Grüngasquote : Grüne Gase haben ein Investitionspotenzial von 1,5 Milliarden Euro
Das deutsche CO2-Budget wird knapp, grüne Gase könnten zur schnelleren Dekarbonisierung beitragen. Die Initiative Grüngasquote sieht ein Investitionspotenzial von über 1,5 Milliarden Euro, das die grüne Transformation beschleunigen kann, aber bisher größtenteils ungenutzt bleibt. Der Vorstandsvorsitzende der Initiative, Stefan Schreiber, fordert einen langfristigen, verlässlichen Pfad zum Bedarf an Grüngas.
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Strom, Gaskraftwerke, Netzausbau, Wärmepumpen – medial wie politisch werden Technologien abwechselnd als Hype unseres Energiesystems hofiert. Erneuerbare Gase spielen politisch nur eine Nebenrolle, trotz Verfügbarkeit und Potenzial, kurzfristig skaliert zu werden.
Produktionsanlagen für Biomethan, grünen Wasserstoff und synthetische Gase bestehen bereits, Projekte sind genehmigt, Investitionen warten darauf, umgesetzt zu werden. All diese Vorhaben würden die Versorgungssicherheit erhöhen, die Importabhängigkeiten reduzieren und die Dekarbonisierung in allen Sektoren beschleunigen.
Deutschland ist in der Lage, 300 TWh an grünen Gasen zu erschließen. Bis zu 100 TWh Biomethan lassen sich kurzfristig aus Abfall- und Reststoffen erzeugen, wie das Deutsche Biomasseforschungszentrum und das Umweltbundesamt errechnet haben. 100 weitere TWh könnten aus nachwachsenden Rohstoffen erschlossen werden. Nochmals 100 TWh könnte Deutschland laut Deutscher Energie-Agentur aus anderen europäischen Staaten importieren.
Das Potenzial ist kurzfristig verfügbar, technisch erprobt und wirtschaftlich wettbewerbsfähig, mit starkem Impuls für die heimische Wertschöpfung. Um dieses Potenzial zu heben, braucht es eine Politik, die regulatorische Hürden abbaut und langfristig verlässliche Rahmenbedingungen schafft. Es braucht eine Grüngasquote.
Die Grüngasquote ist keine Technologieentscheidung
Eine Grüngasquote, wie wir sie uns vorstellen, ist technologieoffen, sektorübergreifend und langfristig angelegt. Sie definiert ausschließlich das klimapolitische Ziel eines schrittweise steigenden Anteils erneuerbarer Gase am gesamten Gasabsatz, und verzichtet bewusst auf Vorgaben zur konkreten Nutzung, zu einzelnen Technologien oder zu bestimmten Infrastrukturen. Entscheidend ist allein, dass die eingesetzten Gase messbar und überprüfbar zur Erreichung der Klimaziele beitragen.
Das Ziel einer Grüngasquote ist simpel wie einfach: Der Gasbedarf muss schrittweise erneuerbar werden. Dabei ist es unerheblich, wo dieses Gas eingesetzt wird: Ob in der Industrie, in Kraftwerken, im Verkehrssektor oder in der Wärmeversorgung. Entscheidend ist, dass die Nutzung mit den Klimazielen vereinbar ist.
Diese Grüngasquote schafft Flexibilität beim Heizsystem oder der Infrastruktur. Sie legt weder fest, welche Technologien sich durchsetzen sollen, noch entscheidet sie über den langfristigen Bestand einzelner Netze. Stattdessen setzt sie einen klaren ordnungspolitischen Rahmen, der ausschließlich auf das Klimaziel ausgerichtet ist und die Wahl der technischen Lösungen dem Markt überlässt.
Die Technologieoffenheit einer solchen Grüngasquote reduziert Fehlsteuerungen, indem sie keine einzelnen Lösungen politisch privilegiert oder ausschließt, sondern den Wettbewerb zwischen klimaverträglichen Optionen wie grünem Wasserstoff, Biomethan oder synthetischem Methan ermöglicht. Damit wirkt die Quote nicht als Detailregulierung, sondern als verlässliches Zielsignal. Zugleich schafft sie Planungssicherheit bei hoher Anpassungsfähigkeit der Infrastruktur, da Netze nicht politisch vorab festgeschrieben oder abgeschrieben werden, sondern sich entlang der tatsächlichen Nachfrage nach erneuerbarem Gas entwickeln können – kosteneffizient und ohne Lock-in-Effekte oder unnötige Doppelstrukturen.
Schutzschirm für grüne Energie
Eine Quotenverpflichtung hat viele Kritiker, solange sie eine unverbindliche Ankündigung der Transformation und damit ein Feigenblatt für die fossile Energiewirtschaft und die Weiternutzung fossiler Gase bleibt. Voraussetzung für die Wirksamkeit der Grüngasquote ist daher eine klare, verbindliche Ausgestaltung: Nur als langfristig verlässliche und ansteigende Quotenverpflichtung entfaltet sie die notwendige Lenkungswirkung und schafft Planungssicherheit für Investoren.
Sie zwingt den Markt zu Veränderung. Je höher die Quote, desto mehr sinkt der Anteil fossiler Gase. Während der CO2-Preis ein wichtiges Lenkungssignal setzt, schafft die Grüngasquote die gesicherte Nachfrage. So entsteht ein funktionierender Markt für erneuerbare Gase, der mit steigenden CO2-Preisen zunehmend wettbewerbsfähig wird, und das lockt Investoren.
Die Investoren stehen bereit
Über 1,5 Milliarden Euro stehen nach Einschätzung der Initiative Grüngasquote für die Wertschöpfungskette erneuerbarer Gase bereit. Unternehmen haben konkrete Projekte entwickelt, die zeitnah realisiert werden können, etwa Vorhaben zur Nachrüstung mit Aufbereitungsanlagen für Biomethan in Flechtingen (Sachsen-Anhalt) oder Putlitz (Brandenburg). Biomethananlagen können ausgebaut und modernisiert, Elektrolyseanlagen geschaffen, bestehende Infrastrukturen weitergenutzt werden. Das schafft eine resiliente Energieversorgung, sichert Arbeitsplätze und stärkt die Wirtschaft in ländlichen Raum.
Gleichzeitig bleibt Deutschland beim Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft deutlich hinter den eigenen Zielen zurück. Die Nationale Wasserstoffstrategie sieht einen raschen Ausbau der Elektrolysekapazitäten vor, bislang sind jedoch lediglich weniger als zwei Prozent der angestrebten Leistung installiert. Ohne verlässliche Nachfrageimpulse droht eine weitere Zielverfehlung – mit der Folge, dass Investitionen zunehmend ins Ausland abwandern. Eine Grüngasquote setzt hier an, indem sie eine verlässliche, technologieoffene Nachfrage nach erneuerbaren Gasen schafft und so Investitionen auch in heimische Elektrolysekapazitäten absichert.
Die Voraussetzungen sind gegeben. Die Potenziale sind verfügbar. Die Unternehmen sind bereit. Jetzt braucht es den politischen Beschluss, erneuerbare Gase verbindlich in den Markt zu bringen. Die Grüngasquote kann das leisten.
Stefan Schreiber ist Vorstandsmitglied der Verbio SE und Vorstandsvorsitzender der Initiative Grüngasquote e. V.
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