Energiewende : Monitoringbericht setzt verlässliche Leitplanken
Die Energiewende bedarf keiner Neuausrichtung, zeigt der Monitoringbericht. Damit entspricht er in vielen Bereichen den Forderungen des Erneuerbaren-Verbandes BEE, schreibt Präsidentin Simone Peter. Sie skizziert in fünf Schlussfolgerungen, worauf es jetzt vor allem ankommt.
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Die beiden Institute BET Consulting und EWI sowie die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche betonten bei der Vorstellung des Energiewende-Monitorings, dass an den Zielen für Klimaschutz und 80 Prozent erneuerbare Energien im Stromsektor bis 2030 festzuhalten sei. Die Krux: Die für das Ausbauziel erforderlichen Mengen an Erneuerbaren hängen direkt vom Gesamtstromverbrauch ab, der im aktuellen EEG mit 750 Terawattstunden (TWh) für 2030 veranschlagt wird. Das Monitoring geht davon aus, dass die Stromnachfrage bis 2030 auf 600 bis 700 TWh steigen wird, der Bedarf hier von den zugrunde gelegten Studien aber eindeutig am oberen Ende gesehen wird, wenn die Industriestruktur Deutschlands erhalten werden soll.
Das entspricht auch den Ergebnissen von BEE-Analysen, die zeigen, dass in den kommenden Jahren der Strombedarf signifikant steigen wird. Wichtige Entwicklungen wurden in früheren Studien zu wenig berücksichtigt - vom Bedarf an neuen Rechenzentren für Künstliche Intelligenz, für die der BEE einen Strombedarf von 37 TWh bis 2030 sieht, über die nachholende Sektorenkopplung, vor allem in den Bereichen Wärme und Verkehr, aber auch bei Molekülen wie Grünem Wasserstoff, bis hin zur wirtschaftlichen Erholung. Um eine Ökostromlücke zu vermeiden, ist an den im EEG festgelegten Ausbauzielen festzuhalten, denn es müssen auch Puffer eingeplant werden, so dass Anreize zur Elektrifizierung auch bei unvorhersehbaren Entwicklungen erhalten bleiben.
Die Autoren des Monitorings haben bei der Vorstellung des Berichts im Bundeswirtschaftsministerium deutlich gemacht, dass es hierbei in erster Linie um industrie- und klimapolitische Entscheidungen geht, die über den Erhalt des Industriestandorts und seiner vielseitigen Wertschöpfungsketten entscheiden. Für den BEE ist klar: Hierfür braucht es ein eindeutiges industriepolitisches Bekenntnis und die notwendigen Maßnahmen, um die Standortattraktivität zu steigern, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, und die Wertschöpfung ebenso zu steigern wie die Resilienz in geopolitisch unsicheren Zeiten. Auch der heimischen Grünen Wasserstoffwirtschaft muss hohe Priorität eingeräumt werden. Ihr kommt ebenfalls eine strategische Bedeutung zu, wenn es um Versorgungssicherheit und eine Stärkung der Industriestruktur geht.
Folgende fünf Schlussfolgerungen zieht der BEE aus dem Monitoring für eine Erholung der Wirtschaftskraft und eine dauerhaft bezahlbare, sichere und saubere Energieversorgung:
1. Planungs- und Investitionssicherheit für alle Erneuerbaren schaffen
Bei der Strombedarfsplanung müssen Puffer berücksichtigt werden, um die Voraussetzungen für neue Bedarfe (KI und Rechenzentren), Standortattraktivität, Wirtschaftswachstum sowie Nachholeffekte in der Elektrifizierung von Wärme und Verkehr zu schaffen. Die Annahme eines hohen Strombedarfs sichert die Industriestruktur und die Einhaltung der Klimaziele. Um den Strombedarf sicher und sauber zu decken, braucht es Kontinuität und Planungssicherheit für den gesamten Erneuerbaren-Technologiemix, von PV auf Freiflächen und Gebäuden über Windenergie an Land und auf See bis hin zu den flexibel steuerbaren Erneuerbaren und Speichern.
2. Kosten senken durch Flexibilisierung, Netzausbau und Digitalisierung
Potenziale, um Kosten zu reduzieren, liegen vor allem in der optimierten Nutzung bestehender Netzinfrastruktur, zum Beispiel durch flächendeckende Digitalisierung und die Überbauung von Netzverknüpfungspunkten. Durch die Standardisierung von Komponenten im Netzbereich kann der Preisauftrieb auf Grund von Lieferengpässen gestoppt werden. Auch Instrumente zur regionalen Steuerung sind sinnvoll und richtig. Gleichzeitig müssen Flexibilitäten erheblich ausgebaut werden, um die Netz- und Systemdienlichkeit zu steigern. Die Potenziale heimischer Bioenergie, Wasserkraft und Geothermie sind nutzbar zu machen und Stromspeicher weiter auszubauen. Hier steht die Auflösung des Genehmigungsstaus bei Großbatterien ebenso an wie die baurechtliche Privilegierung. Die smarte Steuerung von PV-Anlagen, Wärmepumpen, Heimspeichern bzw. E-Fahrzeugen ertüchtigt Verbraucher zum flexiblen Verhalten, wenn der Smart Meter-Rollout vorangeht und Anreize durch variable Netzentgelte und dynamische Stromtarife geschaffen werden.
3. Finanzierung von Erneuerbaren weiterentwickeln
Verlässliche Finanzierungsmechanismen sind entscheidend, um die Ausbaudynamik der Erneuerbaren aufrechtzuerhalten. Nur durch den Dreiklang aus zielgerichteter Förderung, Ordnungsrecht und marktwirtschaftlichen Anreizen werden in Zukunft niedrige Strompreise für Unternehmen und Haushalte sichergestellt. Die Abschaffung der fixen Einspeisevergütung geht aus dem Monitoring nicht hervor. Sie sollte als Absicherungsinstrument erhalten, aber optimiert und an EU-Vorgaben angepasst werden. Sie könnte sich an den erzeugten Strommengen statt einer Jahresfixierung orientieren.
4. Versorgungssicherheit und Resilienz durch dezentrales Back-up
Die Bereitstellung gesicherter Leistung darf nicht auf Erdgaskraftwerke verengt werden. Denn flexibel steuerbare Erneuerbare, KWK, Speicher und Sektorenkopplung tragen optimal zum dezentralen Ausgleich von Wind- und Sonnenstrom bei – übrigens zu größeren Anteilen als im Monitoring prognostiziert. Sie sind zudem günstiger, schneller verfügbar und resilient, also unabhängig von internationalen Krisen und fossilen Preisschocks. Wenn über das dezentrale Erneuerbare-Back-up hinaus zentrale Kraftwerkskapazitäten benötigt werden, ist es wichtig, diese mit einer Umstellung auf Wasserstoff und Erneuerbare Gase zu planen. CCS an Gaskraftwerken ist zu teuer und technisch limitiert. Die Umsetzung eines Kapazitätsmechanismus muss technologieoffen ausgestaltet werden.
5. Wasserstoffhochlauf stärken, Unsicherheiten abbauen
Das Monitoring ist eindeutig: Der Wasserstoffhochlauf ist zentraler Bestandteil einer kosteneffizienten Energiewende und hat strategische Bedeutung für den Wirtschaftsstandort. Für den Hochlauf braucht es zügig veränderte Rahmenbedingungen, die im Monitoring benannt sind, um Unsicherheiten auf beiden Seiten des Marktes abzubauen. Die heimische Erzeugung ist zu priorisieren, um die Bedarfe der Industrie zu decken und zusätzlich als Flexibilitätsoption im Strommarkt zu dienen. Auf der Erzeugungsseite kann durch die Weiterentwicklung der Strombezugskriterien auf EU-Ebene eine Kostendegression erzielt werden. Nachfrageseitig bieten sich Klimaschutzverträge, Leitmärkte und Quoten an. Auch ein staatliches Absicherungsmodell als Zwischeninstanz kann Unsicherheit reduzieren.
Wirtschaftliche Erholung ist unser aller Interesse. Signifikante Nachfrageimpulse werden diese Erholung und damit den Stromverbrauch stark steigen lassen. Steht dann weniger erneuerbarer Strom zur Defossilisierung zur Verfügung, steigen die CO2-Preise in allen Sektoren (Wärme, Verkehr, Strom, Industrie) sehr deutlich an, und es drohen nach BEE-Analyse erhebliche Mehrkosten von 29 bis 68 Milliarden Euro im Jahr 2030. Für einen privaten Haushalt würden sich die jährlichen Energiekosten um rund 1.080 bis 2.250 Euro erhöhen.
Unternehmen müssten empfindliche Summen für den Kauf von Emissionszertifikaten im EU-Emissionshandel aufwenden. Ohne eine ausreichende Menge an Erneuerbarem Strom fehlen zudem Anreize zur Elektrifizierung. In der Folge blieben Investitionen in die Sektorenkopplung aus, die global enorm voranschreitet. Hier muss Deutschland den Anschluss finden, von Wärmepumpen über E-Fahrzeuge bis hin zu grünen Molekülen.
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