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Energie & Klima

Standpunkt

Europa und Afrika müssen zusammenrücken

Werner Hoyer, Präsident der Europäischen Investitionsbank
Werner Hoyer, Präsident der Europäischen Investitionsbank Foto: EIB

Um die Produktion von grünem Strom und Wasserstoff massiv ausbauen zu können, sollte die EU enger mit ihrem Nachbarkontinent kooperieren, fordert EIB-Präsident Werner Hoyer in seinem Standpunkt. Der Investitionsbedarf sei hoch, das Engagement werde sich aber auszahlen.

von Werner Hoyer

veröffentlicht am 03.02.2022

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Europa und vorneweg Deutschland gehen in diesem Jahr beim Klimaschutz von ambitionierten Ankündigungen zu entschlossenem Handeln über. Endlich! Für unseren Kontinent ist die Klimawende eine Herkulesaufgabe – und die ist bei allem Ehrgeiz und allen Investitionen nur zu bewältigen, wenn wir von Anfang an eng mit Afrika kooperieren.

Jedes Klimaziel, das Europa sich setzt, wird buchstäblich in Rauch aufgehen, wenn die Staaten Afrikas und andere Entwicklungsländer ihren steigenden Energiebedarf weiter vor allem mit Kohle und Gas decken. Fast die Hälfte der 1,3 Milliarden Afrikaner hat noch keinen Stromanschluss, bis 2050 dürfte sich die Bevölkerung verdoppeln. Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur wird der Strombedarf sich bis dahin fast vervierfachen.

Der Erfolg der europäischen Klimaprogramme hängt deshalb auch entscheidend davon ab, dass Wind- und Solarenergie – zusätzlich zur Stromerzeugung aus Wasserkraft – in Afrika tragender Teil aller Entwicklungsprogramme werden. Das scheint auf den ersten Blick eine weitere fast unlösbare Aufgabe zu sein. Aber wenn sie gelingt, kann die Klima-Transformation zum Booster für wirtschaftliches Wachstum werden, in Europa und Afrika.

Der Schlüssel zum Klima-Erfolg liegt im massiven Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Das gilt für Deutschland, das bis 2030 diese Kapazitäten verdoppeln bis verdreifachen will, und auch für die EU und Afrika. Weil gerade in energieintensiven Industriezweigen Kohle und Gas CO2-neutral wohl nur durch grünen Wasserstoff ersetzt werden können, wächst der Bedarf an grünem Strom gigantisch: Denn die Wasserstoff-Herstellung per Elektrolyse benötigt davon riesige Mengen, mehr als wir bei uns erzeugen können.

Die Anschubfinanzierung lohnt

Europa kann seinen Energiebedarf also nur decken, wenn ein großer Teil künftig in Afrika produziert und von dort in die EU exportiert wird. Es geht darum, gleichzeitig die Elektrifizierung in Afrika voranzutreiben und große Anlagen zur Produktion grünen Wasserstoffs für den Export aufzubauen. Bisher stehen die notwendigen Technologien für die grüne Wasserstoff-Wirtschaft noch am Anfang. Doch die EU und mit ihr die Europäische Investitionsbank (EIB) stehen bereit, die notwendigen Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie Anlagen zur industriellen Produktion massiv zu fördern.

Bei den erneuerbaren Energien hat sich bereits gezeigt, wie sehr sich Anschubfinanzierungen lohnen: Die Produktionskosten von Solarstrom sind im vergangenen Jahrzehnt um gut 80 Prozent, von Windstrom um 40 Prozent gesunken. Der günstigste Strom stammt inzwischen aus diesen Energiequellen – das sollten wir auch im Lichte der gegenwärtig sehr hohen Energiepreise im Auge behalten.  

Wenn sich Mitte Februar die Regierungschefs der EU und der Afrikanischen Union in Brüssel treffen, sollte auf dem Gipfel neben vertieften Handelskooperationen auch über Wege zum Klimatechnologietransfer und Energiehandel gesprochen werden.

EIB Global bündelt Entwicklungsaktivität

Die Chancen wären jedenfalls enorm, wenn es gelänge, innovative Technologien gleichzeitig in Europa und Afrika auszurollen. „Kooperation auf Augenhöhe mit Afrika“ bliebe nicht länger eine Floskel in Sonntagsreden. Stattdessen entstünden positive wechselseitige Verflechtungen: Europa bekäme Zugang zu enormen Wind- und Sonnenenergie-Ressourcen, Afrika erhielte im Gegenzug Zugang zu modernsten Energieerzeugungstechnologien, die dem Kontinent CO2-Ausstoß und Luftverschmutzung des fossilen Zeitalters weitgehend ersparen könnten.

Den Ansatz, Klima- und Entwicklungspolitik zu verknüpfen und sie in Investitionsprojekte zu übersetzen, verfolgen wir schon seit langem. Jetzt kommt es darauf an, dieses Engagement zu verstärken. Deshalb hat die EIB Anfang 2022 ihre Entwicklungsaktivitäten im Volumen von bis zu zehn Milliarden Euro jährlich unter dem Dach einer neuen EU-Entwicklungsbank, EIB Global, gebündelt.Mit mehr Ingenieuren und Bankern vor Ort und in engem Austausch mit nationalen Entwicklungsbanken sowie privaten Investoren soll die klimapolitische Transformation gezielt gefördert werden.

Auf dem Gipfel in Brüssel wollen Regierungen beider Kontinente Projekte vorstellen, mit denen die gemeinsame Vision für die grüne, digitale und nachhaltige Entwicklung umgesetzt werden kann. In vielen Ländern Afrikas hat diese Entwicklung zum Beispiel mit dem Ausbau von Mobilfunknetzen in Kombination mit lokalen Solaranlagen und der Verbreitung von mobile Banking längst begonnen. Mit solchen Investitionen verbindet sich die Hoffnung, dass daraus langfristige Geschäftspartnerschaften zwischen europäischen und afrikanischen Firmen entstehen, die zu nachhaltigem, kräftigem Wirtschaftswachstum beitragen – auf beiden Kontinenten.

Fairer bei der Hilfe als China

Die EU-Kommission hat kürzlich als Alternative für den gezielten weltweiten Ausbau von Klima-, Energie-, Verkehrs- und digitalen Infrastrukturen das Projekt Global Gateway beschlossen, das 300 Milliarden Euro bis 2027 auf nachhaltige Weise mobilisieren wird. EIB Global wird das zum größten Teil umsetzen. Ein tragender Wert dabei ist Fairness. Da kann und muss Europa mehr bieten als etwa China.

Das gilt übrigens auch für die konkrete Projektimplementierung. Bei Infrastrukturprojekten in Afrika beschäftigen europäische Firmen, anders als ihre Konkurrenten, oft lokale Arbeitnehmer, die sie anlernen und teilweise auch ausbilden. Dieser Aspekt müsste in europäischen Ausschreibungen künftig ergänzend zu den Preisgeboten viel größeres Gewicht bekommen. Nur dann werden rund um die hoffentlich wachsende Zahl an europäisch-afrikanischen Projekten auch stabile lokale private Unternehmen mit Fachkräften entstehen, die für Bau und Unterhalt von Straßen, Schienen, Häfen, grünen Kraftwerken, Telekommunikations- und Stromnetzen dringend gebraucht werden.

Das Machtgefälle ist geschrumpft – Europa braucht Afrika

Das alles klingt ambitioniert – und an ambitionierten Plänen hat es auch bei früheren EU-Afrika-Gipfeln nicht gefehlt. Was im Jahr 2022 aber die Ausgangslage für den Gipfel verändert hat: Die EU ist für ihre Klimaziele und künftige Energiepolitik auf Kooperation mit Partnern in Afrika angewiesen. Das verringert das Machtgefälle zwischen dem reicheren und dem ärmeren Kontinent. Die Regierungsgespräche finden nun mehr auf der Ebene von Interessensausgleich und weniger über Hilfen statt.

Eine wichtige Voraussetzung für eine engere Kooperation hat die Afrikanische Union bereits geschaffen: die Afrikanische Freihandelszone zwischen 54 ihrer Mitgliedstaaten. Der innerafrikanische Handel wird durch gemeinsame Regeln der Afrikanischen Union gestärkt, regionale Wertschöpfungsketten können entstehen, grenzüberschreitender Infrastrukturausbau wird möglich.

Der Gipfel birgt viele Chancen, den Klimaschutz als Katalysator für wirtschaftliche Entwicklung zu nutzen. Der Investitionsbedarf ist zwar hoch, er wird sich aber auszahlen. Auch in Afrika, dessen heutiges Bruttoinlandsprodukt zur Hälfte durch Klimakrisenfolgen wie extreme Dürren und Fluten bedroht ist. Beim Ausbau der Green Economy entstehen zudem viele Jobs. Die Chancen sollten Europäer und Afrikaner nicht verpassen.

Werner Hoyer ist seit 2012 Präsident der Europäischen Investitionsbank (EIB) in Luxemburg.

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