Standpunkt Stoppt Kahlschläge in europäischen Wäldern!

Angesichts der enormen Bedeutung der Wälder für Klima- und Umweltschutz müssen Kahlschläge in der neuen EU-Forststrategie verboten werden, schreibt die Forstwissenschaftlerin und Europaabgeordnete der Grünen, Anna Deparnay-Grunenberg. Ohne eine nachhaltige Waldbewirtschaftung würde die EU an dem Ast sägen, auf dem sie sitzt.

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„Rettet den Amazonas! Stoppt das Roden!“ tönt es derzeit aus allen Ecken. Einer Studie des französischen Instituts für Agronomieforschung zufolge stößt die grüne Lunge unseres Planeten schon jetzt mehr CO2 aus, als sie absorbiert. Das versetzte die Öffentlichkeit zu Recht in Aufruhr.

Bei allem Entsetzen über den Zustand des Amazonas wird jedoch zu oft vergessen: Auch in europäischen Wäldern gibt es illegale Rodungen, eine stellenweise unangepasste Waldbewirtschaftung und den Kahlschlag ganzer Waldabschnitte, die anschließend durch schnellwachsende Plantagen in Monokultur ersetzt werden. Diese Praktiken sind eine Farce angesichts der enormen Bedeutung der Wälder im Kampf gegen Klimawandel und Artensterben. Ein EU-weites Verbot von Kahlschlägen ist deshalb überfällig.

Als Sprecherin für Biodiversität der Grünen im EU-Parlament wird mir an dieser Stelle häufig vorgeworfen, Wälder aus ideologischen Gründen aus der Bewirtschaftung herausnehmen und damit dem Forstsektor seine Existenzgrundlage rauben zu wollen. Dem ist mitnichten so: Als Forstwissenschaftlerin weiß ich, dass der Wald in vielen Regionen ein wichtiger und wertvoller Wirtschaftsfaktor ist. Auch die von der EU angestrebte biobasierte Kreislaufwirtschaft ist ohne die Ressource Holz schwer vorstellbar. Waldbewirtschaftung ist jedoch nicht gleich Waldbewirtschaftung und nicht jede Ansammlung an Bäumen erfüllt die vielfältigen und komplexen Funktionen eines intakten Ökosystems.

In Frankreich werden aktuell jahrhundertealte Eichenwälder gerodet

Unter dem Deckmantel der viel zu laxen Definition von nachhaltiger Forstwirtschaft in der Helsinki Resolution H1 finden in Europa nach wie vor großflächige Kahlschläge statt. Vor allem das schwedische und finnische Modell der Forstwirtschaft beruht darauf, Bäume in plantagenartigen Reinbeständen anzupflanzen und nach wenigen Jahren hektarweise abzuholzen. In Frankreich werden aktuell jahrhundertealte Eichenwälder gerodet und durch kurzumtriebige Douglasienforste ersetzt, da diese schneller wachsen. Derlei intensive Forstwirtschaftsmodelle sind nur lukrativ, weil Kahlschläge nicht verboten sind.

Die intensive Forstwirtschaft und die Praxis der Kahlschläge sind aus ökologischer Sicht eine Katastrophe: Der Lichteinfall nach einem Kahlschlag sorgt für Trockenheit und beschleunigt den Humusabbau. Die schweren Erntemaschinen verdichten und zerstören den Waldboden und schränken die Versickerung  von Regenwasser massiv ein. Wurzeln und Bodenorganismen sterben ab und verwandeln den Waldboden in eine wahre CO2 Schleuder.

Eine angepasste Waldbewirtschaftung, die auf natürliche Verjüngung setzt, ist zwar kostspieliger als eine auf Kahlschlägen beruhende Bewirtschaftung, aber die einzige Möglichkeit, Waldökosysteme langfristig zu erhalten. Es gibt dahingehend durchaus positive Beispiele: In Norwegen sind Kahlschläge bereits seit 2016 verboten und das Land bekennt sich zu abholzungsfreien Lieferketten.

Holz aus Kahlschlägen und Forstplantagen ist nicht nachhaltig

Als wären die Folgen von Kahlschlägen für die Wälder nicht bereits schlimm genug, landet das geschlagene Holz oftmals direkt im Ofen und wird industriell zur Energiegewinnung genutzt. Das konterkariert die Ziele des Pariser Klimaabkommens und des europäischen Green Deal. Dass Holzverbrennung im Rahmen der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED II) als „erneuerbare Energie“ angerechnet wird, ist absurd. Denn was dabei völlig außer Acht gelassen wird, ist der Faktor Zeit.

Bei der Verbrennung von Stammholz wird enorm viel CO2 auf einen Schlag freigesetzt. Sicher, Holz wächst irgendwann wieder nach und entzieht dabei der Atmosphäre CO2. Doch dieser Ausgleichseffekt tritt mit einer großen Zeitverzögerung ein – schließlich dauert das Nachwachsen je nach Waldtyp mehrere Jahrzehnte bis einige Jahrhunderte. Da der Kampf um die CO2-Reduktion jedoch in den nächsten zwei Jahrzehnten gelingen muss, kann bei Holzverbrennung zur Energiegewinnung nicht von Klimaneutralität gesprochen werden. Wenn es nicht gelingt, die vielseitigen Ansprüche an den Wald mit einer nachhaltigen Bewirtschaftung zu vereinbaren, sägt die EU im wahrsten Sinne des Wortes an dem Ast, auf dem sie sitzt.

Holzeinschlag in den letzten Urwäldern Europas stoppen

Momentan wird Forstwirtschaft in der EU selbst dann als nachhaltig etikettiert, wenn dabei durch Kahlschlagspraktiken enorme Schäden entstehen. Ein Verbot von Kahlschlägen ist auch deshalb dringend erforderlich, um illegalen Holzeinschlag in den letzten Urwäldern Europas zu stoppen: Im polnischen Nationalpark Bialowieza und in den rumänischen Karpaten werden aktuell ganze Landstriche kahlgeschoren. Rumänien beherbergt zwei Drittel der Ur- und Naturwälder, die es noch in der gemäßigten Klimazone Europas gibt. Diese kostbaren Ökosysteme sind nach EU-Recht als Natura 2000-Gebiete geschützt, werden aber dennoch durch großflächige Abholzungen systematisch zerstört, ohne dass die rumänischen Behörden dagegen vorgehen.

Im vergangenen Jahr hat die EU-Kommission gedroht, den Fall vor den Europäischen Gerichtshof zu bringen. Ein EU-weites Kahlschlagverbot würde dabei helfen, das illegale Abholzen streng geschützter Primarwälder effektiver zu unterbinden.

Waldwende oder ducken vor der Forstlobby?

Die EU-Kommission möchte noch vor der Sommerpause die neue EU-Forststrategie vorstellen. Diese Strategie muss zwingend ein Bekenntnis zu naturnaher Forstbewirtschaftung und die konsequente Abkehr von den unsäglichen Kahlschlagspraktiken beinhalten. Das ist nicht einfach, da die Nationalstaaten  – allen voran die skandinavischen Länder – enormen Druck dagegen ausüben.

Die EU verfügt jedoch über eine Vielzahl von Instrumenten, mithilfe derer ein Kahlschlagsverbot umgesetzt werden könnte: Zum einen müssten Kahlschläge in der LULUCF-Verordnung als Landveränderung vom Wald zur Plantage klassifiziert und die Anrechnung dieser Flächen als CO2-Senke untersagt werden. Ebenso dürfte im Rahmen der EU-Taxonomy, der RED II, der Timber Regulation und dem Lieferkettengesetz nur Holz aus wirklich nachhaltiger Forstbewirtschaftung mit einer EU-weit verbindlichen Definition von nachhaltiger Waldwirtschaft versehen werden. Wir können im Wettlauf gegen die Erderhitzung im Jahr 2021 niemandem ernsthaft erklären, dass Kahlschläge in der EU noch erlaubt sind!

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