Energietechnologie : Die Welt wartet bei der Kernfusion nicht auf Deutschland
Die Bundesregierung hat für die Fusionstechnologie ambitionierte Ziele gesetzt. Um sie erreichen zu können, müssen sich Deutschland und die EU beeilen, mahnt Olga Bakardziehva vom internationalen Branchenverband Fusion Industry Association. Denn der Rest der Welt schläft nicht. Handelt Deutschland proaktiv und übernimmt eine Führungsrolle in Europa, stehen die Chancen gut.
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„Unser Ziel ist: Der erste Fusionsreaktor der Welt soll in Deutschland stehen.“, so steht es im Koalitionsvertrag von 2025. Beim Nordseegipfel im Januar in Hamburg bestätigte Bundeskanzler Friedrich Merz dieses Ziel noch einmal und die Bundesregierung hat bereits einiges getan: Fusion wird als eine von sechs Schlüsseltechnologien in der deutschen High Tech-Agenda aufgeführt, das Bundeskabinett hat einen Aktionsplan auf den Weg gebracht, das Forschungsministerium hat Eckpunkte für die Schaffung von Fusion-Hubs vorgelegt und die verantwortliche Ministerin Dorothee Bär nahm vor Kurzem persönlich an einer Anhörung in Brüssel zur EU-Fusionsstrategie teil. Im Februar fand in München die große Investmentkonferenz FusionX:Global statt. Es läuft alles gut aus deutscher Sicht, könnte man meinen.
Noch in diesem Quartal will die EU-Kommission eine Strategie für die Fusionsenergie vorlegen. Eine Anhörung des Europäischen Parlaments Ende Januar in Brüssel zeigte, worauf es dabei ankommt: Im Mittelpunkt der Diskussionen stand die Frage, wie die politische Unterstützung für die Fusion in konkrete industrielle Chancen umgesetzt werden kann, die an der Schnittstelle zwischen Energiesicherheit, industrieller Wettbewerbsfähigkeit und Innovationspolitik liegen.
Die Teilnehmer, darunter die EU-Kommissarin für Start-ups, Forschung und Innovation Ekaterina Sachariewa, Forschungsministerin Dorothee Bär und die deutsche EP-Abgeordnete Hildegard Bentele (CDU), waren sich einig, dass es angesichts von sieben Fusions-Start-ups in der EU eine gute Chance auf eine Führungsrolle bei dieser Technologie gibt. Dafür muss Europa nun von den Ambitionen zur Umsetzung übergehen, die EU-Fusionsstrategie dürfte maßgeblich über den Erfolg entscheiden.
Vom Gemeinschaftsprojekt zum Wettlauf
Lange Zeit galt Fusionsenergie als Forschungsprojekt unter der Leitung nationaler Programme und internationaler Bemühungen. Eines dieser Programme ist der International Thermonuclear Experimental Reactor (kurz: ITER), der sich in Frankreich im Bau befindet und an dem neben der EU auch die USA, China, Japan, Südkorea, Indien und Russland beteiligt sind. Doch diese Kooperation kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Wettlauf um die technische und kommerzielle Umsetzung von Fusionsenergie immer stärker zwischen einzelnen Unternehmen in verschiedenen Staaten ausgetragen wird, allen voran China und die USA.
Großbritannien hat als erstes Land eine Regulierung für Fusion erlassen, die USA sind gefolgt. Japan hat kürzlich seine nationale Strategie überarbeitet und beabsichtigt, bis zum Jahr 2030 die Energiegewinnung durch Kernfusion zu realisieren, was auf eine separate Regulierung für die Kernfusion hindeutet. Will Europa bei Fusion eine Führungsrolle spielen, muss es alle technologischen Verfahren unterstützen und gleichzeitig über ITER hinaus die Fusionsanwendung ausweiten.
Starkes privatwirtschaftliches Engagement in den USA
Allein Kalifornien beherbergt zehn Fusions-Start-ups. Das ist kaum verwunderlich, gelang es doch hier 2022 erstmals, in einem Labor bei der Verschmelzung mehr Energie zu gewinnen als zu verbrauchen. Die USA gelten als führend bei der Fusionsforschung und auch bei ihrer Regulierung. Im Jahr 2024 legte der Fusion Energy Act die Grundlage für eine eigenständige Regulierung dieser Technologie, getrennt von der Kernspaltung.
Der private Fusionssektor in den USA schreitet dank Investitionen von über 7,5 Milliarden US-Dollar zügig voran. Das US-Energieministerium hat für öffentlich-private Partnerschaften Meilensteinprogramme eingeführt, bei denen sich die Förderung an klar definierten wissenschaftlichen und technischen Zwischenschritten orientiert. Private Unternehmen, die Risikokapital und neuartige Technologien nutzen, machen inzwischen bedeutende Fortschritte.
China drückt aufs Tempo
Eine bemerkenswerte Entwicklung bei der Technologie hat es in den vergangenen Jahren in China gegeben. Dort ist Fusion nationale Priorität und im Fünfjahresplan verankert, werden Ressourcen in atemberaubendem Tempo mobilisiert. Das Land stellt seine wachsende Kompetenz in der Plasmaphysik und -steuerung unter Beweis, entwickelt eigene Fusionskonzepte und tätigt hohe Investitionen – im vergangenen Sommer wurden zusammen mit privaten Investoren 2,1 Milliarden US-Dollar in ein neues staatliches Fusionsunternehmen investiert, das ist das 1,5-fache des jährlichen Budgets des US-Energieministeriums für Fusion. Seit 2023 dürfte China zwischen 6,5 und 13 Milliarden US-Dollar öffentliches und privates Kapital für Fusionsprojekte realisiert haben.
Gleichzeitig verfügt das Land über die Fähigkeiten im Ingenieur- und Bauwesen, um Fusionskraftwerke im industriellen Maßstab zu bauen und zu betreiben. Selbst wenn also anderswo ein Durchbruch beim technischen Verfahren gefunden wird, könnte China dieses als erstes Land in großem Umfang zur kommerziellen Anwendung bringen.
Was es für Deutschland braucht
Die Wettbewerber kommen mit koordinierten Modellen schnell voran, ohne rasches Handeln werden Deutschland und Europa an Boden verlieren. Will die Bundesregierung ihr Ziel erreichen, muss sie jetzt handeln und in Europa eine Führungsrolle übernehmen.
Mit den vier aktiven Fusions-Startups — Proxima Fusion, Focused Energy, Marvel Fusion und Gauss Fusion – hat Deutschland gute Voraussetzungen. Doch damit wirklich das erste Fusionskraftwerk in Deutschland errichtet werden kann, braucht es klare Rechtsvorschriften, die zwischen Fusion und Kernspaltung unterscheiden. Die Größe des Ziels erfordert eine stärkere öffentlich-private Zusammenarbeit, die Start-ups direkt einbindet. Analog zu den kommerziell-ausgerichteten Meilensteinprogrammen des US-Energieministeriums sollte auch die Bundesregierung klar definierte wissenschaftliche und technische Zwischenschritte und Erfolge vergüten, um damit private Investitionen zu fördern und Umsetzungsrisiken zu verringern.
Der Wettlauf um die Energiequelle der Zukunft ist eröffnet. Deutschland hat dabei gute Chancen, in Europa und weltweit eine Vorreiterrolle einzunehmen. Dafür müssen aber jetzt notwendige Entscheidungen getroffen und verlässliche Rahmenbedingungen geschaffen werden.
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