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Energie & Klima

Standpunkt

Heute beim Wasserstoff die Energiesicherheit von morgen vorbereiten

Raffaele Piria, Senior Advisor und Co-Lead Energy, Adelphi
Raffaele Piria, Senior Advisor und Co-Lead Energy, Adelphi Foto: Adelphi

Das Thema Erdgasimporte lässt uns diesen Winter nicht los. Aber künftig wird es zunehmend um Wasserstoffimportsicherheit gehen, schreibt Raffaele Piria von Adelphi in seinem Standpunkt. Auf dem Weg zur Klimaneutralität werde sich die Risikolandschaft grundlegend verändern. Darauf müsse sich Deutschland entschlossen und mit Weitblick vorbereiten – und zahlreiche Abwägungsentscheidungen treffen.

von Raffaele Piria

veröffentlicht am 15.12.2021

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Auch wer Klimaschutz und Energiewende priorisiert, muss erkennen: Ihre öffentliche Akzeptanz könnte durch Versorgungsengpässe und Preiskrisen erheblich Schaden nehmen. Selbst wenn es gute Argumente dafür gibt, dass die Spannungen am Gasmarkt in diesem Winter durch eine konsequentere Umsetzung der Energiewende und eine umsichtigere Politik milder hätten sein können.

Die Ironie der Geschichte: Die akuten Folgen des geopolitischen Schlamassels um Nord Stream 2 müssen Annalena Baerbock und Robert Habeck ausbaden, die immer dagegen waren. Darin liegt auch eine Chance, denn die beiden können glaubwürdiger auf jene Kritik reagieren, die seit Jahren unüberhörbar aus Ost-, West- und Südeuropa, aus Brüssel und Washington kommt. Ein zentraler Teil der Antwort sollte sein, dass Deutschland nun mit Volldampf an einer strukturellen Lösung arbeitet: Kurzfristig mag durch die letzten Schritte des Atomausstiegs und den vorgezogenen Kohleausstieg zwar der Erdgasimportbedarf steigen. Spätestens in den 2030er Jahren wird er sehr schnell abnehmen.

Auf dem Weg zur Klimaneutralität wird der gesamte Energieimportbedarf Deutschlands absolut und anteilig stark sinken. Wie stark, hängt vom Erfolg bei Energieeffizienz und Suffizienz, dem EE-Ausbau, und dem Ausmaß der Elektrifizierung von Verkehr, Wärmeversorgung und – soweit möglich – der Industrie ab. Klar ist aber auch: Deutschland wird auf erhebliche Mengen klimaneutraler Energieimporte, überwiegend Wasserstoff und seine Folgeprodukte, angewiesen bleiben. Auch wenn diese Feststellung nicht neu ist, verfügt Deutschland aber bislang über keine robuste Strategie zur Sicherung des künftigen Wasserimportbedarfs.

Wasserstoffimportstrategie ist unterentwickelt

Wichtige Ansätze sind zwar bereits in der Umsetzung: Hinsichtlich der Unterstützung des globalen Markthochlaufs von Grünwasserstoff gilt Deutschland zurecht als weltweit führend. Dem wird die ehrgeizige klima- und energiepolitische Agenda der neuen Koalition einen weiteren Schub geben. Jedoch sind andere notwendige Strategieelemente noch kaum entwickelt. Wie diese aussehen können, wurde in einer zuletzt veröffentlichten Ariadne-Analyse zu Strategien zur Sicherung von Wasserstoffimporten untersucht (Background berichtete). Aus dieser Analyse werden im Folgenden drei vorrangige Aufgaben für diese Legislaturperiode festgemacht.

Erstens sollte die bislang vage Vision, woher und wie die Wasserstoffimporte kommen könnten, zeitnah konkretisiert werden. Pipeline-Importe aus Spanien, dem Nordseeraum, Osteuropa oder Nordafrika wären am günstigsten. Aber eine Umrüstung oder gar der Neubau von tausenden Kilometer langen Pipelines durch mehrere Länder ist langwierig und nicht ohne Unsicherheiten. Transit- und Akzeptanzfragen stellen sich auch unter eng befreundeten Ländern: Wie viel EE-Ausbau ist in Spanien wirklich umsetzbar? In welchem Umfang und ab wann werden Frankreich, Italien oder andere Länder als Transitländer zur Verfügung stehen? Wie tragfähig ist die Vision, dass die Ukraine Grünwasserstoff in großen Mengen liefert?

Angesichts vieler Unwägbarkeiten ist es sinnvoll, parallel zu den Importpipelines auch die Infrastruktur und Wertschöpfungskette für Importe per Schiff auszubauen. Obgleich energetisch ineffizienter und teurer, könnten Einfuhren auf dem Seeweg eine wertvolle, eventuell unverzichtbare Ergänzung und Diversifizierungsoption sein. Aus dem gleichen Grund importieren manche Länder heute LNG. Ebenso wichtig wie die Diversifizierung der Importwege sind konkrete Pläne und Maßnahmen zum Ausbau der Wasserstoffspeicherkapazitäten in Deutschland.

Blauen Wasserstoff nicht ausschließen, aber genau prüfen

Zweitens darf Deutschland die Deutungshoheit über die Nachhaltigkeit von Blauwasserstoff nicht den Erdgasproduzenten überlassen. Der erwartete, heiß diskutierte delegierte Rechtsakt der Europäischen Kommission wird definieren, nach welchen Kriterien Wasserstoff in der EU als erneuerbar gilt. Wie auch immer dieser Drahtseilakt zwischen Nachhaltigkeit und Markthochlauf von Grünwasserstoff vollführt wird, steht fest: Je strikter die Definition, desto knapper und teurer das Angebot an Grünwasserstoff und desto wettbewerbsfähiger der Wasserstoff, der als blau gilt.

Für den Letzteren ist es kaum zu bezweifeln, dass global ein substantielles Angebot entstehen wird, wovon wohl auch Verbraucher in der EU und Deutschland Gebrauch machen werden, wenn Grünwasserstoff knapp ist. Solange der Blauwasserstoff emissionsärmer als der Status Quo ist, ist das auch gut so.

Aber ist er es wirklich? Angesichts der Tragweite dieser Frage sollte sich Deutschland deutlich intensiver bei internationalen Diskussionen zur Emissionsintensität bei der Wasserstoffproduktion engagieren, aktuell bei der Entwicklung der IPHE-Methodologie. Der jetzige Entwurf führt zu einer massiven Unterschätzung der Methanemissionen, wie auch eine Publikation von Adelphi mit dem Öko-Institut zeigt. Das muss korrigiert werden. Eine hohe Latte bei der Nachhaltigkeit von Grünwasserstoff zu setzen und zugleich eine sehr niedrige für Blauwasserstoff aus Erdgas zu dulden, wäre nicht zielführend.

Drittens sollte die Bundesregierung eine ausgeglichene auswärtige Wasserstoffpolitik entwickeln und kohärent umsetzen. Der bisherige Fokus auf den Markthochlauf in Ländern mit großem Grünwasserstoffexportpotenzial ist sinnvoll. Dabei muss aber auch die Energiewende vor Ort vorankommen.

Alle Ministerien müssen an einem Strang ziehen

Eine Situation im Partnerland mit vollständig erneuerbaren Produktionsinseln für den Export neben Braunkohlekraftwerken für die lokale Versorgung wäre auf Dauer wenig sinnvoll. Zudem dürfen andere Wasserstoffimportländer nicht den Eindruck bekommen, dass Deutschland sich zu ihren Ungunsten einen privilegierten Zugang zu den besten Ressourcen verschafft. Das wäre ein Pyrrhussieg, denn Klimaschutz muss global erfolgen und diesen Ländern würde die Option offenbleiben, weiterhin auf fossile Energiequellen zurückzugreifen.

Vorreiterländer müssen deshalb kooperativ agieren. Auch der Dialog mit den durch fossile Exporte geprägten Ländern ist wichtig. Die Perspektive auf Blauwasserstoff kann dort zu mehr Unterstützung für Klimaschutz und Energiewende führen. Der Preis dieses Dialogs darf aber nicht sein, dass Deutschland auch nur implizit hinnimmt, dass die mit der Blauwasserstoffproduktion verbundenen Emissionen unterschätzt werden.

Ohne eine bessere Sichtbarkeit auf die künftige Wasserstoffimportsicherheit werden Investitionsentscheidungen in Deutschland auf Dauer erschwert. Auch deshalb ist es zu wünschen, dass nach Abschluss der laufenden Umstrukturierung alle involvierten Bundesministerien in diesem Bereich an einem Strang ziehen. 

Raffaele Piria ist Senior Advisor und Co-Lead Energy des Think-tanks und Beratungsunternehmens Adelphi.

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