Naturschutz : Beschleunigung darf nicht auf der Straße enden
Spätestens heute, am 6. Juli, hätte das Natürliche-Infrastruktur-Gesetz im Kabinett sein sollen. Ist es aber nicht. Schlimmer noch: Es ist zu hören, dass ausgerechnet der Beschleunigungskern des Gesetzes verwässert werden soll. Dabei zeigen die Hitzetage gerade, warum Deutschland seine natürliche Infrastruktur nicht nur besser, sondern auch schneller sanieren muss, schreibt
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Schon längst hätte das Natürliche-Infrastruktur-Gesetz, kurz NatIf, im Kabinett liegen sollen. Das wäre politisch folgerichtig gewesen: Wer mit dem Infrastruktur-Zukunftsgesetz, kurz IZG, technische Infrastruktur schneller bauen will und dafür auf Ersatzgeld statt Realkompensation setzt, muss auch ermöglichen, natürliche Infrastruktur schneller zu sanieren, zu vernetzen und zu stärken. So hatten es die Regierenden auch im Koalitionsausschuss im Dezember 2025 vereinbart.
Dass das NatIf nicht im Kabinett ist, ist deshalb mehr als eine Terminverschiebung im Berliner Maschinenraum. Es ist ein politisches Fehlzeichen. Und wenn stimmt, was aus der Koalition zu hören ist, wird nicht nur verzögert, sondern auch verwässert: weniger Flächen für die Ersatzgelder, ein überragendes öffentliches Interesse nur für Flächen, die schon grün sind, und weniger strategische Kulisse.
Das wäre fatal. Denn das NatIf ist kein grünes Begleitgesetz. Es ist ein Beschleunigungsgesetz – nur eben für natürliche Infrastruktur. Ohne diese zweite Seite wird aus Beschleunigung keine Modernisierungsstrategie, sondern ein einseitiger Vorrang für Beton, Stahl und Asphalt.
Die Hitze zeigt, welche Infrastruktur Leben rettet
Die Hitze der vergangenen Tage ist kein Betriebsunfall des Sommers, sondern ein Stresstest für unsere Infrastruktur. Asphalt speichert Wärme. Versiegelte Plätze werden zu Heizplatten. Ausgetrocknete Böden nehmen Starkregen schlechter auf. Städte ohne Schatten, Gewässer ohne Raum und Landschaften ohne Wasserrückhalt werden unbewohnbarer, unproduktiver – und gefährlicher. Bereits vor den Hitzetagen der letzten Wochen wurden in Deutschland nach RKI-Schätzungen mehr als 800 hitzebedingte Todesfälle verzeichnet.
Deutschland braucht Kühlung, Schatten, Wasserspeicher, intakte Böden, Auen, Moore, Wälder, Gewässer und Stadtgrün. Nicht als landschaftsästhetische Beilage, sondern als öffentliche Daseinsvorsorge. Natürliche Infrastruktur kühlt Städte, speichert Wasser, schützt vor Hochwasser, stabilisiert Landschaften, sichert Ernten, entlastet Gesundheitssysteme und macht Kommunen handlungsfähiger.
Wer das immer noch für eine romantische Naturschutzforderung hält, hat die vergangenen Hitzetage vermutlich in einem gut klimatisierten Sitzungszimmer verbracht. Das ist angenehm, aber kein politisches Konzept.
Beschleunigung ist richtig – aber nicht alles, was schnell geht, ist zukunftsfähig
Die Bundesregierung hat beim Infrastruktur-Zukunftsgesetz verstanden: Deutschland muss schneller werden. Marode Brücken, überlastete Schienen, sanierungsbedürftige Wasserstraßen und stockende Planungsverfahren sind ein Standortproblem.
Deshalb bin auch ich nicht gegen Beschleunigung. Im Gegenteil. Deutschland kann sich nicht leisten, jede Brücke erst dann ernst zu nehmen, wenn sie gesperrt ist. Aber genau deshalb ist die Schieflage des IZG so problematisch. Inzwischen geht es nicht mehr nur um die Sanierung zwingend notwendiger Infrastruktur. Wenn auch Flughäfen, Lkw-Parkplätze und der Ausbau vierspuriger Bundesstraßen unter den Beschleunigungsschirm rutschen, muss man fragen dürfen: Beschleunigung wofür? Für welche Zukunft? Für welche Resilienz?
Die inflationäre Nutzung des überragenden öffentlichen Interesses wird die Wirkung des Instruments ad absurdum führen. Wenn immer mehr Vorhaben als überragend gelten, ist am Ende nichts mehr überragend. Dann entsteht kein klarer Vorrang, sondern neue Konkurrenz: Straße gegen Schiene, Flughafen gegen Windrad, Gewerbegebiet gegen Wasserrückhalt. Wird alles priorisiert, blockiert sich die Priorisierung gegenseitig.
Das überragende öffentliche Interesse ist ein scharfes Instrument. Gerade deshalb darf es kein politischer Allzweckstempel werden. Wer es wahllos verteilt, beschleunigt nicht, sondern verlagert Konflikte in Behörden, Gerichte und nachgelagerte Abwägungen.
Die eigentliche Bremse ist oft fehlende Ordnung
Der ursprüngliche Gedanke des NatIf war gut, weil er nicht gegen Beschleunigung argumentiert, sondern für bessere Beschleunigung. In der Praxis ist die eigentliche Bremse bei Infrastrukturprojekten oft nicht der einzelne Paragraf, sondern fehlende Ordnung: zersplitterte Flächenkulissen, spät auftauchende Konflikte, Nachkartierungen, Einzelverhandlungen und eine Kompensation, die jedes Projekt wieder neu auf Flächensuche schickt.
Wenn das IZG Verfahren beschleunigt, die Sanierung der natürlichen Infrastruktur aber im Klein-Klein bleibt, entsteht kein Tempo, sondern ein neuer Flaschenhals. Genau deshalb braucht das IZG seinen natürlichen Zwilling: vorbereitete, fachlich sinnvolle und rechtlich robuste Kulissen, in die Ersatzgelder schnell und wirksam fließen können. Sonst wird aus Beschleunigung ein Verschiebebahnhof.
Verwässerung zerstört die Beschleunigung
Besonders problematisch wäre, wenn genau jene Elemente wegfallen, die aus dem NatIf ein echtes Umsetzungsinstrument machen sollten: eine breite Kulisse für natürliche Infrastruktur mit starkem Biotopverbund sowie robuste Wege, Ersatzgelder aus dem IZG dorthin zu lenken, wo sie die natürliche Infrastruktur sanieren.
Wenn das Vorkaufsrecht gestrichen wird, fehlt ein praktisches Instrument die Ersatzgelder in die Fläche zu bringen. Wenn das überragende öffentliche Interesse nur noch für Flächen gilt, die schon saniert sind, ist das reine Abwehr statt Gestaltung. Das ist keine robuste Infrastrukturpolitik.
Noch schiefer wird das Bild, wenn das IZG immer weitere technische Vorhaben beschleunigt, während die natürliche Infrastruktur auf Restflächen und Sonderprogramme zusammengeschnitten wird. Dann lautet die Botschaft: Vorfahrt für Beton, Verhandlungsschleifen für Auen. Überragendes öffentliches Interesse für Straßen, Haushaltsvorbehalt für Wasserrückhalt. Tempo für Flughäfen, Fußnoten für Moore. So wird man ein Land nicht krisenfester machen.
Was ein starkes NatIf leisten müsste
Ein robustes NatIf kann Deutschland vom zufälligen Ausgleich zur strategischen Schutzinfrastruktur bringen: Auen wieder an Flüsse anbinden, Moore reaktivieren, Wälder klimaresilient umbauen, Kaltluftschneisen sichern, Gewässer stabilisieren und Lücken im Biotopverbund schließen. Entscheidend ist, nicht dort zu kompensieren, wo der Acker gerade billig ist, sondern dort, wo Funktionen gestärkt werden: Kühlung, Wasserrückhalt, Hochwasserschutz, Bodenschutz und Grundwasserneubildung.
Dafür braucht es Flächenkulissen, Pools, Ökokonten, Flächenagenturen und langfristige Verträge. Und es braucht die Landwirtschaft als Partnerin. Wenn Ökosystemleistungen leitend sind, ist Kompensation nicht Flächenentzug, sondern nachhaltige Flächennutzung. Sie kann kooperativ und produktionsintegriert organisiert werden – durch Gewässerrandstreifen, Hecken, Feldgehölze, Humusaufbau, Wasserrückhalt oder Wiedervernässung auf geeigneten Standorten.
Wer Beschleunigung ernst meint, darf sie nicht halbieren
Eine weitere Verzögerung des NatIf ist nicht verwaltungstechnisch ärgerlich, sondern politisch unverantwortlich. Eine Verwässerung wäre noch schlimmer. Das Signal wäre: Deutschland baut schneller, wird aber verletzlicher statt widerstandsfähiger.
Ein gutes NatIf ist kein Bremsklotz. Es ist ein Beschleuniger: Es macht Kompensation planbar, senkt Projektrisiken, bündelt Ersatzgelder und saniert natürliche Schutzinfrastruktur schneller. Genau so entstehen weniger Genehmigungsstau, weniger Rechtsunsicherheit, weniger Flächensafari – und Landschaften, die Hitze, Dürre und Hochwasser besser puffern.
Deutschland braucht Brücken und Bahnen. Aber es braucht auch Auen, Moore, Wälder, Gewässer, Böden und Stadtgrün. Das IZG braucht seinen natürlichen Zwilling – nicht als Feigenblatt, sondern als tragende Konstruktion.
Wer Beschleunigung ernst meint, darf sie nicht halbieren.
Kai Niebert ist Präsident des Deutschen Naturschutzrings. Der Nachhaltigkeitsexperte forscht und lehrt zudem an der Universität Zürich. Niebert begleitet die Koalitionsverhandlungen im Bereich Umwelt und Landwirtschaft.
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