Energieinfrastruktur : Energiewende-Nadelöhr: Netzanschlüsse entscheiden über Investitionen
Der Bedarf an elektrischer Anschlussleistung steigt historisch schnell, die Infrastruktur kommt dem nicht hinterher. Ein Netznaschlusspaket kann diese Knappheit intelligent managen, schreibt VIK-Hauptgeschäftsführer Christian Seyfert. Ziel müsse es sein, Netzanschlüsse dort zu ermöglichen, wo sie reale Wertschöpfung ermöglichen.
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Die energieintensive Industrie steht vor einer der größten Umbruchphasen ihrer Geschichte. Produktionsprozesse sollen elektrifiziert, Wasserstoff integriert und Emissionen reduziert werden. Gleichzeitig muss die internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleiben. Doch diese Transformation gerät an einer ganz grundlegenden Stelle ins Stocken. Es fehlt nicht an Ambition und häufig auch nicht an Kapital. Es fehlt an Zugang zu kritischer Netzinfrastruktur, dabei im Vordergrund: die Möglichkeit für einen zeitnahen Anschluss an das Stromnetz.
Der Netzanschluss hat sich zu einem zentralen Nadelöhr der Energiewende entwickelt. In vielen Regionen entscheidet er faktisch darüber, ob Investitionen realisiert, verschoben oder vollständig aufgegeben werden. Netzkapazitäten sind knapp, Umspannwerke ausgelastet und Anschlusspunkte über Jahre hinweg blockiert. Selbst dort, wo theoretisch Kapazitäten verfügbar wären, verhindern langwierige Verfahren, fehlende Transparenz oder technische Vorgaben eine kurzfristige Umsetzung. Für Unternehmen mit langfristigen Investitionshorizonten ist das ein bedeutendes Hemmnis im gesamten Transformationsprozess.
Das bisherige Netzanschlussrecht ist auf diese Situation nicht vorbereitet. Es folgt weiterhin dem Prinzip der zeitlichen Reihenfolge. Wer zuerst beantragt, erhält den Zuschlag. Ob ein Projekt tatsächlich umgesetzt wird, wie weit die Planung vorangeschritten ist oder welchen volkswirtschaftlichen Beitrag es leistet, spielt kaum eine Rolle. In der Praxis führt das zu spekulativen Anschlussanfragen und zu einer Blockade knapper Kapazitäten. Für reale Industrieprojekte bedeutet das Stillstand durch Systemfehler.
Mit der Einführung des Reifegradverfahrens zum 1. April 2026 haben die Übertragungsnetzbetreiber einen ersten Versuch gestartet, den bestehenden Systemfehler zu beheben und, wie der Name des Verfahrens schon andeutet, den Reifegrad einer Netzanschlussanfrage mit zu berücksichtigen. Auf der Verteilnetzebene, wo die meisten Netzanschlussanfragen von Speichern, aber auch der Industrie bestehen, besteht so ein Konzept noch nicht.
Bedarf an elektrischer Anschlussleistung steigt historisch schnell
Dabei ist die Ausgangslage klar: Der Bedarf an elektrischer Anschlussleistung steigt historisch schnell. Elektrifizierung industrieller Prozesse, Batteriespeicher, Elektrolyseure, Ladeinfrastruktur, Wärmepumpen und Rechenzentren konkurrieren um begrenzte Netzressourcen. Gleichzeitig hinkt der physische Netzausbau dem Bedarf hinterher. Umspannwerke, Leitungen, Transformatoren und Fachkräfte sind selbst zu Engpassfaktoren geworden. Knappheit ist damit die neue Realität und sie wird es auf absehbare Zeit bleiben.
Umso wichtiger ist ein intelligenter Umgang mit dieser Knappheit. Genau hier muss ein Netzanschlusspaket ansetzen. Es kann helfen, Verfahren zu beschleunigen, Transparenz über verfügbare Kapazitäten zu schaffen und Anschlussbegehren nach klaren, nachvollziehbaren Kriterien zu priorisieren. Ziel muss es sein, Netzanschlüsse dort zu ermöglichen, wo sie reale Wertschöpfung ermöglichen, Versorgungssicherheit stärken und die Transformation für eine klimaneutrale Wirtschaft konkret voranbringen.
Für die energieintensive Industrie ist das von zentraler Bedeutung. Ihre Projekte sind langfristig angelegt, kapitalintensiv und teilweise systemrelevant. Investitionsentscheidungen werden über Jahrzehnte getroffen. Wenn Netzanschlüsse unsicher sind, jederzeit entzogen werden können oder erst nach vielen Jahren zur Verfügung stehen, wird Planung unmöglich. In einem internationalen Wettbewerbsumfeld führt das zwangsläufig zu Standortnachteilen. Planungssicherheit ist kein Luxus, sondern eine Grundvoraussetzung für Transformation.
Dabei muss offen ausgesprochen werden: Wir sind derzeit nicht auf Kurs. Das energiepolitische Dreieck ist aus dem Gleichgewicht geraten. Die Energiepreise für industrielle Verbraucher im internationalen Vergleich sind zu hoch und immer mehr getrieben durch steigende Systemkosten, Abgaben und Umlagen. Die Versorgungssicherheit wird durch alte (emissionsintensive) Steinkohlekraftwerke in der Netzreserve sichergestellt. Die aktuelle Debatte suggeriert zunehmend eine Entscheidung zwischen Energiewende und Wohlstand. Das ist die falsche Fragestellung. Beides muss gemeinsam gelingen.
Dafür braucht es mehr Struktur, bessere Koordination und vor allem mehr Effizienz. Das schließt ausdrücklich Kosteneffizienz ein. Eine Energiewende, die sich durch unnötige Verzögerungen, Fehlsteuerung und Wucherpreise für knappe Ressourcen sowie steigende Systemkosten selbst verteuert, verliert Akzeptanz und wirtschaftliche Tragfähigkeit. Wer die Energiewende langfristig erfolgreich machen will, muss sie auch organisatorisch und regulatorisch beherrschbar gestalten.
Netzanschlusspaket kann ein wichtiger Baustein sein
Ein Netzanschlusspaket kann dabei ein wichtiger Baustein sein. Es ersetzt keinen Netzausbau. Aber ohne Reformen im Netzanschlussrecht wird der zusätzliche Netzausbau weiterhin nur administriert und nicht volkswirtschaftlich kosteneffizient genutzt. Die Folge sind steigende Netzentgelte, verschobene Investitionen und eine Transformation, die teurer wird als notwendig.
Energiesicherheit und Wettbewerbsfähigkeit sind keine parteipolitischen Detailfragen. Sie betreffen den Kern unseres Wirtschaftsmodells. Wer Fortschritt will, muss auch Strukturen schaffen, die ihn ermöglichen. Dazu gehört ausdrücklich die zügige Weiterentwicklung des Netzanschlussrechts. Jede weitere Verzögerung sendet ein falsches Signal an Unternehmen, die bereit sind, in Deutschland zu investieren und Verantwortung für die Transformation zu übernehmen.
Ohne Netzanschluss keine industrielle Transformation. Jetzt ist der Zeitpunkt, die Weichen richtig zu stellen.
Christian Seyfert ist Hauptgeschäftsführer des VIK, Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft.
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