen sie verbraucht und welche Folgen sie für die betroffenen Regionen hat.
Dabei ist schon die Sprache irreführend. Wir sprechen von der „Cloud“, als befänden sich unsere Daten irgendwo am Himmel. Tatsächlich benötigt das Internet Land, Wasser, Energie, Rohstoffe und physische Infrastruktur. Die digitale Welt hat einen konkreten geografischen Fußabdruck.
Ein Beispiel dafür ist der nordostbrasilianische Bundesstaat Ceará. Seine strategische Lage verbindet Brasilien über transatlantische Kabel direkt mit Europa, Afrika und Nordamerika. Gleichzeitig verfügt der Bundesstaat über großes Potenzial für Wind- und Solarenergie. Steuerliche Anreize und öffentlich-private Partnerschaften haben dazu beigetragen, dass die Hauptstadt Fortaleza zu einem wichtigen Standort für Unterseekabel und Rechenzentren geworden ist. Bereits heute entfallen mehr als 70 Prozent aller Investitionen in Rechenzentren in Lateinamerika auf Brasilien – und das ohne spezifische Regulierung.
Besonders sichtbar wird diese Entwicklung am geplanten Tiktok-Rechenzentrum im Industrie- und Hafenkomplex Pecém in Caucaia, ganz in der Nähe von Fortaleza. Brasilien gehört zu den größten Tiktok-Märkten weltweit und zählt mehr als 100 Millionen Nutzer:innen. Das Projekt soll rund 68 Hektar Fläche einnehmen und liegt in einem Gebiet, das unmittelbare Auswirkungen auf das Territorium der indigenen Anacé-Gemeinschaft hat. Nach Angaben des Unternehmens belaufen sich die Investitionen in der ersten Ausbaustufe auf rund 34 Milliarden Euro.
Wie andere große Rechenzentren benötigt auch dieses Projekt erhebliche Mengen an Energie und Wasser. Nach Angaben der brasilianischen Bundesstaatsanwaltschaft würde der prognostizierte Energiebedarf ausreichen, um dauerhaft eine Stadt von der Größe Lissabons zu versorgen. Der Wasserverbrauch könnte bis zu fünf Millionen Liter pro Tag erreichen. Gleichzeitig lebt die betroffene indigene Gemeinschaft in einer semiariden Region ohne Zugang zu Trinkwasser.
Die indigene Gemeinschaft kritisiert das Verfahren. Auch brasilianische Bundesbehörden sehen erhebliche Mängel und fordern Nachbesserungen im Umweltgenehmigungsverfahren. Der Konflikt reicht damit weit über unterschiedliche politische Positionen hinaus.
Die materielle Seite der Digitalisierung
Der Fall Ceará ist kein Einzelfall. Er verdeutlicht ein historisches Muster, das sich in neuer Form wiederholt. Brasilien läuft Gefahr, eine neo-extraktivistische Dynamik zu reproduzieren, bei der Land, Wasser, Energie und Rohstoffe bereitgestellt werden, während nur ein geringer Teil der technologischen Wertschöpfung im Land verbleibt. Früher betraf dies Exporte aus dem Bergbau, der Öl-Extraktion und der Landwirtschaft. Heute kommen Daten und digitale Infrastruktur hinzu.
Diese Entwicklung wird zunehmend als Datenkolonialismus beschrieben. Sie ist die Folge einer viel älteren Vorstellung: der Trennung von Gesellschaft und Natur. Der indigene brasilianische Denker Ailton Krenak argumentiert, dass wir gelernt haben, uns selbst als von der Erde getrennt zu betrachten und dass genau darin die Wurzel vieler heutiger Krisen liegt. Selbst innerhalb der Zivilgesellschaft werden Umweltgerechtigkeit und digitale Rechte oft getrennt voneinander diskutiert. Vor Ort jedoch überschneiden sich diese Herausforderungen längst.
Während die Projekte voranschreiten, hinkt die Regulierung hinterher. Brasilien verfügt weder über spezifische nationale Vorschriften für Rechenzentren noch über verbindliche Umweltstandards für diesen Sektor. Der Gesetzentwurf zur Regulierung Künstlicher Intelligenz erwähnt nachhaltige Rechenzentren lediglich in einem einzigen Artikel – ohne operative Definition oder Durchsetzungsmechanismus. Gleichzeitig wurde das Steueranreizgesetz Redata im Eilverfahren verabschiedet. Zwar enthält es Umweltauflagen, doch die Ausgestaltung konkreter Kriterien wurde einer späteren Verordnung überlassen. Kritiker:innen sehen darin ein erhebliches Transparenzdefizit.
Dabei geht es nicht um eine Ablehnung technologischer Entwicklung. In Brasilien wird KI bereits eingesetzt, um illegale Abholzung und Bergbauaktivitäten im Amazonasgebiet zu erkennen. Technologie kann dem Gemeinwohl dienen. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Wer entscheidet über ihren Einsatz, wer profitiert von ihr und wessen Stimmen werden gehört?
Was Ceará mit Europa zu tun hat
Der Blick nach Ceará macht deutlich, welche Herausforderungen mit der digitalen Transformation einhergehen und dass nachhaltige Digitalisierung nicht an Europas Grenzen endet. Die ökologischen und sozialen Folgen digitaler Infrastruktur entstehen entlang globaler Wertschöpfungs- und Investitionsketten. Wer über Klimaschutz und Digitalisierung spricht, muss deshalb auch über deren Auswirkungen außerhalb Europas sprechen.
Die Menschen, die von solchen Projekten betroffen sind, gehören häufig zu denen, die Umwelt und Klima schützen. Indigene Territorien beherbergen einen erheblichen Teil der weltweiten Biodiversität. Werden ihre Lebensgrundlagen weiter zerstört, hat dies Folgen weit über die betroffenen Regionen hinaus. Hinzu kommt, dass die Versprechen wirtschaftlicher Entwicklung häufig fragwürdig sind. Große Rechenzentren schaffen in der Regel nur wenige dauerhafte Arbeitsplätze. Die ökologischen und sozialen Belastungen stehen daher nicht immer in einem angemessenen Verhältnis zu den erwarteten wirtschaftlichen Effekten.
Die Cloud befindet sich nicht im Himmel. Sie steht auf Land, verbraucht Wasser und Energie und verändert Lebensräume. Wer über digitale Transformation und Energiewende spricht, sollte deshalb nicht nur über technologische Innovationen reden. Ebenso wichtig ist die Frage, wie Kosten und Nutzen dieser Transformationen verteilt werden und wer an den Entscheidungen beteiligt ist. Die Menschen vor Ort dürfen nicht lediglich als Betroffene betrachtet werden. Sie müssen als Entscheidungsträger:innen anerkannt werden.
Manoela Vianna ist Projektkoordinatorin Digitale Rechte im Büro Rio de Janeiro der Heinrich-Böll-Stiftung.
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