Schutzzölle : Nadelöhr aus Stahl? Wie die EU-Kommission die Energiewende riskiert
Die Energiewende soll Europas Energieversorgung souveräner, resilienter und klimafreundlicher machen. Doch ausgerechnet beim Netzausbau drohen neue Handelshürden für einen Werkstoff, ohne den moderne Transformatoren nicht gebaut werden können, schreiben Anke Hüneburg und Nikolas Keßels vom Elektro- und Digitalverband ZVEI.
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Transformatoren sind für die Energiewende und die Elektrifizierung unverzichtbar: Sie machen Strom aus erneuerbaren Quellen nutzbar, sichern den Transport durch die Netze und ermöglichen deren Ertüchtigung und Erweiterung. Entsprechend investieren europäische Hersteller in Kapazitäten, Arbeitsplätze und Resilienz.
Ohne GOES keine Trafos – ohne Trafos keine Energiewende made in Europe
Zentral für ihre Herstellung ist kornorientierter Elektrostahl, kurz GOES. Dieser hochspezialisierte Werkstoff minimiert magnetische Verluste und ermöglicht damit besonders effiziente Leistungstransformatoren. Rund 70 Prozent des weltweit produzierten GOES fließen in diese Anwendungen. Die Verfügbarkeit dieses Materials ist damit unmittelbar mit der Versorgungssicherheit in Europa verknüpft.
Die steigende GOES-Nachfrage unter anderem durch den wachsenden Bedarf energieeffizienter Transformatoren offenbart eine strukturelle Realität. Europa hat bei GOES eine strukturelle Angebotslücke: Rund 300.000 Tonnen EU-Produktion stehen einem Bedarf von etwa 560.000 Tonnen gegenüber. Importe sind daher eine notwendige Voraussetzung, um die Nachfrage der europäischen Transformatorenindustrie überhaupt decken zu können.
Hinzu kommt: Es geht auch um Qualität. Die notwendigen hochpermeablen, domänenverfeinerten GOES-Qualitäten sind in Europa derzeit nicht ausreichend verfügbar. Die Industrie bezieht sie von engen Handelspartnern wie Japan oder Südkorea. Schutzmaßnahmen würden also genau jene Materialien verknappen oder verteuern, die für moderne Transformatoren und den Netzausbau erforderlich sind.
Schutzmaßnahmen unbegründet: Keine schädigende Importdynamik erkennbar
Bislang wurde diese Realität handelspolitisch anerkannt: Elektrostahl war von Zollmaßnahmen ausgenommen. Nun aber stehen Schutzmaßnahmen mit Fokus auf GOES erneut zur Debatte. Die EU-Kommission begründet mögliche Maßnahmen mit dem Schutz der heimischen Stahlindustrie.
Aus Sicht der nachgelagerten Industrie sind diese aber nicht überzeugend begründet. Der moderate Importanstieg über die vergangenen Jahre ist vor allem Ausdruck steigender Investitionen in die Strominfrastruktur sowie strengerer EU-Vorgaben – nicht Beleg einer schädigenden Importdynamik. Wer mehr Netze, mehr Erneuerbare und mehr Elektrifizierung will, braucht Transformatoren. Und wer Transformatoren braucht, braucht Zugang zu GOES.
Schutzmaßnahmen würden Kosten erhöhen, Lieferzeiten verlängern und den angespannten Transformatorenmarkt zusätzlich belasten. Sie träfen nicht abstrakt „den Markt“, sondern Hersteller, Netzbetreiber, Investitionsentscheidungen – und am Ende die Umsetzung der Energiewende.
GOES-Safeguards: Industriepolitische Fehlwirkung mit Ansage
Fakt ist: bei Elektrostahl besteht seit Jahren keine ausreichende europäische Produktion – weder in der benötigten Menge noch in der Qualität. Wer unter diesen Bedingungen Importe erschwert, schützt nicht strategische Wertschöpfung. Er gefährdet sie. Bereits heute steigen die Transformatorenimporte, insbesondere aus China. Werden GOES in Europa verteuert oder verknappt, schwächt das die heimische Trafo-Produktion – und beschleunigt genau diese Entwicklung.
Das wäre industriepolitisch absurd. Statt Wertschöpfung in Europa zu halten, würde man Handelspartner bestrafen und ungewollt chinesische Importe stärken. So schafft Europa neue Abhängigkeiten und setzt Investitionen in europäische Produktionskapazitäten unter Druck.
Eine Verlagerung von Produktion aus Deutschland und Europa würde zudem die technologische Souveränität im Bereich kritischer Energieinfrastruktur untergraben. Wenn Transformatoren aus Drittstaaten – insbesondere aus China – zunehmend in europäischen Stromnetzen eingesetzt werden, wird daraus auch eine sicherheitspolitische Frage. Wer diese Risiken ernst nimmt, darf die europäische Transformatorenindustrie nicht durch schlecht austarierte Schutzmaßnahmen schwächen.
Europa darf verlässliche Partner nicht vor den Kopf stoßen
Handelspolitisch kommt hinzu: Europa ist bei hochwertigen GOES-Qualitäten auf langjährige, verlässliche Partner wie Japan und Südkorea angewiesen. Pauschale Schutzmaßnahmen würden diese gewachsenen Handelsbeziehungen empfindlich belasten – und ausgerechnet gegenüber wichtigen Technologiepartnern als protektionistisches Signal wirken.
Zudem erhöhen Antidumpingmaßnahmen und CBAM schon heute die Importkosten für GOES. Zusätzliche Schutzmaßnahmen würden kumulativ wirken und nachgelagerte Industrien belasten, ohne das eigentliche Problem – die unzureichende Verfügbarkeit geeigneter GOES-Qualitäten in Europa – zu lösen.
Was stattdessen nötig ist
Genau deshalb führt die Debatte in die falsche Richtung. Europa braucht keine Maßnahme, die eine Branche (Stahl) schützen soll und dabei einer anderen (Transformatoren) den Zugang zu systemkritischem Material erschwert. Europa braucht eine Politik, die seine industrielle Resilienz stärkt, ohne die eigene Wertschöpfungskette zu beschädigen. Gezielte industriepolitische Maßnahmen sind notwendig: stärkere europäische Produktionskapazitäten, mehr Innovationsfähigkeit und verlässliche Lieferketten. Elektrostahl darf nicht durch gut gemeinte, aber faktisch falsche Regulierung zum Engpass der Energiewende werden.
Anke Hüneburg ist Bereichsleiterin Energie, Dr. Nikolas Keßels ist Bereichsleiter Global Affairs und Konjunktur beim Elektro- und Digitalverband ZVEI.
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