Small Modular Reactors : Mini-Atomkraftwerke und die Mär von der Resilienz
Sie sind teuer, versprechen zu viel und ihr Bau scheitert immer wieder: Kleine modulare Reaktoren (SMRs) basieren auf alten Konzepten und tragen erhebliche Risiken, argumentiert Olaf Bandt, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Zum Klimaschutz könnten sie nicht beitragen.
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Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) verkauft Mini-Atomkraftwerke als Sicherheitslösung. Tatsächlich ist diese Technologie ein Wiederaufguss alter Atomkonzepte. Die Sehnsucht der Ministerin nach alten, ineffizienten und teuren Energielösungen scheint groß zu sein – neben ihrem Einsatz für mehr fossiles Gas will sie jetzt auch die Atomkraft zurück.
Die Mini-Atomkraftwerke (Small Modular Reactors, kurz SMRs), mit denen Reiche liebäugelt, sind aber teuer, gefährlich und bringen als „kleine“ Reaktoren in der Summe mehr Anlagen und mehr Risiko ins Stromnetz. SMRs sind keine innovativen „kleinen“ Reaktoren, sie basieren auf alten Konzepten mit teils erheblichen Risiken.
Fehlende Sicherheitsstandards und explodierende Kosten
Für diese „kleinen“ Reaktoren gibt es keine internationalen Sicherheitsstandards und viele Konzepte setzen auf geringere Sicherheitsanforderungen. Schwere Unfälle mit Kontaminationen außerhalb des Anlagengeländes sind bei den diskutierten Modellen möglich. Und mit steigender Anzahl von Anlagen steigt statistisch die absolute Unfall-Wahrscheinlichkeit.
„Kleine“ Reaktoren sind zudem keine „günstigen“ Reaktoren. Das Öko-Institut, beauftragt vom zuständigen Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), kommt zu dem Ergebnis, dass die SMR-Baukosten frühestens ab einer Stückzahl von 3000 Reaktoren sinken. Vorher sind sie teurer als konventionelle AKW.
Weltweit scheitern angekündigte Projekte aus technischen, zeitlichen oder finanziellen Gründen. Und so kommt auch der World Nuclear Industry Status Report zu dem Schluss, dass sich Wunsch und Wirklichkeit bei den SMRs in den letzten zehn Jahren nicht angenähert haben.
Im Gegenteil: Die Lücke zwischen Hype und industrieller Realität ist gewachsen. Laut Atomenergiebehörde IAEA werden weltweit nur zwei kleine Anlagen in China und Russland betrieben. Diese Reaktoren sind Einzelanfertigungen.
Geopolitische Abhängigkeit von Russland
Atomkraft – inklusive SMRs – ist eine hochgefährliche Abhängigkeitstechnologie. Die EU ist massiv von Russland abhängig. Daher hat es im Atombereich während des gesamten Ukrainekrieges nie Sanktionen gegeben. Auch 2024 kamen noch immer knapp 16 Prozent der Uranimporte in der EU aus Russland. In der gesamten nuklearen Lieferkette spielen Russland und der russische Staatskonzern Rosatom eine zentrale Rolle.
Im niedersächsischen Lingen soll Rosatom nun in die Brennelemente-Herstellung in einer dort ansässigen französischen Uranfabrik einsteigen. So sollen in Deutschland durch eine russisch-französische Kooperation künftig spezielle Brennelemente für aus der Sowjetzeit stammende AKW in Osteuropa hergestellt werden. Eine weitere atompolitische Baustelle, der die Bundesregierung nicht beikommt.
Fragile nukleare Infrastruktur
In Zeiten großer geopolitischer Spannungen sind Atomkraftwerke – inklusive SMRs – strategische Ziele mit hohem Risiko. Sabotage, Krieg oder Naturkatastrophen sind reale Szenarien, die große Gefahr bedeuten. Immer wieder gibt es etwa Berichte, dass die Angriffe auf die Ukraine auch die Stromversorgung der Atomkraftwerke beeinträchtigen.
Wegen der unzuverlässigen Stromversorgung von außen sind die Notstromaggregate im besetzten Kernkraftwerk Saporischschja besonders wichtig für die Sicherheit des Reaktors. Die Bevölkerung wird auch auf diesem Weg immer wieder in größte Gefahr gebracht.
Hinzu kommt, dass weiter Atommüll produziert wird, der über einen unvorstellbar langen Zeitraum sicher gelagert werden müsste. Eine Studie aus dem Jahr 2022 zeigt sogar, dass bis zu 30-mal mehr Abfall pro SMR anfallen könnte als bei einem konventionellen Reaktor. Eine unzumutbare Generationenlast.
Der bessere Weg: Erneuerbare Energien
Deutschland hat mit dem Atomausstieg eine Erfolgsgeschichte geschrieben: Heute decken erneuerbare Energien bereits knapp 60 Prozent der Stromnachfrage. Der naturverträgliche Erneuerbaren-Ausbau bringt Unabhängigkeit, Kosteneffizienz und Resilienz – nichts davon ist möglich, wenn die Bundeswirtschaftsministerin auf SMR setzt.
Atomkraft war und ist geprägt von dem Versprechen nach günstiger, unabhängiger Energiegewinnung. Das konnte sie nie erfüllen. Atomkraft macht das Energiesystem nicht resilienter, sondern angreifbarer und abhängiger. Zum Erreichen der Klimaziele und zum Klimaschutz kann der Weg, den Reiche skizziert, nicht beitragen.
Olaf Bandt ist Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland.
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