Standpunkt Wasserstoff-Strategie: technologieoffen statt ideologisch

Wasserstoff soll eine Schlüsselrolle im Rahmen der Energiewende zukommen. Das entscheidende Ziel: die Dekarbonisierung. Deshalb muss die Wasserstoffstrategie der Bundesregierung technologieoffen bleiben – und auch den sogenannten blauen Wasserstoff berücksichtigen. Zudem soll der Wärme- und Mobilitätsmarkt einbezogen werden, fordern Joachim Pfeiffer, energiepolitischer Sprecher der Unionsfraktion, und Friedbert Pflüger, Leiter des EUCERS am Londoner King’s College, in ihrem Standpunkt.

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Die Nationale Wasserstoff-Strategie, die die Bundesregierung in Kürze beschließen will, zielt, wenn sie unverändert bleibt, in eine gefährliche Richtung. Sie engt die Herstellungswege von Wasserstoff zu stark ein. Es ist die Aufgabe der Politik, ambitionierte Klimaziele zu setzen – nicht aber technologische Vorgaben zu verordnen. Der aktuelle Entwurf ist nicht technologieoffen – er bedarf dringend der Korrektur. Auch in Coronazeiten muss es Zeit und Raum für die Debatte einer solchen energie- und klimapolitisch entscheidenden Weichenstellung geben.

In den letzten zwei Jahren hat sich ein energiepolitischer Grundkonsens herausgebildet, dass Wasserstoff als vielfältig einsetzbarer Energieträger eine Schlüsselrolle im Rahmen der Energiewende spielen soll. Wasserstoff ist als Gas auf der Erde reichlich vorhanden, er kann leicht transportiert und gespeichert werden. Deutschland verfügt über die dazu notwendigen technologischen und infrastrukturellen Voraussetzungen, weshalb Wasserstoff neben seiner klimapolitischen Bedeutung auch ein zentraler Innovationstreiber für die Industrie sein kann – sogar bei der energieintensiven Produktion in den Bereichen Chemie, Stahl oder Aluminium. Peter Altmaier gab deshalb das Ziel aus, dass Deutschland „bei Wasserstofftechnologien die Nummer Eins in der Welt“ werden solle.  

In diesem Sinne hatte das (federführende) Wirtschaftsministerium im Januar 2020 einen ersten innovationsfreundlichen Strategie-Entwurf präsentiert. Dieser wurde dann aber durch Interventionen der beteiligten Umwelt- und Forschungsressorts in einer Weise verändert, die man kaum anders als „ideologisch aufgeladen“ bezeichnen kann. In dem momentan maßgeblichen Entwurf vom 27.Februar geht es nicht mehr um einen Wettbewerb verschiedener Wasserstofftechnologien im Sinne Altmaiers, sondern nur noch um den Wasserstoff, der durch Elektrolyse auf der Basis erneuerbarer Energien gewonnen wird.

Zahlreiche technologische Optionen werden ausgeschlossen

Dieses Verfahren wird „grüner Wasserstoff“ genannt. Andere technologische Optionen, die Methan (CH4) als Basis nehmen (Erdgas, Biomasse oder gasifizierter Müll ), um durch sogenannte Dampfreformierung oder Methanpyrolyse zu Wasserstoff gelangen – sind inzwischen mit der Bezeichnung „blau“ oder „türkis“ belegt und an den Rand gedrängt, obwohl auch mit ihnen die CO2-freie Herstellung von Wasserstoff möglich ist. „Weißer“ Wasserstoff, der in einigen Weltgegenden als natürliches Vorkommen zu finden ist, kommt in der Regierungsvorlage gar nicht erst vor. 

Entscheidend für die Autoren der jetzigen Vorlage war offenbar nicht die Frage, wie am wirksamsten Dekarbonisierung betrieben werden kann, sondern dass dabei erneuerbare Energien eingesetzt werden. Dass das grundsätzlich wünschenswert wäre, ist Konsens. Aber wir haben in Deutschland nicht annährend genug Fläche für Solar- und Windenergie, um neben dem gewaltigen Strom- auch noch den Wasserstoffbedarf zu decken! Es besteht Einigkeit bei den Experten, dass wir bei einer solchen Festlegung große Mengen Wasserstoff importieren müssten.

Geraten wir so aber nicht in neue politische Abhängigkeiten, zum Beispiel zu den oft instabilen Staaten der MENA-Region? Was sind die ökologischen und ökonomischen Kosten einer neuen internationalen Wasserstoff-Transportwirtschaft? Der Aufbau einer Tankerflotte für Wasserstoff einschließlich der Verladeterminals wird in jeder Beziehung teuer werden und liegt in weiter Ferne. Elektrolyse verbraucht außerdem enorme Mengen Wasser, das überall, vor allem aber in den Gegenden, die sich zur Umwandlung von Sonnen- und Windenergie in Wasserstoff besonders eignen, ein knappes Gut ist.

Andererseits gibt es offenkundige Vorteile anderer Arten der Wasserstoffproduktion. Der Methanpyrolyse etwa stehen die erforderlichen Mengen durch Erdgas zur Verfügung. Die Transportinfrastruktur ist bereits weitgehend vorhanden, da sich die bestehenden Gaspipelines auch zur Leitung von Wasserstoff nutzen lassen. Bei der Pyrolyse entstehen keine CO2-Emmissionen, vielmehr wird fester Kohlenstoff, Graphit, abgeschieden, das sich als industrieller Rohstoff in der Bauwirtschaft, in der Industrieproduktion, aber auch als Dünger in der Landwirtschaft einsetzen lässt. Und schließlich: Die Wasserstofferzeugung durch Pyrolyse benötigt im Vergleich zur Elektrolyse fünfmal weniger Energie. Lebenszyklusanalysen zeigen, dass die Methanpyrolyse im Vergleich zur Elektrolyse emissionsärmer ist.

Alle Antworten scheinbar zu kennen ist Hybris oder Ideologie

Natürlich kann man über die Vor- und Nachteile jeder Wasserstoff-Technologie trefflich streiten. Es ist aber entweder Hybris oder Ideologie, wenn die Bundesregierung jetzt und hier glaubt, auf all diese Fragen bereits Antworten zu haben. Sie sollte sich auf die Definition von Zielvorgaben beschränken und diese durchsetzen – es aber Forschung, Technik und Wirtschaft überlassen, wie diese Ziele am besten erreicht werden können.

Der Wirtschaft sollte auch überlassen werden, in welchen Sektoren Wasserstoff in welchem Umfang eingesetzt werden sollte. Der Regierungsentwurf ist nicht technologie-, aber auch nicht sektorenoffen. Indem er die Wasserstoffnutzung auf Stromerzeugung, Industrie, Schiffs- und Flugverkehr beschränkt, wiederholt er die Fehler der ersten Phase der Energiewende: er lässt den Wärmebereich und den Straßenverkehr außen vor. So berauben wir uns der technischen Option, Wasserstoff in großen Rahmen zu produzieren und durch die entsprechenden Skaleneffekte schon bald wirtschaftlich und wettbewerbsfähig zu machen.    

Die Einteilung: Fossile (Kohle, Öl und Gas) sind per se „böse“, Erneuerbare sind von vornherein „gut“ ist schiere Ideologie. Hätte man zum Beispiel Kohle bei uns schon vor zwanzig Jahren durch Gas ersetzt – wie es die Briten mit ihrem „dash for gas“ in den neunziger Jahren taten – so wären wir heute bei der Dekarbonisierung viel weiter. Klimapolitik wird dann richtig gemacht, wenn sie die vorhandenen Mittel so einzusetzt, dass sie die größte Treibhausgasreduktion erzielen. Und zwar nicht in der fernen Zukunft, sondern heute und morgen. Also, liebe Regierung: Macht kraftvolle Klimapolitik, aber bitte pragmatisch und nicht ideologisch.

Dr. Friedbert Pflüger ist seit 2009 Gastprofessor am King’s College London, wo er das European Centre for Climate, Energy and Ressource Security (EUCERS) leitet. Er ist Geschäftsführender Partner von Pflüger International, GmbH.

Dr. Joachim Pfeiffer ist seit 2009 Energie- und seit 2014 energie- und wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

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