Offshore-Windenergie : Die Bundesregierung muss jetzt die Kurve kriegen
Die gescheiterte Auktion für Offshore-Windparks ist ein Symptom für politischen Stillstand, warnt BWO-Geschäftsführer Stefan Thimm. Jetzt brauche es kurzfristige Anpassungen beim Auktionsdesign, bei den Investitionsbedingungen und der Infrastruktur. Vorbild sollte Großbritannien sein.
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Die Nachricht kam nicht überraschend, aber sie wirkt nach: Für zwei Offshore-Windflächen in der Nordsee – zusammen 2.500 Megawatt stark – hat sich kein Unternehmen beworben. Die Auktion ist gescheitert. Und mit ihr ein Baustein der deutschen Energiewende. Was in der Öffentlichkeit wie ein Rückschlag im Tagesgeschäft wirken mag, ist in Wahrheit ein Weckruf: So kann die Energiewende nicht gelingen.
Seit Jahren weist der BWO darauf hin, dass das bestehende Auktionsdesign ungeeignet ist. Es zwingt Projektentwickler dazu, Milliardeninvestitionen unter Bedingungen einzugehen, die sie nicht beeinflussen können, etwa bei Umweltauflagen, Genehmigungsrisiken oder sich verändernden Zeitplänen beim Netzanschluss. Gleichzeitig fehlen verlässliche Absicherungen. Das hat mit Marktwirtschaft wenig und mit Investitionssicherheit gar nichts zu tun.
Deutschland braucht Strom, sieben Tage pro Woche und 24 Stunden jeden Tag. Und zwar viel davon. Aber selbst dort, wo die Bedingungen ideal sind für klimafreundliche und wirtschaftlich tragfähige Stromerzeugung – offshore, mit stabilen Windverhältnissen – werden Projekte nicht mehr realisiert, weil der gesetzliche Rahmen nicht stimmt. Die gescheiterte Auktion zeigt: Die Bundesregierung ist dabei, das Rückgrat der Energiewende zu verspielen. Der Offshore-Wind-Ausbau droht, an den eigenen Regeln zu scheitern.
Ein strukturpolitischer Schaden
Der Schaden ist nicht nur klimapolitisch, sondern auch industriepolitisch enorm. Wer den Offshore-Wind-Ausbau ausbremst, verhindert nicht nur grüne Energie, sondern auch Wertschöpfung, Beschäftigung und industrielle Zukunft in Deutschland und Europa. Die Branche könnte – wenn die Rahmenbedingungen stimmen – bis 2045 allein in Deutschland über 200 Milliarden Euro investieren. Die gesamte Wertschöpfungskette profitiert, von den Anlagenzertifizerern über die Logistik und die Stahlproduktion bis zu den Werften für Konverterplattformen und den Schiffsbau.
Doch statt Verlässlichkeit erleben Unternehmen gerade das Gegenteil: steigende Risiken, unklare Perspektiven, fehlende Infrastruktur. Schon heute werden entscheidende Komponenten für Offshore-Windparks fast ausschließlich in Asien produziert. Wenn wir nicht handeln, droht bei der Windenergie auf See das gleiche, was wir bei Solarmodulen längst erlebt haben: Der Markt wächst, aber nicht bei uns in Deutschland.
Um das zu verhindern, braucht es industriepolitischen Gestaltungswillen. Die im Koalitionsvertrag angekündigte Unterstützung deutscher Werften beim Einstieg in die Fertigung von Konverterplattformen ist ein Anfang. Ebenso die Hafenstrategie. Entscheidend ist aber die Umsetzung. Wer mehr Offshore-Windenergie will, muss auch investieren: in Werften, Kraninfrastruktur, Schwerlastflächen, Fachkräfte. Und in einen Markt, der zuverlässig Nachfrage erzeugt.
CfDs – kein Subventionsmodell, sondern industriepolitisches Werkzeug
Großbritannien zeigt, wie es geht. Mit dem System der Contracts for Difference (CfD) hat das Land ein Instrument geschaffen, das Investoren Planungssicherheit gibt und gleichzeitig den Staatshaushalt schont. Contracts for Difference führen zu einer Reduktion der Stromerzeugungskosten um bis zu 30 Prozent – die Grundlage für wettbewerbsfähige Strompreise. Ohne diese Reform könnten weitere Ausschreibungen scheitern und mit ihnen die Energiewende.
Deshalb begrüßen wir ausdrücklich, dass Bundeswirtschafts- und Energieministerin Reiche sich für ein Auktionssystem nach britischem Vorbild ausgesprochen hat. Das politische Fenster ist offen. Aber wenn die neuen Regeln bereits 2026 gelten sollen, muss es jetzt schnell gehen. Zusätzlich braucht es weitere Maßnahmen, um den Investitionsstandort Deutschland zu stärken. Ein weiterer Marktausfall muss verhindert werden
Was jetzt sofort geändert werden muss
Der BWO schlägt kurzfristige Anpassungen am Windenergie-auf-See-Gesetz vor, die schnell umsetzbar sind:
•Realistischere Umsetzungsfristen für Offshore-Windparks und sachgerechte Pönalen, die der Projektwirklichkeit entsprechen
•Ein Weiterbetrieb von Offshore-Windenergieanlagen – Genehmigungen für bis zu 35 statt derzeit 25 Jahren, um Investitionen besser zu amortisieren
•Faire Entschädigungsregeln bei Störung oder Verzögerung der Netzanbindung
•Pragmatische Regelungen für den Rückbau. Der aktuell im Windenergie-auf-See-Gesetz vorgesehene vollständige Rückbau würde auch gewachsene Ökosysteme und die Tragfähigkeit des Meeresbodens für Jahrzehnte zerstören – dies nach ökologischen Kriterien zu prüfen wäre eine nachhaltige Lösung.
•Eine unbürokratische Umsetzung des Net Zero Industry Act, ohne unnötige Handelsbarrieren
•Vermeidung von Belastungen für Investoren, durch Risiken, die nicht in ihrer Einflussphäre liegen.
Diese Maßnahmen können kurzfristig helfen, Vertrauen in den deutschen Markt zurückzugewinnen. Mittelfristig muss das Ziel ein robustes CfD-System sein, das europäisch anschlussfähig ist – flankiert durch PPAs für Industriepartner.
Eine strategische Entscheidung steht an
Was jetzt gebraucht wird, ist ein industriepolitischer Masterplan für Offshore-Wind. Die Nationale Hafenstrategie ist dafür ein erster Baustein. Aber es fehlt ein Gesamtkonzept für resiliente Lieferketten, Kapazitätsaufbau in der Produktion und eine nachhaltige Finanzierung. Offshore-Wind ist ein Schlüssel zur grünen Transformation in Deutschland. Ohne strukturpolitische Flankierung wird das Potenzial dieser Technologie und der Branche nicht gehoben.
Der Internationale Gerichtshof hat im Juli unmissverständlich erklärt: Staaten, die ihre Klimaschutzpflichten verletzen, müssen mit Klimaschadensklagen rechnen. Offshore-Wind ist einer der wenigen Sektoren, der kurzfristig skalierbar ist und gleichzeitig bezahlbaren Strom liefern kann. Deshalb ist es nicht nur klug, sondern notwendig, hier wieder realistische Rahmenbedingungen zu bieten.
Die gescheiterte Auktion muss ein Einzelfall bleiben. Sie ist ein Systemfehler und ein Symptom für politischen Stillstand. Jetzt braucht es eine Kurskorrektur: beim Auktionsdesign, bei den Investitionsbedingungen, bei der Infrastruktur. Wer auf Offshore-Wind setzt, setzt auf Energiesouveränität, auf industrielle Stärke und auf echten Klimaschutz. Aber dafür müssen die Regeln stimmen. Die Zeit für halbe Lösungen ist vorbei.
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