Start-up-Finanzierung : Wir haben das Kapital – es fehlt das Wagnis
Keine Ausreden mehr: Die regulatorische Investment-Revolution ist da, das Geld ist da, die Gründerinnen und Gründer sind da – was Europa fehlt, ist der Mut bei institutionellen Investoren, Versicherungen, Pensionskassen und Privatpersonen, ihr Geld klug statt konservativ anzulegen.
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Es gibt ein Tier im Raum, über das niemand spricht. Kein schwarzer Schwan — kein seltenes Ereignis aus dem Nichts. Einen schwarzen Elefanten. Etwas, das mitten in Europa steht, riesig, unübersehbar, seit Jahren — und das trotzdem kaum jemand beim Namen nennt.
Europas privates Kapital. Billionen Euro. In Tagesgeldkonten, Versicherungspolicen, Staatanleihenfonds. Kapital, das existiert, das vorhanden ist — und das nicht arbeitet. Nicht für die Gründerinnen und Gründer, die Deep-Tech-Lösungen entwickeln. Nicht für die Mittelständler, die transformieren wollen. Nicht für die Infrastruktur, die wir für Resilienz und Souveränität brauchen. Der Elefant ist schwarz, weil wir ihn nicht sehen wollen.
Europa hat ein Verteilungsproblem — und einen Mut-Mangel.
Dabei kennen wir die Lösung. Wir haben sie schon einmal gelebt. 1870 fiel die Konzessionspflicht für Aktiengesellschaften. Jeder durfte gründen. Jeder durfte Anteile ausgeben. Jeder durfte investieren. Was folgte, war eine Explosion: innerhalb weniger Jahre mehr als 3000 neue Unternehmen, das Fundament des deutschen Wohlstands für ein Jahrhundert. Krupp. Bayer. BASF. Siemens. Nicht durch staatliche Programme gebaut — durch privates Kapital, das endlich frei fließen durfte.
Wir stehen an einem vergleichbaren Moment. Am 19. März 2025 stellte die Europäische Kommission ihre Savings and Investments Union vor — mit dem Ziel, zehn Billionen Euro private Ersparnisse für Innovation zu mobilisieren. ELTIF 2.0 öffnet seit Januar 2024 Private-Equity und Risikokapital für Retailinvestoren ab 500 Euro. MiCA schafft die rechtliche Infrastruktur für tokenisierte Assets. Micro-LP-Strukturen und LP-Syndikate ermöglichen es zehntausenden Bürgerinnen und Bürgern, wie institutionelle Investoren in Wachstumsfonds einzusteigen.
Die regulatorische Revolution ist da. Was fehlt, ist der Wille, sie zu nutzen.
Wir brauchen ein Europa, das wieder gewinnen will.
Denn hier liegt das eigentliche Problem — tiefer als jede Regulierung, tiefer als Solvency II oder die Gewerbesteuerproblematik für Venture-Capital-Fonds. Es ist eine Frage der Haltung. Europa hat verlernt, Best-of-Breed sein zu wollen. Wir optimieren für Absicherung, nicht für Wachstum. Wir regulieren für Worst Case, nicht für Möglichkeit. Wir finanzieren das Bestehende, nicht das Entstehende.
Die Gründerinnen und Gründer wissen es besser. Wer ein Unternehmen aufbaut, das noch nicht existiert, lebt täglich mit Ungewissheit — und entscheidet sich trotzdem für das Wagnis. Diese Haltung fehlt uns auf der Kapitalseite. Institutionelle Investoren, die weniger als ein Prozent ihrer Portfolios in Venture Capital investieren, obwohl langfristige Renditedaten bereits seit Jahrzehnten für diese Assetklasse sprechen. Versicherungen, die unter Solvency II Wagniskapital als hochriskant einstufen — obwohl Diversifikation über Fonds das Risiko-Rendite-Profil auf Niveau öffentlicher Märkte senkt. Rentenfonds, die europäische Gründer zwingen, nach San Francisco zu fliegen, weil das heimische Kapital nicht folgt.
Das hat Konsequenzen, die weit über Rendite hinausgehen. Technologische Souveränität entsteht nicht durch Absichtserklärungen. Sie entsteht durch Kapital, das in europäische Deep-Tech-Unternehmen fließt — in Quantencomputing, in industrielle KI, in die nächste Generation von Chips, die auf europäischen Werten und europäischem Recht basieren. Wer diese Technologien nicht selbst entwickelt und finanziert, kauft sie. Zu den Bedingungen anderer. In deren Abhängigkeit.
Dasselbe gilt für Resilienz. Das World Economic Forum stuft Extremwetterereignisse als das Risiko Nummer eins, Biodiversitätsverlust als Nummer zwei der kommenden Dekade ein. Nature Assets — Ökosystemleistungen, Kohlenstoffsenken, Wassersysteme — sind nicht Nischenprojekte. Sie sind materielle Inputs zur wirtschaftlichen Stabilität. Ein Portfolio, das diese Realität ignoriert, ist nicht konservativ. Es ist blind.
EU Inc. ist nicht Brüssel
Was wäre möglich? Wenn nur fünf Prozent des deutschen Tagesgeldkapitals in produktive Investments flössen, entstünden über 150 Milliarden Euro neue Wachstumsfinanzierung — ohne einen Euro zusätzliche Staatsverschuldung. Wenn institutionelle Investoren, Versicherungen und Pensionskassen fünf Prozent ihrer Portfolios in Venture Capital und transformative Beteiligungen allokierten, entstünden die Kapitalmengen, die Europa braucht, um in Deep Tech, Quantum und Nature Assets globale Führerschaft aufzubauen. Wenn 10.000 Bürgerinnen und Bürger je 10.000 Euro mittels LP-Syndikaten investieren würden, entstünden hundert Millionen Euro echter Wachstumsfinanzierung für echte Gründerinnen und Gründer.
Aber am Ende ist es keine Frage der Regulierung allein. Es ist eine Frage der Ambition. Die Gründerinnen und Gründer Europas arbeiten täglich daran, best-of-breed zu werden. Sie verdienen ein Kapitalumfeld, das das auch möchte. Einen Staat, der ermöglicht statt blockiert. Investorinnen und Investoren, die bereit sind, das Wagnis zu teilen.
Der schwarze Elefant steht nicht mehr still. Die Savings and Investments Union ist da. ELTIF 2.0 ist da. MiCA ist da. Die neue Gründerzeit ist möglich. Die Frage ist nicht, ob Europa das Kapital hat. Die Frage ist, ob Europa den Mut hat, es einzusetzen.
Julia Köhn ist Professorin für Entrepreneurship and der Code University of Applied Sciences in Berlin und Unternehmerin.
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