Offshore-Windenergie : Es braucht eine Abkehr von spekulativen Geboten
Eine zügige Anpassung des Ausschreibungsdesigns für Offshore-Windparks ist unerlässlich, findet Iberdrolas Deutschlandchef Felipe Montero. Der entscheidende Schritt dabei sei eine möglichst kurze Zeitspanne zwischen Ausschreibung und Investitionsentscheidung. Die einzige praktikable Lösung wäre, dass das BSH alle Flächen zentral planungsreif voruntersucht.
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Vor einer Woche hat die Bundesnetzagentur die Ergebnisse der jüngsten Ausschreibung für zentral voruntersuchte Flächen bekanntgegeben: Das erste Mal in der Geschichte gab es überhaupt keine Gebote. Bereits die vorangegangene Juni-Ausschreibung mit nur zwei Bietern war ein unmissverständlicher Warnschuss. Damit verfestigt sich ein Trend, der für die weitere Entwicklung der Offshore-Windenergie in Deutschland besorgniserregend ist: Den Investoren fehlt der Appetit auf weitere Projekte in Deutschland.
Warum die Investoren ausbleiben
Die einfache Erklärung ist, dass den Projektentwicklern die Risiken schlichtweg zu hoch sind: Engpässe in der Lieferkette, gestiegene Projekt- und Kapitalkosten, steigender Kosten- und Effizienzdruck und die globale Industrie in einem schwierigen Fahrwasser.
Die ohnehin schwierige Marktsituation in Deutschland wird durch das aktuelle Ausschreibungsdesign, das zahlreiche strukturelle Schwächen aufweist, noch verschärft. Fokussiert auf hohe Gebots-Summen hat die Politik außer Acht gelassen, dass das aktuelle Design langfristig steigende Strompreise, eine Gefährdung der heimischen Wertschöpfungsketten und ein erhöhtes Risiko von Projektabbrüchen zur Folge haben wird. Denn eine Ausschreibung ist erst dann ein Erfolg, wenn sie in eine finale Investitionsentscheidung mündet. Dass viele Projekte – in Deutschland wie auch in Frankreich, Dänemark, Japan und Polen – selbst Jahre nach Zuschlag diese nicht erreicht haben, macht die strukturellen Schwächen sichtbar. Die jetzigen Ausschreibungsergebnisse zeigen, dass das System an sich nicht mehr funktionsfähig ist, weil es Investoren nicht genügend Anreize und Sicherheit gibt.
Deshalb müssen wir die regulatorischen Vorgaben für zukünftige Ausschreibungen schnellstmöglich an die sich ändernden Rahmenbedingungen anpassen und das Ausschreibungsdesign ändern. Für mehr Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Deutschland braucht es eine grundlegende Abkehr von spekulativen Geboten, Marktkonzentration und hohen Strompreisen. Nur so gewinnen wir langfristig orientierte und verlässliche Investoren zurück. Ein schnell nachlassendes Investoreninteresse, wie es jetzt zu befürchten steht und das wir auch bei den Nordsee-Ausschreibungen in Dänemark im letzten Jahr beobachten konnten, darf in Deutschland keinen Einzug halten.
Die zeitliche Dimension ist ganz wesentlich
Es gibt viele Anknüpfungspunkte, mit denen man das deutsche Ausschreibungsdesign zukunftsfähig gestalten kann. Sei es die Einführung zweiseitiger Differenzverträge (CfDs), eine Begrenzung des Ausschreibungsvolumens pro Bieter oder präzise Präqualifikationskriterien.
Aus Investorensicht ist jedoch die zeitliche Dimension ganz wesentlich: Je näher der Ausschreibungszeitpunkt an der finalen Investitionsentscheidung liegt, die Voraussetzung für die Beauftragung der Lieferanten ist, desto konkreter kann der Investor die Kosten beziffern und umso wahrscheinlicher wird die Projektrealisierung.
Es ist leicht nachvollziehbar, dass drei bis fünf Jahre im Voraus – so wie in Deutschland üblich – die zentralen Parameter der Investitionsentscheidung noch sehr ungewiss sind und zum Teil starken Schwankungen unterliegen: Es ist schwer abzuschätzen, wie sich die Energiepreise nach der zeitlich noch später liegenden Inbetriebnahme, die Finanzierungskosten, die Inflation und andere makroökonomische Faktoren entwickeln. Auch stehen zu diesem Zeitpunkt zumeist noch nicht das Windturbinenmodell und die Zulieferketten fest, die ebenfalls deutliche Auswirkungen auf die Rentabilität haben. Allein hier gab es in den vergangenen Jahren zum Teil Preissprünge von 20 Prozent und mehr pro Jahr.
Bei den derzeitigen Ausschreibungen, bei denen die Wirtschaftlichkeit der Projekte zum Zeitpunkt der Auktion noch völlig offen ist, handelt es sich deshalb bei den abgegebenen Geboten nicht um „Baugebote”, sondern vielfach um „Optionsgebote”, mit denen sich der Bieter das Recht, nicht aber auch zwingend die Pflicht zur Entwicklung der Fläche sichern will. Damit steigt das Risiko enorm, dass Projekte gar nicht realisiert werden.
Um diesem in hohem Maße spekulativen und riskanten Vorgehen entgegenzuwirken, sollte der Ausschreibungszeitpunkt auf maximal 3,5 Jahre vor Inbetriebnahme gelegt werden. Die Kosten sind zu diesem Zeitpunkt klarer kalkulierbar und der Investor muss, um die rechtzeitige Inbetriebnahme sicherzustellen, auch unverzüglich nach Zuschlagserteilung die finale Investitionsentscheidung treffen. Gleichzeitig sollte der Ausschreibungszeitpunkt nach dem Zeitpunkt der Verkündung des verbindlichen Netzanbindungstermins liegen, was die Investitionssicherheit weiter erhöht.
Die zentrale Rolle des BSH
Um eine fundierte und ausgereifte Basis für die Investitionsentscheidung zu schaffen, müssen die Projekte vor den Ausschreibungen von jemandem entwickelt werden. Es ist aber sowohl unrealistisch als auch ineffizient, dass mehrere Bieter vorab die Flächen parallel entwickeln. Die einzige praktikable Lösung ist daher, dass das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) alle Flächen zentral planungsreif voruntersucht. Die vorherige Veröffentlichung der Daten der Voruntersuchungen würde es den Bietern so ermöglichen, bereits frühzeitig ihre Planungsprozesse zu starten und mit Herstellern in Vertragsverhandlungen zu treten.
Eine möglichst kurze Zeitspanne zwischen Ausschreibung und Investitionsentscheidung ist der entscheidende Schritt für mehr Investitionssicherheit. Zusammen mit einem stabilen und kalkulierbaren Investitionsrahmen, zum Beispiel ausgestaltet mit zweiseitigen Differenzverträgen, kann es gelingen, das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen. Dies gilt insbesondere, wenn Preissteigerungen durch eine sachgerechte Indexierung der Gebotswerte abgefedert werden. Diese sollte an geeignete Indizes gekoppelt sein, die die Preisschwankungen der wichtigsten Rohstoffe und weiteren Kosten abbilden. Und auch hier gilt: Ein kurzer Zeitraum zwischen Ausschreibung und Inbetriebnahme hilft dabei, die Indexierung nicht zu komplex werden zu lassen.
Die Offshore-Windenergie hat sich in Deutschland in den letzten 15 Jahren als Erfolgsgeschichte erwiesen, denn sie hat sich binnen kurzer Zeit zu einem zuverlässigen und unverzichtbaren Energieträger entwickelt, der Millionen Haushalte und viele Industriekunden Tag für Tag mit grünem Strom versorgt. Offshore Wind steht wie kaum ein anderer Energieträger sowohl für Klimaschutz als auch für Kosteneffizienz – bei gleichzeitiger Sicherstellung einer konstanten Versorgung. Wollen wir diese Erfolgsgeschichte fortsetzen – und daran habe ich keine Zweifel – ist eine zügige und zukunftsgerichtete Anpassung der Ausschreibungsbedingungen unerlässlich.
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