Kritische Rohstoffe : Europas Bergbau und die Energiewende: Hohe Standards oder bloße Versprechen?
Dass die Transformation des Energiesystems metallische Rohstoffe braucht, steht für Maja Wilke und Michael Reckordt von PowerShift außer Frage. Aber sie warnen: Wenn die Umwelt und die Belange der betroffenen Menschen auf der Strecke bleiben, hat der Bergbau in Europa keine Zukunft.
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Mit der Energie- und Antriebswende steigt der Bedarf an metallischen Rohstoffen erheblich. Damit rückt auch der Bergbau in Europa wieder stärker in den Fokus. In der politischen Debatte wird dabei häufig eine zentrale Prämisse hervorgehoben: Europa verfüge über besonders hohe soziale und ökologische Standards. So versprach der damalige EU-Kommissar Thierry Breton bei der Ausarbeitung des EU-Gesetzes zu kritischen Rohstoffen sogar, „die höchsten sozialen und ökologischen Standards [zu] gewährleisten“. Auf dieser Annahme beruht oft das Argument, die dadurch angeblich vergleichsweise geringen ökologischen Folgen des europäischen Bergbaus ließen sich angesichts der positiven Effekte der Energiewende rechtfertigen.
Doch unabhängig davon, dass Bergbau grundsätzlich mit erheblichen Eingriffen in Natur und Umwelt verbunden ist, stellt sich eine grundlegende Frage: Verfügt die EU tatsächlich über jene besonders hohen Bergbaustandards, auf die sich diese Erzählung stützt?
Vor allem dann, wenn es in den vergangenen Jahren darum ging, europäische Bergbauprojekte schnell an den Start zu bringen, wurde das Argument der hohen europäischen Bergbaustandards immer wieder vorgebracht. Eine neue Studie von Expert:innen aus dem Bereich Bergbau und Beteiligungsverfahren in Zusammenarbeit mit PowerShift und dem NABU kommt jetzt zu einem ganz anderen Ergebnis.
Eklatante Lücken bei der Beteiligung
Die Annahme, Europa habe die höchsten oder sogar nur hohe Bergbaustandards, ist nicht viel mehr als eine eurozentristische und selbstverliebte Farce. Denn die Studie macht klar: Der derzeitige Rechtsrahmen für Bergbauprojekte reicht nicht aus. Im Gegenteil. Er zeigt eklatante Lücken bei der demokratischen Beteiligung Betroffener, und da, wo der Rahmen – zumindest auf dem Papier – ausreichend wäre, werden Rechte in der Praxis zu häufig ausgehöhlt. So sehen sich vom Bergbau Betroffene häufig mit zu späten Konsultationen, zu kurzen Antwortfristen und unzugänglichen oder unvollständigen Informationen konfrontiert.
In diesem Umfeld besteht die Gefahr, dass die öffentliche Akzeptanz auf eine reine Kommunikationsübung reduziert wird, während die zugrunde liegenden Fragen der Zustimmung, der Risiken und der langfristigen Auswirkungen ungelöst bleiben. Trotz dieser Missstände treibt die Bergbauindustrie Hand in Hand mit konservativen und rechten Politikern die Deregulierung von Umwelt- und Verbraucher:innenschutz weiter voran.
Unter dem Ziel der Versorgungssicherheit für den Green Deal und die Verteidigung tobt die europäische Debatte um Deregulierung und Entbürokratisierung. Diese sollen den heimischen Bergbau stärken und uns so auf der geopolitischen Bühne unabhängiger machen.Doch eine Deregulierung, die auf den Abbau von Umwelt- und Verbraucher:innenschutz setzt, ist genau der falsche Weg. Nicht nur, dass diese Rechtsstaatlichkeit und demokratische Prozesse unterlaufen würde – sie läuft auch Gefahr, Bergbauprojekte um unbestimmte Zeiträume zu verzögern. Denn gesellschaftliche Widerstände und Rechtsstreitigkeiten kündigen sich überall dort an, wo Standards untergraben und so Projekte gegen den Willen der lokalen Bevölkerung durchgesetzt werden.
Rohstoffpolitik am Scheideweg
Die deutsche und europäische Rohstoffpolitik steht daher vor einer Entscheidung: Sie kann alte Muster der Rohstoffgewinnung wiederholen, Gebiete opfern, Konflikte in Gemeinden schüren und die Zerstörung der Umwelt als „Notwendigkeit“ verkleiden. Oder sie kann beweisen, dass der Abbau demokratisch und rechtsbasiert sein kann. Dazu gehören eine frühzeitige und umfangreiche Beteiligung der Bevölkerung vom ersten Tag an. Auch sollten bestehende Rechtsvorschriften beibehalten werden.
Eine Regulierung hebt sich im Ringen um die Zukunft der Bergbau-Regulierungen in Europa besonders hervor: die Wasserrahmenrichtlinie. Kaum ein Thema berührt die Menschen so sehr wie der Zugang zu sauberem Trinkwasser. Kaum ein Thema aus dem Bergbau-Kosmos droht daher so sehr Protest zu mobilisieren und Bergbaukonzernen Projekte um die Ohren fliegen zu lassen. Kompromisse bei der Wasserqualität für Mensch und Natur darf es nicht geben, das müssen auch Politik und Konzerne einsehen. Der Erhalt der Wasserrahmenrichtlinie muss gegenüber der geplanten Beschleunigung von Bergbauprojekten in der EU eindeutigen Vorrang haben.
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind keine „Anti-Bergbau“-Forderungen, sie sind Wertekompass für das europäische Zusammenleben und müssen so auch Kompass für unsere Rohstoffpolitik sein. Eine Gesellschaft ohne Rohstoffe ist unmöglich, doch die umweltfreundlichste Tonne Metall wird immer die sein, die im Boden bleibt. Deswegen braucht es endlich eine global gerechte Rohstoffwende. Die EU sollte sich auf eine integrierte Rohstoffstrategie als Lösung zur Verringerung der Nachfrage und zur Förderung der Kreislaufwirtschaft, intelligentes Produktdesign, Reparatur, Wiederverwendung und hochwertiges Recycling konzentrieren, damit die Nachfrage nach Übergangsmineralien innerhalb der planetarischen Grenzen bleibt.
Politische Priorität muss darin bestehen, Lösungen zu finden und zu finanzieren, die den Bedarf an Rohstoffgewinnung minimieren, um dann sicherzustellen, dass der wirklich notwendige Bergbau unter strengen Auflagen auf möglichst nachhaltige, gerechte, ausgewogene und die Rechte voll respektierende Weise durchgeführt wird. Denn auch wenn die Erneuerbaren metallische Rohstoffe benötigen, der Großteil des Verbrauchs geht in Sektoren wie Mobilität, Rüstung oder Rechenzentren – etwa zum Schürfen von Kryptowährungen.
„Wettlauf nach unten“ verhindern
Wir nehmen den ehemaligen EU-Kommissar Breton und alle Politiker:innen, die behaupten, Europa habe die höchsten und besten Standards für den Schutz der Umwelt und seiner Bevölkerung, gerne beim Wort. Allerdings nicht als ein Ist-Zustand, sondern als eine Vision. Es ist noch ein langer Weg, doch es gibt konkrete Vorschläge zu der Frage, wie wir dahin kommen.
Fest steht: Eine weitere Deregulierung und ein „Wettlauf nach unten“ werden die Wettbewerbsfähigkeit der EU-Industrie nicht steigern – im Gegenteil. Die derzeitige Kommissarin für einen sauberen, gerechten und wettbewerbsfähigen Übergang, Teresa Ribera, fasste es im Januar 2026 perfekt zusammen: „Wenn wir unsere Identität, unsere Werte und das Vertrauen unserer Bevölkerung verlieren, werden wir nicht in der Lage sein, irgendetwas zu verhandeln oder irgendetwas zu überbrücken.“
Im Eifer um europäischen Bergbau müssen wir aufpassen, unsere eigenen Werte nicht zu untergraben. Deregulierung und Entbürokratisierung im Kontext Bergbau sind keine langfristige Strategie, sie sind ein Strohfeuer, das uns weitere Probleme bescheren wird, denn sie stehen für Umweltzerstörung, Menschenrechtsverletzungen, ein Befeuern der Klimakrise und einen Vertrauensverlust in demokratische Institutionen.
Michael Reckordt arbeitet bei der Nichtregierungsorganisation PowerShift. Maja Wilke ist Referentin für europäische Rohstoffpolitik bei der NGO PowerShift.
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