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Energie & Klima

Standpunkte Der britische Traum vom Heizen mit Wasserstoff ist aus

Jan Rosenow, Europa-Direktor der globalen Energie-Denkfabrik Regulatory Assistance Project (RAP)
Jan Rosenow, Europa-Direktor der globalen Energie-Denkfabrik Regulatory Assistance Project (RAP)

Großbritannien wollte das Heizen mit Wasserstoff schrittweise testen. In zwei Dörfern wurden die Testprojekte nun nach massiven Protesten der Bevölkerung gestoppt, schildert Jan Rosenow vom Regulatory Assistance Project aus seiner Wahlheimat. Deutschland könne von der Insel lernen und sich auf die verstärkte Einführung heute verfügbarer Heizungstechnologien konzentrieren, anstatt Erwartungen an eine breite Verfügbarkeit von Wasserstoff zu einem späteren Zeitpunkt zu befördern.

von Jan Rosenow

veröffentlicht am 22.02.2024

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Die britische Regierung hatte große Pläne. Im Herbst 2022 wurde vom Energieminister Jacob Rees-Mogg Wasserstoff als die „Wunderwaffe“ angekündigt, die über das engmaschige Gasnetz der Insel saubere Heizenergie für die Haushalte liefern sollte. Der damalige Premierminister Boris Johnson wollte bis 2025 ein Dorf und bis 2030 eine ganze Stadt entsprechend mit Wasserstoff beheizen. Die Gasnetzbetreiber und Heizungshersteller stiegen ein, sie finanzierten Werbekampagnen und boten Wasserstoff-ready Gaskessel an.

Im November letzten Jahres machte sich allerdings Ernüchterung breit, als der Energieminister Lord Callanan klarstellte: „Wasserstoff wird beim Beheizen von Wohnungen keine große Rolle spielen. Es gibt keine Möglichkeit, dies in der Praxis zu erreichen“. Was war passiert?

Die britische Regierung wollte in den Dörfern Whitby und Redcar demonstrieren, dass das Heizen mit Wasserstoff möglich ist. Aber die Dorfbewohner wollten nicht mitmachen, sie hatten Angst vor den hohen Kosten und Angst um ihre Sicherheit. Es gab Proteste, die Medien waren vor Ort und den Gasnetzbetreibern wurde vorgeworfen Falschinformation zur Sicherheit und den Kosten von Wasserstoff zu verbreiten. Im Juli 2023 wurde schließlich das Aus für das Projekt in Whitby bekanntgegeben. Kurz vor Weinachten wurde auch für Redcar die Reißleine gezogen. Zeitgleich wurden die Zuschüsse für Wärmepumpen um 50 Prozent erhöht.

Experten melden sich zu Wort

Die Entscheidung der britischen Regierung wird von den meisten Expert:innen befürwortet: Mittlerweile gibt es mehr als 50 unabhängige Studien, von denen nicht eine das Heizen mit Wasserstoff als kostengünstige Option identifiziert. Stattdessen schneiden Wärmepumpen, Fernwärme und bessere Gebäudedämmung deutlich besser ab. Auch die Nationale Infrastrukturkommission, welche die Regierung zu Infrastrukturfragen berät, hat sich eindeutig gegen Wasserstoff in Gebäuden ausgesprochen. 

Warum ist das so? Für die Herstellung von grünem Wasserstoff wird fünf- bis sechsmal mehr Strom benötigt, anstatt eine Wärmepumpe dezentral oder im Fernwärmenetz zu betreiben. Das bedeutet, dass wir dafür deutlich mehr Windräder und Solaranlagen brauchen. Dies schlägt sich dann in höheren Endkundenkosten nieder. Eine warme, mit Wasserstoff beheizte Wohnung kostet doppelt so viel wie diese mit einer Wärmepumpe zu beheizen (inklusive Installation).

Ein weiterer Grund, warum Heizen mit Wasserstoff wenig sinnvoll ist: Es gibt viele konkurrierende Anwendungen mit hoher Priorität, für die Wasserstoff unverzichtbar ist. Dazu gehören beispielsweise der Ersatz der bisherigen grauen Wasserstoffnutzung durch grünen Wasserstoff (zum Beispiel in der Düngemittelproduktion), die Schifffahrt und die langfristige Energiespeicherung für die Stromerzeugung.

Es ist nicht zu unterschätzen, wie lang der Weg noch ist. Momentan ist noch nicht einmal ein Prozent der globalen Wasserstoffproduktion klimaneutral. Die Bundesregierung hat sich das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 eine Kapazität von zehn Gigawatt Wasserstoffelektrolyseuren in Deutschland zu installieren. Das entspricht etwa 28 Terawattstunden Wasserstoff pro Jahr. Davon ließen sich weniger als vier Prozent des gesamten Gebäudebestandes beheizen. Es ist also nicht absehbar, dass in den nächsten Jahren große Mengen an klimaneutralem Wasserstoff für Sektoren wie die Wärmeversorgung zur Verfügung stehen, in denen es andere und bessere Alternativen gibt. 

Vom Traum zum Albtraum

Es besteht auch die Gefahr, dass die Diskussion über Wasserstoff für Heizzwecke zu einer Verzögerung bei der Einführung alternativer, günstiger und sauberer Heiztechnologien führt. In Anbetracht der Dringlichkeit, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, sollten sich Politik und Industrie im Wärmebereich auf die verstärkte Einführung heute verfügbarer Technologien konzentrieren, anstatt Erwartungen für eine breite Verfügbarkeit von Wasserstoff zu einem späteren Zeitpunkt zu befördern.

Das Beispiel Großbritannien zeigt auch, dass die soziale Komponente nicht außen vorgelassen werden darf. In den beiden „Testdörfern“ gab es erheblichen Widerstand der betroffenen Verbraucher:innen. Wasserstoff wurde immer wieder als einfache Lösung dargestellt. Aber die Menschen haben sich nicht mit Werbebroschüren abspeisen lassen. Als ihnen klar wurde, dass es auf ihre berechtigten Fragen keine klaren Antworten gab, haben sie sich eindeutig gegen Wasserstoff in ihren Häusern ausgesprochen. Sehr zum Ärger der Gasnetzbetreiber und Heizkesselhersteller: Der britische Traum vom Heizen mit Wasserstoff ist aus.

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