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Energie & Klima

Standpunkt

Methanemissionen in der EU: Nicht nur reden, auch was tun!

Foto: EU-Parlament

Die weltweiten Klimaziele werden nie erreicht werden, wenn sich die Staatengemeinschaft nur auf CO2, nicht aber auf Methan konzentriert. Denn noch immer mangelt es an Maßnahmen, um das potente Treibhausgas einzudämmen, schreibt die Grüne Europaabgeordnete Jutta Paulus. Dafür brauche es eine bessere Überwachung, technische Lösungen, aber auch eine Reduktion des Fleischkonsums.

von Jutta Paulus

veröffentlicht am 16.11.2021

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Um die 1,5 Grad-Grenze nicht zu überschreiten, müssen die weltweiten Treibhausgasemissionen in den nächsten acht Jahren halbiert werden. Das wird nur mit bindenden, weitreichenden Maßnahmen möglich sein. Dazu gehört auch eine maßgebliche Verringerung des Methanausstoßes. Methan, das zweitwichtigste Treibhausgas, ist in einem Zeitraum von 20 Jahren 82 Mal klimawirksamer als Kohlenstoffdioxid und insgesamt für rund ein Viertel der Erderwärmung verantwortlich. Menschliche Aktivitäten verursachen 59 Prozent des weltweiten Ausstoßes, davon entfallen 95 Prozent auf Landwirtschaft, Abfallwirtschaft und Energiewirtschaft. Dennoch spielte das Klimagas bisher kaum eine Rolle bei Klimaverhandlungen.

Auf Initiative der USA und der EU wurde im Vorfeld der COP26 der „Global Methan Pledge“ initiiert. Mehr als 100 Staaten haben sich diesem Aufruf inzwischen angeschlossen, Kommissionspräsidentin von der Leyen hat verkündet, die Senkung der Methanemissionen müsste als einfach zu erreichendes Ziel prioritär angegangen werden. Der Ansatz ist begrüßenswert, die angestrebten Zielmarken sind allerdings unzureichend. Nach Angaben des Umweltprogramms der Vereinten Nationen UNEP ist es möglich, mit verbindlichen Vorgaben im Energie-, Abfall-, und Landwirtschaftsbereich den Ausstoß um 45 Prozent zu verringern. Das würde die Erderhitzung um ganze 0,3 Grad Celsius begrenzen.

EU-Methanstrategie muss erneuert werden

Es liegt nun maßgeblich auch an der EU, wirksame Maßnahmen zur Methanreduktion vorzulegen. Dazu muss die 2020 veröffentlichte EU-Methanstrategie von Grund auf überarbeitet werden. Bisher liegt der Fokus auf der Abfrage, Berichterstattung und Verifizierung der Emissionen im Energiesektor. Doch Daten allein senken noch lange keine Emissionen, und der Energiesektor verursacht in der EU nicht einmal ein Fünftel des Methanausstoßes. Es braucht systemische Veränderungen in allen emittierenden Sektoren, namentlich in der Landwirtschaft, die 53 Prozent verursacht, und der Abfallwirtschaft, die für 26 Prozent verantwortlich ist.

Ironischerweise hat die Kommission selbst berechnet, dass der Methanausstoß im Vergleich zu 2005 um 35 bis 37 Prozent verringert werden müsste, damit das EU-Klimaschutzziel der Emissionsreduktion von mindestens 55 Prozent bis 2030 erreicht werden kann. Deshalb brachte das Europäische Parlament einen Initiativbericht zur EU-Methanstrategie auf den Weg. Dieser wurde im Oktober mit großer Mehrheit angenommen.

Darin fordert das Parlament, dass die Pläne der EU zur Reduktion der Methanemissionen mit dem vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen und des Weltklimarats modellierten Pfad für eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius in Einklang gebracht werden sollen.

Um die Fleischreduktion führt kein Weg herum

Dafür braucht es die Ausweitung der Strategie auf alle drei Sektoren und die Festsetzung bindender Ziele. Im Landwirtschaftsbereich können Technologien und Innovationen die Verminderung des Ausstoßes unterstützen, doch ohne einen systemischen Wandel werden die Erfolge überschaubar sein. Futtermittelzusätze, die den Methanausstoß von Wiederkäuern verringern, lösen das grundlegende Problem der industriellen Massentierhaltung nicht.

Die weltweit mehr als zwei Milliarden Wiederkäuer verursachen 80 Prozent des landwirtschaftlichen Methanausstoßes. Insbesondere in den Industriestaaten ist der Fleisch- und Milchkonsum viel zu hoch, statt Subventionen für Fleischproduktion und -export brauchen wir Kampagnen und Instrumente für eine stärker pflanzenbasierte Ernährung.

Besorgniserregend ist auch der Anstieg von Methanemissionen aus der Biogasproduktion. Obwohl die Nutzung der Gülle zur Biogasproduktion sinnvoll ist und Emissionen dadurch grundsätzlich verringert werden, sind die Anlagen oft nicht ausreichend dicht, sodass Methan in die Atmosphäre entweicht.

Nahrungs- und Futtermittel sollten grundsätzlich nicht zur Energiegewinnung verwendet werden, weil der Einsatz von Dünger die Emissionsbilanz verhagelt. Denn zur Produktion von Stickstoffdünger wird heute Erdgas sowohl als Ausgangsstoff als auch als Energieträger verwendet, sodass die dabei entstehenden CO2- und Methanemissionen den landwirtschaftlichen Erzeugnissen zugerechnet werden müssen. Die Europäische Kommission muss sicherstellen, dass Biogas ausschließlich aus zertifizierter Restbiomasse, Gülle und organischen Abfällen produziert wird.

Zertifizierungssystem für Öl- und Gasimporte

Im Abfallsektor muss die offene Deponierung, die in vielen Mitgliedsstaaten immer noch gang und gäbe ist, endlich beendet und der organische Anteil des Mülls der Kompostierung zugeführt oder in Biogasanlagen verwertet werden. Darüber hinaus fordert das Parlament strengere Vorgaben zur Müllvermeidung und die Aufnahme von Methan in die relevanten Richtlinien wie die Industrieemissions- und die Abwasserrichtlinie.

Im Energiesektor senken wir die Methanemissionen am nachhaltigsten durch einen beschleunigten Ausstieg aus fossilen Energieträgern. Dafür sollen die Mitgliedsstaaten nach dem Willen des Europaparlaments konkrete Pläne vorlegen. Investitionen in neue fossile Infrastruktur sind kontraproduktiv, dass diese noch subventioniert werden, ist geradezu absurd.

Solange Öl, Gas und Kohle noch gefördert werden, müssen wir sicherstellen, dass die damit einhergehenden Methanemissionen nicht nur berichtet, sondern Leckagen auch zuverlässig detektiert und zeitnah abgedichtet werden. Das Verursacherprinzip muss auch bei stillgelegten Anlagen gelten. Das routinemäßige Abfackeln und Ablassen von Gas muss schnellstmöglich untersagt werden. Gemäß einem Bericht der Internationalen Energieagentur IEA können diese Maßnahmen mit geringem Kapitaleinsatz durchgeführt werden, und da das ansonsten verlorengehende Gas dann verkauft werden kann, rechnen sich diese Investitionen innerhalb sehr kurzer Zeit.

Allerdings wird der Öl- und Gasbedarf der Europäischen Union zu 90 Prozent durch Importe gedeckt. Deshalb liegt der größte Hebel in der Ausweitung der Berichts- und Vermeidungspflichten auf die Lieferanten. Es braucht am Ende ein stringentes Zertifizierungssystem und eine klare Ansage, ab wann nur noch zertifiziertes Gas welcher Kategorie eingeführt werden darf. Damit würden wir einen weltweiten Standard setzen und tatsächlich etwas bewegen.

Jutta Paulus ist Europaabgeordnete von Bündnis90/Die Grünen und hat für die Fraktion Die Grünen/EFA den Initiativbericht des Europäischen Parlaments zur EU-Methanstrategie verhandelt.

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