Standpunkt Fehlende Tiefbaukapazitäten hemmen Energiewende

Auch für die Umsetzung der Energiewende werden Tiefbauleistungen bedeutend sein. Ihr Bedarf wird steigen. Wie das Problem fehlender Kapazitäten behoben werden könnte, schreiben Klaus Neuhäuser von der Baker Tilly Unternehmensberatung und sein Co-Autor Oliver Rottmann, Geschäftsführender Vorstand des KOWID an der Universität Leipzig.

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Für die Umsetzung umweltpolitischer Ziele der Bundesregierung bedarf es unter anderem des Aus- bzw. Umbaus der entsprechenden technischen Infrastrukturen. Beispielhaft können die Digitalisierungsstrategie oder die Energiewende benannt werden. So hat sich die Bundesregierung unter anderem das Ziel gesetzt, gemeinsam mit den Telekommunikationsunternehmen flächendeckend in Deutschland gigabitfähige Infrastruktur zu schaffen. Sie will daher die Breitbandförderung in den Gebieten, in denen kein marktgetriebener Ausbau stattfindet, mit Gigabit-Zielen fortführen. 

Im Rahmen der Energiewende und hier insbesondere durch den Zubau erneuerbarer Energien besteht zudem nach Deutscher Energie-Agentur, Bundeswirtschaftsministerium oder Bundesnetzagentur bis 2025 ein Neubaubedarf im Übertragungsnetz von 1700 bis 3600 Kilometern – je nachdem, welche Technologie genutzt wird (Höchstspannungsnetz) und bis 2030 von 135.000 bis 193.000 Kilometern für das Verteilnetz (Hoch-, Mittel- und Niederspannungsnetz). Dabei erfolgt bei bestimmten Vorhaben die Umsetzung vorrangig mittels Erdkabel. Folglich ergibt sich auch in den kommenden zehn Jahren – und möglicherweise darüber hinaus – vor diesem Hintergrund ein steigender Bedarf an Tiefbauleistungen.

Neben diesen benannten Beispielen sind Tiefbauleistungen aber auch für andere Zwecke erforderlich, etwa für Wasser- und Energieversorgung (Strom, Gas). Dabei stehen hier sowohl Modernisierungs- beziehungsweise Instandhaltungsmaßnahmen als auch Neubauvorhaben, beispielsweise infolge der Erschließung und Entwicklung neuer Bauflächen, im Fokus. Auch hieraus ergibt sich eine nennenswerte Nachfrage von Energieversorgungsunternehmen (EVU) nach Tiefbauleistungen. Darüber hinaus stellt der vorhandene kommunale Investitionsrückstand laut KfW-Kommunalpanel von 138,4 Milliarden Euro einen zusätzlichen zukünftigen Treiber für Modernisierungs- und Instandsetzungsmaßnahmen dar. Sofern Rückstände zukünftig weiterhin aufgelöst werden sollen, ergeben sich hierdurch weitere Nachfrageimpulse für die Bauindustrie.

Der Breitbandausbau ist wirtschaftlich kaum rentabel

Jedoch ist der Markt für Tiefbauleistungen derzeit mit einem deutlichen Nachfrageüberhang belastet. Es besteht kein hinreichendes Angebot, dass der hohen Nachfrage gerecht wird. Für private Tiefbauunternehmen ist beispielsweise der Breitbandausbau, speziell der Ausbau von Glasfaserkabelnetzen, wirtschaftlich kaum rentabel, da unter anderem durch regionale Spezifika ein besonderes Maß an (kostenintensiver) Flexibilität erforderlich ist, was im Vergleich zu anderen Tiefbauvorhaben deutlich geringere Gewinnmargen zulässt.

Zugleich erfordert der Ausbau eine weitreichende Fachexpertise. Bezogen auf die entsprechenden Fachkräfte zeigt sich dort neben einem allgemeinen Arbeitskräftemangel der auch in anderen Branchen bestehende Mangel. Da besagte Kapazitätsengpässe bestehen, besonders aber der Netzausbau bezogen auf bestimmte Infrastrukturen hohe Priorität hat – und damit die Gefahr besteht, notwendige Infrastrukturmaßnahmen der Energiewende und digitalen Transformation zu hemmen – scheint eine mögliche Lösung, dass EVU selbst im Tiefbau tätig werden und mithin ihre Geschäftstätigkeit um diese Aufgaben erweitern. Hier sind neben Kooperationen weitere Optionen denkbar, beispielsweise auch der Aufbau eigener Kapazitäten etwa im Rahmen der Übernahme von Tiefbauunternehmen oder artverwandten Firmen, etwa aus dem Bereich Garten- oder Landschaftsbau, mit entsprechenden Qualifizierungsmaßnahmen.

Kooperationen mit Stadtwerken und Energieversorgern sind hilfreich

Es stellt sich die Frage, ob Städte und Gemeinden durch ihre eigenen kommunalen Unternehmen tätig werden. Hier stehen die Kommunen jedoch vor einem weiteren Problem: Wie Befragungen des Kompetenzzentrum Öffentliche Wirtschaft, Infrastruktur und Daseinsvorsorge an der Universität Leipzig (KOWID) und Public Sector Project Consultants von kommunaler Unternehmen zeigten, welche auch im Bereich Telekommunikation tätig sind, haben diese oft keine oder nur sehr begrenzte Erfahrungen mit dem Ausbau entsprechender Infrastrukturen im Rahmen ihrer bisherigen Tätigkeiten. Mithin ist dies auch mangelnden eigenen Erfahrungen im Bereich Tiefbau selbst geschuldet.

Eine denkbare Option wäre hier, den Ausbau durch oder in Kooperation mit Unternehmen durchzuführen, die entsprechendes Know-how haben beziehungsweise grundsätzlich im Tiefbau und Leitungsbau tätig sind. Geeignete Unternehmen wären in diesem Feld die Stadtwerke oder private Energieversorgungsunternehmen. Diese könnten beispielsweise zusätzlich im Bereich passive Infrastruktur tätig werden. In diesem Fall plant, baut und betreibt das EVU die passive Infrastruktur im Bereich Glasfaser und vermietet sie an einen oder mehrere Netzbetreiber.

Als beihilferechtliche Grundlage dient in diesem Kontext die Bundesrahmenregelung Leerrohre. Der Netzaufbau kann entweder als eigenständige Maßnahme umgesetzt werden oder in Verbindung mit anderen Vorhaben (zum Beispiel der Sanierung von Versorgungsleitungen) erfolgen. Ein Vorteil könnte darin bestehen, dass kommunalen Versorgungsbetrieben in der Regel (Kabel-)Schächte gehören. Besonders Stadtwerke bauen Kapazitäten über die Akquisition von Tiefbauunternehmen auf. Große EVU sind hier schon aktiv, aber auch kleinere und mittlere Stadtwerke haben bereits eigene Tiefbaugesellschaften gegründet oder derartige Unternehmen übernommen.

Im Rahmen des Rollouts von Smart Metern und intelligenten Messsystemen im Kontext der Energiewende engagieren sich bereits zahlreiche EVU auch in neuen Aufgabenbereichen wie beispielsweise im Breitbandausbau, teilweise in Kooperationen mit Telekommunikationsunternehmen für den Netzbetrieb. Dies zeigt, dass es durchaus sinnvoll sein kann, dass das EVU als breiter aufgestellter Infrastrukturanbieter fungiert und sich bei Betrieb und Diensten des Netzes eines spezialisierten Kooperationspartners bedient. Best-Practice-Fälle zeigen dabei, dass neben einer flächendeckenden Versorgung so auch selbsttragende und wirtschaftliche Betriebsmodelle möglich sind, deren Investitionen sich nach fünf bis zehn Jahren auch wirtschaftlich darstellen lassen. Zudem erscheint es überlegenswert, ob infolge der beschriebenen Bedarfe an Tiefbauleistungen diese nicht zugleich hier selbst tätig werden.

Klaus Neuhäuser ist Partner bei der Baker Tilly Unternehmensberatung GmbH in Düsseldorf. Oliver Rottmann ist geschäftsführender Vorstand des KOWID.

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