Stromnetz : Ein „Smart Meter Light“ ist unnötig
Der Rollout intelligenter Messsysteme nimmt Fahrt auf. Zugleich wird über ein „Smart Meter Light“ diskutiert, mit dem die Verbreitung moderner Stromzähler noch beschleunigt werden könnte. Claudia Lorenz vom ZVEI hält das für einen Irrweg und plädiert dafür, den eingeschlagenen, cybersicheren Weg weiterzugehen.
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Die Bundesregierung will den Smart-Meter-Rollout weiter beschleunigen. Sehr gut – doch gleichzeitig steht nun erneut die Einführung eines sogenannten „Smart Meter Light“ im Raum. Das ist eine Diskussion um eine technische Parallellösung, die auf den ersten Blick nach einer schnellen, einfach umzusetzenden Alternative klingt, sich bei genauerem Hinsehen aber als Komplexitätsfalle und als unnötig entpuppt.
Erstens, weil ein kosteneffizientes, versorgungssicheres, resilientes Stromsystem marktdienliches Verhalten mit netzdienlichem Verhalten kombinieren muss. Ein intelligentes Messsystem besteht aus zwei Teilen: einem digitalen Stromzähler (moderne Messeinrichtung), und einer sicheren Kommunikationseinheit, dem Smart Meter Gateway (SMGW). Da unsere Energieversorgung zur kritischen Infrastruktur gehört, erfüllt das iMSys hohe Anforderungen für einen sicheren Datenaustausch zwischen Netzbetreibersystemen und Hausanschluss – und wird vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik geprüft und zertifiziert.
Durch dieses Zusammenspiel wird nicht nur einfach der Stromverbrauch gemessen und weitergegeben, sondern ein Beitrag zur Erfassung des Netzzustands möglichst in Echtzeit geleistet. So kann, wenn notwendig, ein Engpass im Stromnetz durch steuernde Eingriffe behoben werden. Dieses sichere Senden und Empfangen von Signalen in beide Richtungen ist grundlegend für ein modernes Stromsystem, das auf schwankende Einspeisungen aus Erneuerbaren und einen zunehmend schwankenden Verbrauch reagieren muss.
Kein Beitrag zur Netzstabilität
Bisher wabert das „Smart Meter Light“-Konstrukt als Buzzword durch die Energiebranche, ein allgemeines Verständnis oder gar eine offizielle Definition gibt es bis jetzt nicht. Aber klar ist: Eine Lösung, die im Kern rein die Verbrauchsdaten ausliest, würde zu kurz greifen. So würde zwar die Nutzung variabler Stromtarife vermeintlich einfacher, was bei einer Anpassung des eigenen Stromverbrauchs gut für den eigenen Geldbeutel sein kann. Einen Beitrag für die regionale Stromverteilung oder bessere Aussteuerung des Stromnetzes und damit die Netzstabilität wird das aber nicht liefern. Dafür braucht es auch einen Rückkanal für aktives Engpassmanagement.
Zweitens, weil wir mit den BSI-zertifizierten Smart-Meter-Gateways bereits eine cybersichere Lösung in der Umsetzung haben, hinter der sich alle Beteiligten versammelt haben, inklusive des Elektrohandwerks. Die digitale Infrastruktur unserer Stromversorgung muss als Teil der kritischen Infrastruktur besonders geschützt werden. Zurecht – die Konsequenzen des Anschlags in Berlin Anfang des Jahres dürften noch präsent sein. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an Datenschutz und IT-Sicherheit.
Das fordert übrigens auch die deutsche Bevölkerung ein: Eine ZVEI-Umfrage von 2025 zeigt, dass über 80 Prozent der Deutschen der IT-Sicherheit und dem Datenschutz bei Smart Metern höchste Bedeutung beimessen. Und das unabhängig von Alter und Region. Der Ruf nach sicherer Energieversorgung und die Angst vor Fernsteuerung aus dem Ausland ist aktuell größer, denn je. Auch im jüngsten Reformpaket der Bundesregierung ist daher von einer cybersicheren Lösung die Rede – und ohnehin werden ab 2027 europaweit die Anforderungen durch den Cyber Resilience Act weiter verschärft.
Mit einem „Smart Meter Light“ würde vieles schwerer
Wie man es also dreht und wendet: Eine zusätzliche, vereinfachte Lösung müsste all diese Sicherheitsanforderungen ebenfalls bringen. Dabei haben wir mit den BSI-zertifizierten Smart-Meter-Gateways eine breit unterstützte Lösung bereits in der Umsetzung – wo ist also da der Sinn?
Und drittens, weil eine weitere technische Lösung zusätzliche Schnittstellen, parallele Backend-Systeme und unterschiedliche Standards bedeutet. Das kostet Zeit, Geld, Personal und hat wenig mit der Entschlackung von Prozessen und Entbürokratisierung zu tun. Ein „Smart Meter Light“ hätte damit nicht zu unterschätzende strukturelle Folgen. Und spätestens mit dem Einbau einer steuerbaren Verbrauchseinrichtung, also einer Wärmepumpe, einer PV-Anlage oder einer Wallbox, ist der Einbau eines iMSys Pflicht und muss dann nachgerüstet werden.
Zudem konterkariert es die Anstrengungen der vielen kleinen und mittleren Messstellenbetreiber, die mühsam Prozesse angestoßen haben und jetzt umsetzen. Wer heute als Messstellenbetreiber in der Fläche begonnen hat, intelligente Messsysteme auszurollen, landet damit im strukturellen Niemandsland.
Die Realität ist diese: Der Rollout intelligenter Messsysteme nimmt endlich Fahrt auf. Mit den stärker eingebundenen wettbewerblichen Messstellenbetreibern sowie der 1:n-Lösung – hier können über ein SMGW mehrere Parteien in einem Haus abgedeckt werden – lassen sich nun auch Mehrparteienhäuser einfach bestücken und der Ausbau wird auf deutlich mehr Schultern verteilt.
Bis Ende 2027 fast acht Millionen intelligente Messsysteme
Ende 2025 waren bereits mehr als drei Millionen intelligente Messsysteme in Deutschland installiert. In den relevanten Pflichteinbaufällen (über 6000 kWh Strombezug, PV-Anlagen über 7 kWp, Wärmepumpen und Ladesäulen ab 4,2 kW) liegt die Ausstattungsquote bei rund 23 Prozent, das gesetzliche Ziel von 20 Prozent wurde damit sogar noch übertroffen. Wenn wir den eingeschlagenen Weg fortsetzen, schaffen wir laut BSI bis Ende 2027 nahezu acht Millionen.
Diese Dynamik zeigt: Der eingeschlagene Weg funktioniert. Und auch die Bevölkerung zieht mit: 60 Prozent der vergangenes Jahr Befragten wünschen sich einheitliche Smart-Meter-Systeme, um regionale Unterschiede und teure Nachrüstungen zu vermeiden.
Ja, es ist ein Marathon, kein Sprint – wir brauchen Durchhaltevermögen, wir brauchen die Skalierung im Feld, damit die iMSys ihr ganzes Potenzial ausschöpfen können. Aber Deutschland hat sich bewusst für ein cybersicheres Smart Grid entschieden und dafür den Rahmen geschaffen.
Es gibt derzeit keinen Grund, eine Light-Variante wegen vermeintlich höherem Tempo, mehr Anwendungsfällen oder geringeren Anforderungen an Cybersicherheit einzuführen. Wir müssen den begonnenen Weg weitergehen – ohne ständigen Zickzack-Kurs bei grundlegenden Themen. Denn ein solcher schafft für alle Beteiligten gleichermaßen unnötige Unsicherheiten, neue Verzögerungen und am Ende höhere Kosten für alle.
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