Kernenergie : Mini-AKWs für Deutschland in Kreislaufwirtschaft – wie realistisch sind die Pläne der CSU?
Die CSU fordert auf ihrer Winterklausur den Wiedereinstieg in die Kernenergie – mit Mini‑Reaktoren und einer nahezu abfallfreien Brennstoffkreislaufwirtschaft. Doch die dafür nötigen Technologien sind teuer, technisch unausgereift und auf absehbare Zeit nicht marktfähig, schreibt Hermfried Meinel, Berater und ehemaliger Ministerialdirektor in der Landesregierung Baden-Württemberg.
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Die CSU hat auf ihrer Winterklausur 2026 in Seeon unter anderem den Wiedereinstieg in die Kernenergie gefordert, vor allem den Bau von Mini-Kernreaktoren (SMR: Small Modular Reactors) sowie eine nukleare Kreislaufwirtschaft, die „möglichst ohne radioaktive Abfälle“ auskommt und dafür Wiederaufarbeitung und Transmutation von Kernbrennstoffen (Wandlung hoch radioaktiver Reststoffe in solche, die für eine weitere Kernspaltung genutzt werden können) vorsieht.
Man kann leicht prognostizieren: Nie und nimmer wird es in absehbarer Zeit SMR geben, und auch die Brennstoff-Kreislaufwirtschaft wird auf absehbare Zeit nicht realisiert werden können. Die CSU will modern und zukunftsoffen erscheinen, reitet aber ein „totes Pferd“.
Ökonomische und politische Gründe, aber auch physikalische Grenzen weisen die Vorschläge der CSU ins Reich der Utopie. Das lässt sich an vier essenziellen Punkten festmachen:
Erstens: zu hohe Kosten
Bauzeit und Kosten neu gebauter Kernkraftwerke fortgeschrittener Bauart (europäischer Druckwasserreaktor EPR) sind rapide angestiegen: beispielsweise in Frankreich (Flamanville) von fünf auf 17 Jahre und von 3,3 auf 27,3 Milliarden Euro. Ähnliches war in Finnland (Oikiluoto 3) zu verzeichnen, noch dramatischer sind Bauzeitverzögerungen und Kostensteigerungen in Großbritannien (Hinkley Point C). Daraus resultieren Stromgestehungskosten von 12 bis 16 ct/kWh, nach anderen Angaben (Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in einem Systemvergleich 2024) sogar bis zu 49 ct/kWh. Dabei sind die bisher gebauten und geplanten neuen Kernkraftwerke keineswegs Unikate, sondern bereits als gleichartige Typen konzipiert, um Kosten zu sparen.
Neue Kernkraftwerke müssten sich in die bestehende Stromerzeugungsinfrastruktur einfügen. Bereits heute decken die erneuerbaren Energien in Deutschland über 50 Prozent der Stromerzeugung ab. Bereits da ist kein Platz mehr für „Grundlastkraftwerke“, noch mehr gilt dies bei einem weiteren Ausbau von PV und Windkraft. Hoch kapitalintensive Investitionen rechnen sich da schlicht nicht mehr.
Natürlich kann man daran denken, künftig SMR für dezidierte Industrieprozesse einzusetzen, etwa große Rechenzentren. Diese Anlagen könnten „rund um die Uhr“ laufen und kämen auf hohe Vollbenutzungsstunden. Dann besteht die Aufgabe darin, die heutigen Stromgestehungskosten neuer Kernkraftwerke in der Grundlast von rund 15 ct/kWh auf höchstens 5 ct/kWh zu drücken, wenn man dies als Industriestrompreis akzeptiert. Internationale Erfahrungen zeigen, dass die Kostenziele bei SMR bisher nicht erreicht wurden. Ein wirtschaftlicher Betrieb von SMR erscheint weitab jeder Realisierungschance.
Zweitens: SMR potenzieren das Proliferationsrisiko und sind schon deshalb kritisch zu sehen
Eine große Vielzahl von SMR-Kraftwerken macht die internationale Atomaufsicht deutlich komplexer. Heute haben wir gut 400 Kernkraftwerke weltweit. Wenn mit dem Zubau vieler SMR-Anlagen die Zahl der Kraftwerksstandorte vervielfacht wird, steigt der Überwachungsaufwand über alle Maßen. Hier ist das Risiko vor allem, dass nicht zuverlässig verhindert wird, dass Kernbrennstoff „abgezweigt“ und für militärische Zwecke genutzt wird – in staatlichen Armeen, Söldnertruppen oder terroristischen Netzwerken. Das wäre extrem riskant, zumal in einer Welt, die zunehmend vom „Recht des Stärkeren“ statt der „Stärke des Rechts“ regiert wird. Anreicherung von Kernbrennstoffen, wie sie auch für SMR benötigt wird, ist heute schon ein äußerst heikles Thema.
Drittens: Eine Brennstoff-Kreislaufwirtschaft ist hoch spekulativ
Bei der Kernspaltung von Uran werden sehr energiereiche, „schnelle“ Neutronen freigesetzt. Für die Kettenreaktion in einem Kernkraftwerk werden jedoch „langsame“ Neutronen benötigt. Wasser in einem klassischen Kernkraftwerk hat zwei wesentliche Aufgaben: Es überträgt nicht nur die Energie aus der Kernspaltung auf einen Dampfkreislauf, sondern es bremst vor allem die schnellen Neutronen so weit ab, dass sie für die gewünschte Kettenreaktion zur Verfügung stehen.
Für die Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen oder die Transmutation werden jedoch schnelle Neutronen benötigt. Damit ist klar, dass solche Anlagen die entstehende Energie nicht über das Medium Wasser abführen können – denn das würde die hier benötigten schnellen Neutronen abbremsen und den gewünschten Prozess zum Erliegen bringen. Stattdessen muss der Energietransport so erfolgen, dass die Neutronen nicht abgebremst werden. In Frage kommen flüssiges Natrium, flüssiges Blei oder geschmolzenes Salz, alles bei Temperaturen von einigen Hundert Grad.
In den vergangenen rund zweihundert Jahren haben wir gelernt, im industriellen Maßstab mit Dampfkreisläufen umzugehen. Bei der Hydraulik von Metall- oder Salzschmelzen fehlen uns diese Erfahrungen in industriellem Maßstab völlig. Wir kennen die Alterungsprozesse von Metall unter Dauerbelastung von flüssigem Metall oder Salzschmelzen nicht.
Wenn es zu einer Störung kommt, kann der betroffene Anlagenteil nicht einfach abgeschaltet und abgekühlt werden, flüssiges Metall oder die Salzschmelze erstarren dann. Solche Kreisläufe funktionieren allenfalls im Labormaßstab, nicht aber in einer industriellen, kostenorientierten Umgebung. Kein Wunder, dass kerntechnische Prozesse, die auf schnelle Neutronen angewiesen sind, zwar seit Jahrzehnten prinzipiell bekannt sind, aber keinerlei technologische Reife aufweisen. Darauf ein künftiges Energiesystem zu planen, das auch noch „kostengünstig“ Strom erzeugen soll, ist einigermaßen vermessen.
Viertens: die Probleme mit der Beseitigung von schwach- und mittelaktiven Abfällen werden unterschätzt
Selbst wenn Wiederaufarbeitung und Transmutation eines Tages beherrscht werden und damit der hochradioaktive Abfall in der Menge reduziert werden kann, verbleibt schwach- und mittelaktiver Abfall vor allem auch aus der Wiederaufarbeitung und Transmutation. Das klingt zunächst nicht dramatisch. Denn die Betreiber herkömmlicher Kernkraftwerke haben eine gute Vorstellung davon, wie die Dekontamination der radioaktiv belasteten Anlagenteile stattfinden muss, damit die Risiken für Personal und Umwelt minimiert werden, nachdem die hochradioaktiven Brennelemente aus den Anlagen entfernt wurden. Der Rückbau kann von den Kraftwerksbetreibern gut durchgeführt werden.
Gänzlich anders ist die Situation jedoch, wenn Komponenten einer Wiederaufarbeitungsanlage rückgebaut werden sollen. Bei Karlsruhe kann man besichtigen, welche enormen Herausforderungen damit verbunden sind: Hier mussten die flüssigen, hochradioaktiven Rückstände aus der Wiederaufarbeitung in einer eigens gebauten Verglasungsanlage für eine sichere Zwischenlagerung aufbereitet werden. Zurück blieb die Verglasungsanlage in einer hermetisch abgeriegelten Schutzkammer, die soviel schwach- und mittelaktives „Inventar“ enthielt wie ein herkömmlicher großer Leistungsreaktor, aber auf viel kleinerem Raum und in gänzlich anderer Zusammensetzung.
Das führt dazu, dass der Rückbau der Verglasungsanlage ausschließlich ferngesteuert mit Robotern erfolgen kann, die eigens hierfür gefertigt und erprobt werden müssen. Dies verlangt äußerste Sorgfalt und Präzision und verlangt extrem erhöhte Anforderungen an den Rückbau herkömmlicher Kernkraftwerke. Die Kosten sind immens (und immer noch nicht endgültig bezifferbar) und nur aufgrund des Charakters der Grundlagenforschung darstellbar, keinesfalls jedoch in einem Wirtschaftsbetrieb. Von „kostengünstig“, wie es sich die CSU vorstellt, kann beim Rückbau solcher Anlagen keine Rede sein.
Fazit: Das CSU-Programm zur Wiedereinführung der Kernenergie in Deutschland taugt allenfalls für die innerparteiliche Profilierung. Einen Beitrag zur kostengünstigen künftigen Stromerzeugung leistet es nicht. Und es ist daran zu erinnern, dass es weder für schwach- und mittelaktive und erst recht nicht für hochradioaktive Abfälle ein Endlager gibt. Selbst die Befüllung von Schacht Konrad mit dem bisher angefallenen schwach- und mittelaktivem Abfall wird Jahre bis Jahrzehnte dauern. Bizarr ist, dass Bayern die Suche nach einem Standort für hochradioaktive Abfälle nach Kräften unterminiert, wenn es um mögliche Standorte in Bayern geht. Über Unfallrisiken oder das Risiko militärischer oder terroristischer Bedrohungen ist auch noch nichts gesagt. Ebenso wenig über die Abhängigkeit der Kernbrennstoffversorgung ausgerechnet von Russland.
Kurzum: In der Kernenergie-Strategie der CSU passt nichts zusammen.
Helmfried Meinel war von 2011 bis 2021 Ministerialdirektor und Amtschef im Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft von Baden-Württemberg. Heute ist er selbstständiger Berater im Bereich Energie, Klimaschutz und Ressourceneffizienz sowie Vorstandsmitglied beim Öko-Institut.
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