Erneuerbare Energien : Die EEG-Novelle muss Pragmatismus mit Visionen verbinden
Einen „Herbst der Reformen“ hat Bundeskanzler Friedrich Merz angekündigt. Auch das wichtigste Gesetz für die Erneuerbaren überhaupt, das EEG, soll novelliert werden. Hier ist besonderes Augenmerk angebracht, empfiehlt Ursula Heinen-Esser, die neue Präsidentin des Dachverbandes BEE.
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Das EEG ist eine deutsche Erfolgsgeschichte: Es hat den Erneuerbaren ermöglicht, innerhalb kurzer Zeit von einer Nischentechnologie zu den größten Energieträgern im deutschen Strommix zu werden. In diesem Jahr wurde es 25 Jahre alt. Die nun anstehende Novelle muss mehr tun, als nur den Status quo zu halten: Sie muss die Weichen für die Zukunft stellen.
Die EEG-Novelle ist momentan noch eine Blackbox. Aus dem Monitoring-Bericht des BMWE sowie dem von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche vorgestellten Zehn-Punkte-Plan lassen sich jedoch schon einige Schlüsse ziehen. Zum einen hat die Ministerin für den Ausbau der Erneuerbaren das energiepolitische Zieldreieck „sicher, bezahlbar, klimaneutral“ formuliert. Zum anderen stellt der Monitoringbericht sehr deutlich heraus, dass der Ausbau von Flexibilitäten im Energiesystem gefördert werden sollte. Nicht nur im Interesse der Versorgungssicherheit, sondern auch zur Steigerung der Kosteneffizienz. Änderungen am bisherigen EEG sind also zu erwarten. Aber welcher Art und wie umfangreich diese Änderungen sein werden, ist aktuell noch offen.
Ambitionierte Strombedarfsziele
Eine Novelle des EEG muss dafür sorgen, dass die aktuelle Ausbaudynamik beibehalten werden kann. Dafür gilt es, die Strommengenpfade sowie die Ausbauziele zu erhalten. Aktuell gibt das EEG die Ausbaupfade der Erneuerbaren Energien bis ins Jahr 2040 vor. Wir blicken hier also schon heute 15 Jahre in die Zukunft. Für das Jahr 2030 prognostiziert der Monitoringbericht zur Energiewende einen Strombedarf von 600 bis 700 Terawattstunden. Die Spanne ist sehr breit und zeigt damit die Unsicherheiten solcher Prognosen. Für den BEE ist klar: Der obere Rand dieses Korridors muss maßgeblich sein.
Eine Bundesregierung, die an die eigene Wirksamkeit glaubt, sollte bei der Betrachtung künftiger Strombedarfe eine wirtschaftliche Erholung und den gewünschten Aufschwung mit einbeziehen. Vor dem Hintergrund des Ziels, Deutschland zu einem Zentrum für Rechenzentren und KI-Anwendungen zu machen, sollte sogar mit einem noch höheren Strombedarf kalkuliert werden. Eine Untersuchung der Internationalen Energieagentur hat erst kürzlich ergeben, dass sich in den kommenden fünf Jahren der globale Stromverbrauch durch Rechenzentren verdoppeln wird. Mit diesem Wissen im Hinterkopf sollten über die 700 TWh hinaus großzügige Puffer eingeplant werden.
Ein besseres Netz mit entfesselten Flexibilitäten
Ein Hemmnis für einen schnellen und effizienten Ausbau der Erneuerbaren bleibt indes das Netz. Verzögerungen beim Netzanschluss sorgen dafür, dass bereits gebaute Anlagen ihr Potenzial nicht ausschöpfen können. Gleiches gilt für den Ausbau von Speichern, denen als Flexibilitätsoption im Netz eine zentrale Rolle zukommt. Wir werben um pragmatische Lösungen, mit denen die bestehende Netzinfrastruktur effizienter genutzt werden könnte. Hier ist vor allem die Überbauung von Netzverknüpfungspunkten (NVP) zu nennen. Das Prinzip ist simpel: Da wetterbedingt Wind- und Solarenergie in der Regel nicht gleichzeitig Strom produzieren, sondern sich komplementär zueinander verhalten, kann man Windenergieanlagen und Photovoltaikanlagen an denselben Netzverknüpfungspunkt anschließen. Wird dann am selben NVP auch noch ein Speicher angeschlossen, ist man auch für die vergleichsweise seltenen Tage mit vielen Sonnenstunden und starken Winden abgesichert.
Grüner Wasserstoff ist ein weiterer zentraler Baustein für eine erfolgreiche Energiewende. Ihm kommt dabei eine Doppelfunktion zu: Einerseits ist Wasserstoff, der durch Elektrolyse erzeugt wird, ein Speichermedium für Strom, der nicht ins Netz eingespeist werden kann. Somit ist er Teil der Flexibilitäten im Netz. Andererseits ist grüner Wasserstoff essentiell, um hochenergetische Industrieprozesse, vor allem in der chemischen Industrie, der Aluminiumherstellung, der Stahlindustrie oder der Glasverhüttung zu dekarbonisieren. Eine dekarbonisierte Industrie ist auf große Mengen grünen Wasserstoffs angewiesen.
Aktuell ist dieser noch sehr teuer. Auch hier hat es die Bundesregierung in der Hand, die Weichen so zu stellen, dass in Deutschland eine erfolgreiche heimische Wasserstoffwirtschaft entsteht. Dies lässt sich beispielsweise durch die Schaffung von Leitmärkten und Quoten treiben, oder durch eine gesicherte Abnahme bei Projekten der öffentlichen Hand. Ein Beispiel wäre die Einführung einer Grünstahlquote beim Ausbau des Schienennetzes der Deutschen Bahn. Auch eine gesicherte Abnahme durch den Bau von H2-ready Gaskraftwerken würde Anreize setzen, in Wasserstoffprojekte zu investieren. Es braucht deshalb gerade beim Thema Wasserstoff kein Verwässern der Ziele, sondern vielmehr echte Ambition und Tatkraft, damit dieser Baustein der deutschen Energiezukunft kostengünstig und in großen Volumina zur Verfügung steht.
Auch der Bioenergie kommt als flexibel steuerbares, erneuerbares Backup für Zeiten mit geringer Einspeisung aus Wind- und Solarenergie eine wichtige Rolle im Netz zu. Bioenergie kann in den Bereichen Wärme, Verkehr und Industrie einen starken Beitrag zur Kostensenkung leisten. Leider werden diese Potenziale gegenwärtig noch nicht in angemessener Form berücksichtigt. Hier kann über eine Flexibilisierung des Bestands an Biogasanlagen die Leistung deutlich erhöht werden. Dem sollte ebenfalls Rechnung getragen werden.
Finanzierung und Akteursvielfalt absichern
Zu guter Letzt muss bei der Novelle des EEG darauf geachtet werden, dass die wirtschaftlichen Grundlagen für Erneuerbaren-Projekte erhalten bleiben. Einer der großen Erfolgsfaktoren der Energiewende ist, dass die Bürgerinnen und Bürger an ihr teilhaben können. Sei es im Kleinen durch die Solaranlage auf dem eigenen Hausdach oder im Großen durch Bürgerenergieprojekte für eigene Anlagenparks. Besonders derartige Projekte profitieren davon, dass die derzeitige gesicherte Vergütung auch den Banken Sicherheit und Planbarkeit bietet. Somit können sich beispielsweise Bürgerenergiegesellschaften zu günstigen Konditionen Geld leihen, um ihre Projekte zu verwirklichen. Käme es hier zu einem Wegfall der Absicherung, verlieren wir Akteure, die gebraucht werden. Denn die Energiewende findet vor Ort statt und wird in den Gemeinden und durch die Bürgerinnen und Bürger getrieben. Hier ist Fingerspitzengefühl bei den Reformen gefragt.
Bei der Novelle des EEG gilt es viele Stellschrauben zu bewegen. Dann wird die Energiewende effizienter. So verbindet sich ein ambitionierter Blick in die Zukunft mit einer echten Vision für die Gestaltung eines klimaneutralen Landes. Helmut Schmidt sagte einmal, wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. Aber auch einem geschätzten Elder Statesman darf man klar widersprechen: Ohne Visionen geht es in der Politik nicht, sonst verkommt sie zu Flickschusterei und Besitzstandsverwaltung. Wer Visionen hat, der soll die Zukunft gestalten.
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