Internationaler Wasserstoffhandel : Europas Energiezukunft wird jetzt gestaltet – Deutschlands Rolle ist noch offen
Deutschland und Dänemark können Vorreiter des europäischen Wasserstoffhandels sein. Doch damit dieses Szenario Wirklichkeit wird – und die geplante deutsch-dänische H2--Pipeline ein Erfolg – muss die Wasserstoffnachfrage der deutschen Industrie in Gang kommen. Kristian Jensen, Troels Ranis und Andreas Wenzel drängen zum Handeln.
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Europa hat sich entschieden: Wir diskutieren nicht mehr nur darüber, wie wir mit unserer Energieabhängigkeit zurechtkommen, sondern wie wir sie beenden. In Brüssel, Berlin und Kopenhagen geht es nicht mehr um die Frage, ob Europa seine eigene Energieversorgung aufbauen muss, sondern wie schnell dies geschehen kann.
Vor diesem Hintergrund ist auch die geplante deutsch-dänische Wasserstoffpipeline zu verstehen – nicht als bloßes Klimaprojekt oder als ferne Zukunftsvision, sondern als konkrete und strategische europäische Antwort auf die dringende Frage: Woher kommt unsere Energie – und wer kontrolliert sie?
Europa gewinnt die Kontrolle zurück
Die jüngsten geopolitischen Erschütterungen haben Europas Verwundbarkeit in Energiefragen erneut offengelegt – und zugleich die Illusion beendet, man könne einfach auf stabilere Zeiten warten. Die Konsequenz daraus lautet: Wir müssen in unsere eigene Energiesicherheit investieren.
Energieschocks und Preissprünge sind für Europa nicht neu. Die Ölkrisen der 1970er Jahre, die russischen Gaslieferstopps 2006 und 2009 oder die wiederkehrende Instabilität im Nahen Osten haben immer wieder dieselbe strukturelle Schwäche sichtbar gemacht: die Abhängigkeit von Energieimporten.
Neu ist diesmal die Reaktion. Frühere Krisen wurden abgefedert – die Preise stiegen, die Politik reagierte, und am Ende pendelte sich das System wieder ein. Die grundlegende Annahme blieb unangetastet: Importierte Energie würde auch künftig günstig und verfügbar sein.
Doch diesmal ist es anders. Denn eine Serie von geopolitischen Verschiebungen hat diese Annahme ins Wanken gebracht. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Spannungen rund um die Straße von Hormus haben das Thema Energiesicherheit mit neuer Dringlichkeit auf die Agenda gesetzt.
Wasserstoff soll zu einer tragenden Säule der europäischen Energie- und Industriepolitik werden, insbesondere um energieintensive Branchen wie die Stahl- und Raffinerieindustrie zu dekarbonisieren. Jetzt ist es Zeit zu handeln: Mit Instrumenten wie der EU-Wasserstoffbank stehen Fördermechanismen bereit, und Vorreiter können sich frühzeitig Zugang zur Versorgung sichern. Entscheidend ist nun, ob die deutsche Industrie diesen Weg mitgeht.
Unterstützung für den deutsch-dänischen H2-Handel
Dänemark und Deutschland haben mehr als drei Milliarden Euro für eine grenzüberschreitende Wasserstoffpipeline zugesagt. Sie soll grünen Wasserstoff aus dänischer Produktion mit der industriellen Nachfrage in Deutschland verbinden. Das Ziel ist klar: fossile Energieimporte durch europäische Alternativen zu ersetzen und den gemeinsamen Energiemarkt auszubauen.
Das gemeinsame Projekt ist in konkreter Politik und Planung verankert. In Dänemark treibt der Übertragungsnetzbetreiber Energinet den Aufbau des „Hydrogen Backbone West“ voran, während Gasunie Deutschland die Anbindung auf deutscher Seite vorbereitet. Um Kosten zu sparen und die Umsetzung zu beschleunigen, sollen Teile der bestehenden Gasinfrastruktur genutzt werden. Geplant ist eine grenzüberschreitende Transportkapazität von drei bis vier Gigawatt Wasserstoff.
Parallel dazu entstehen entlang der Trasse in Dänemark bereits zahlreiche Power-to-X-Großprojekte. Einige Anlagen sind schon heute in Betrieb, etwa in Kassø (52 Megawatt) oder in Maade bei Esbjerg (12 MW).
Eine Grundlage für Deutschlands Industrie
Noch bedeutender ist jedoch die nächste Ausbaustufe: Projekte wie HØST in Esbjerg sollen mit einer Elektrolyseleistung von 1.000 MW jährlich bis zu 120.000 Tonnen grünen Wasserstoff produzieren. Geplant sind direkte Anbindungen an das künftige Wasserstoffnetz und Exportverbindungen nach Deutschland.
Dänemark vollzieht damit den Schritt von Pilotprojekten zur industriellen Skalierung – und schafft eine belastbare Grundlage für die Versorgung der deutschen Industrie, sobald Infrastruktur und Nachfrage zusammenfinden.
Auch auf deutscher Seite schreitet der Aufbau des Wasserstoff-Kernnetzes voran. Erste Abschnitte gingen bereits letztes Jahr in Betrieb. Mit einer geplanten Gesamtlänge von 9.040 Kilometern soll so bis 2032 das größte Wasserstoffnetz Europas entstehen.
Darüber hinaus stellt die Bundesregierung Förderungen von insgesamt 1,3 Milliarden Euro für Projekte bereit, die in die deutsch-dänische Wasserstoffpipeline einspeisen werden, und stellt damit für die ersten zehn Jahre niedrigere Preise für frühe Einsteiger in Aussicht.
Den Umstieg hinauszuzögern, ist keine neutrale Option
Für deutsche Unternehmen ist Abwarten auch eine Entscheidung. Es bedeutet, bewusst auf Fördermittel und Transportkapazitäten zu verzichten sowie auf die Chance, sich früh im Markt zu positionieren.
Zögern ist eine Wette darauf, dass sich der europäische Kurs noch einmal ändert: dass CO2-Kosten stagnieren, Wasserstoff-Förderprogramme an Dynamik verlieren und Wettbewerber ebenfalls zurückhaltend agieren. Dafür spricht jedoch wenig. Die EU verschärft ihre Klimavorgaben, öffentliche Mittel werden gezielt eingesetzt, um frühe Investitionen abzusichern, und grenzüberschreitende Infrastrukturprojekte gehen bereits in die Umsetzung. In dieser Transformationsphase entscheidet das Timing: Wer früh handelt, setzt die Maßstäbe für alle, die später folgen.
Der Markt muss die Buchungsvoraussetzung erfüllen
Mit der deutsch-dänischen Pipeline trifft ein reales Angebot an erneuerbarer Energie auf eine konkrete industrielle Nachfrage – getragen von verbindlichen öffentlichen und privaten Investitionen. Die Wertschöpfungskette ist definiert, die Partner stehen bereit.
Dänemark hat über Jahre hinweg erneuerbare Energiekapazitäten aufgebaut, Elektrolyseprojekte vorangetrieben und die institutionellen Voraussetzungen geschaffen. Dieser Vorsprung ist durch frühes Handeln entstanden – zu einem Zeitpunkt, als Märkte und Regulierung noch im Aufbau waren.
Gleichzeitig bringt Deutschland nicht nur industrielle Nachfrage mit, sondern auch Schlüsseltechnologien für den Wasserstoffsektor und eigene wachsende Produktionskapazitäten. Jetzt bietet sich die Chance, die Stärken beider Länder zu bündeln und die Wasserstoffproduktion auf beiden Seiten hochzufahren. Denn der Erfolg des europäischen Wasserstoffmarktes und damit eines resilienten europäischen Energiesystems hängt davon ab, dass wir Produktion, Infrastruktur und Nachfrage als gemeinsames System verstehen – und nicht als parallele nationale Bemühungen.
Nun liegt es an der deutschen Industrie, ein klares Signal zu senden. Seit dem 19. März können auf beiden Seiten der Grenze Transportkapazitäten gebucht werden. Für Produzenten und Abnehmer ist dies die Gelegenheit, sich Anteile an der Pipeline zu sichern.
Das ist nicht nur eine Formalität. Nach der dänischen politischen Vereinbarung muss zunächst eine Mindestnachfrage von 500 MW gebuchter Kapazität erreicht werden, bevor eine endgültige Investitionsentscheidung getroffen wird.
Jetzt ist es Zeit, den Wasserstoffmarkt zu gestalten
Europa hat erkannt: Energiesouveränität und resiliente Versorgungsketten sind strategisch notwendig. Und Wasserstoff ist ein zentraler Baustein auf diesem Weg. Die deutsch-dänische Wasserstoffpipeline verkörpert diese Entscheidung – konkret, finanziert und koordiniert.
Für die deutsche Industrie stellt sich daher nicht die Frage, ob Wasserstoff eine Rolle spielen wird, sondern wie sie einen grenzüberschreitenden Markt aktiv mitgestaltet. Die Infrastruktur nimmt Gestalt an, der politische Rahmen steht, und die ersten Unternehmen bringen sich bereits in Stellung.
Was jetzt fehlt, ist ein klares Marktsignal. Kommt es rechtzeitig, kann die Pipeline zum Rückgrat eines wettbewerbsfähigen und resilienten europäischen Energiesystems werden. Bleibt es aus, verschwinden die zugrundeliegenden Probleme nicht – sie kehren nur später zu ungünstigeren Bedingungen zurück.
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