Netzpaket : Netzanschlüsse neu denken: Mehr Tempo, mehr Transparenz, mehr Systemeffizienz
Der Andrang neuer Anlagen auf das Stromnetz wächst rasant – und mit ihm der Druck auf ein überholtes Netzanschlussregime. Das geplante Netzpaket des BMWK setzt an den richtigen Punkten an, reicht aber nicht aus, meint Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung. Es brauche mehr Tempo beim Netzausbau, klare Regeln für Engpässe und verlässliche Signale für Investoren.
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Erneuerbare Energien, Industrieanlagen, Rechenzentren, E-Ladeinfrastruktur, Wärmepumpen, Speicher, Mobilfunkmasten – sie alle wollen in großer Zahl schnell an das Stromnetz angeschlossen werden. Das ist eine gute Nachricht für Klimaschutz, Resilienz, wirtschaftliche Entwicklung und Wertschöpfung. Die Kosten des Netzausbaus werden mit dem Anwachsen an Abnehmern und dem damit verbundenen höheren Stromverbrauch auf weitere Schultern verteilt und somit pro Kilowattstunde (kWh) gedämpft. Zugleich stellt diese Dynamik unser Energiesystem jedoch vor enorme Herausforderungen.
Deshalb ist es richtig und überfällig, das gesetzliche Netzanschlussregime weiterzuentwickeln. Hier setzt das bekanntgewordene Netzpaket des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) an. In ihm geht es um weit mehr als den sogenannten Redispatchvorbehalt: Es geht um die Frage, wie wir Erneuerbaren-Zubau, Netzanschlüsse, Engpassmanagement, Flexibilitäten und Netzausbau künftig so verzahnen, dass die Energiewende schneller, effizienter und kostengünstiger wird.
Es braucht ein Beschleunigungspaket für den Netzausbau
Die zentralen Aufgaben sind unstrittig: Bestehende Netzkapazitäten müssen effizienter bewirtschaftet werden können. Gleichzeitig muss der Netzausbau konsequent beschleunigt werden. Beide Aufgaben stellen zwei Seiten einer Medaille dar. Wenn der Ausbau zentraler Netzprojekte im Durchschnitt zehn Jahre dauert, ist das für einen Industriestandort wie Deutschland nicht akzeptabel. Unser Anspruch ist höher. Wenn wir volkswirtschaftliche Resilienz und Leistungsfähigkeit ernst nehmen, brauchen wir ergänzend zum Netzpaket zeitnah ein echtes Beschleunigungspaket für den Netzausbau.
Gerade in Netzengpassgebieten brauchen wir zudem mehr Transparenz. Schließlich gilt es, Engpässe dort mit höchster Priorität zu beseitigen, wo sie systemisch am stärksten wirken, und die höchsten Kosten verursachen. Neue Anlagen sollten, wo immer möglich und wirtschaftlich sinnvoll, dort entstehen, wo das Netz ihre Einspeisung leisten kann. Gleichzeitig muss der Ausbau der Erneuerbaren Energien weitergehen. Dafür braucht es klare Signale - für Erzeuger und für Netzbetreiber gleichermaßen. Preissignale und rechtliche Rahmenbedingungen sollten klug miteinander verschränkt und strukturelle Engpässe sowie Redispatchmengen reduziert werden. Gleichzeitig müssen wirtschaftliche Planbarkeit und Finanzierung („Bankability“) auf beiden Seiten gewährleistet bleiben. Komplexität und Bürokratie dürfen nicht weiter anwachsen – sie müssen sinken.
Entscheidend ist, wo der Engpass entsteht
Besonders sensibel ist der künftige Umgang mit kapazitätslimitierten Abschnitten im Verteilnetz. Zu prüfen ist zunächst, wann ein Netz als kapazitätslimitiert gilt und welche Rechtsfolgen daran geknüpft werden. Hier braucht die Branche eine klare, belastbare behördliche Darstellung der Datengrundlage sowie eine transparente Abschätzung der Auswirkungen auf Erneuerbare-Energien-Anlagen und Netzbetreiber. Auch die Standortgebundenheit einzelner Technologien muss berücksichtigt werden. Wo Einschränkungen vorgesehen werden, braucht es also Transparenz, klare Befristungen, eine Verknüpfung mit prioritärem Netzausbau und die Nachvollziehbarkeit der Auswirkungen auf Finanzierung und Wirtschaftlichkeit der Projekte.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Systemlogik über Netzebenen hinweg: Es muss eindeutig geklärt werden, was gilt, wenn der Engpass im eigenen Netz liegt, EE-Anlagen aber auf Anweisung durch den Betreiber des nachgelagerten Netzes abgeregelt werden. Heute tragen die anweisenden Netzbetreiber die Redispatchkosten, können aber im eigenen Netzgebiet die Ursachen des Engpasses durch Flexibilitätsmechanismen, wie etwa flexible Netzanschlussvereinbarungen (FCA), nicht beseitigen. Im Effizienzvergleich der Bundesnetzagentur ist das ein massiver Nachteil. Denn in der Redispatchlogik zahlt der Anweisende, nicht der Ausführende. Deshalb muss eine Regelung präzise ansetzen: Maßgeblich ist, wo der Engpass tatsächlich liegt und wie rechtssicher damit umgegangen werden kann – dann entsteht eine Lenkungswirkung für alle Seiten.
Widersprüchliche Signale vermeiden
Aus Sicht der Energiewirtschaft gelten klare Prämissen: Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss konsequent weitergehen und gemeinsam effizienter gesteuert werden. Auch neue Verbraucher müssen so schnell und effizient wie möglich angeschlossen werden. Dazu muss der Netzausbau schneller und einfacher werden. Und neue Instrumente dürfen nicht zu einem dauerhaften pauschalen Eingriffsrecht werden. Ein Ansatz für kapazitätslimitierte Gebiete kann nur dann funktionieren, wenn er verhältnismäßig, eng begrenzt, transparent begründet, klar mit prioritärem Netzausbau verknüpft ist und die wirtschaftliche Planbarkeit wahrt.
Das Netzpaket ist hier ein wichtiger Schritt. Es darf aber nicht der letzte bleiben. Wenn wir jetzt die richtigen Weichen stellen, können wir den Zubau von Erneuerbaren, Netzanschlüssen, Flexibilitäten (wie netzdienliche Batteriespeicher), Engpassmanagement und Netzausbau so verzahnen, dass die Energiewende schneller, effizienter und insgesamt günstiger wird. Das ist der Maßstab – sicher keine einfache, aber eine notwendige Aufgabe.
Dafür ist eine engere Abstimmung zwischen BMWE und Bundesnetzagentur ab sofort erfolgskritisch. Parallellaufende Gesetzgebungs- und Festlegungsverfahren zum Netzpaket mögen auf dem Papier voneinander losgelöst erscheinen – in der Praxis greifen sie tief ineinander. Wer Lenkungswirkung schaffen will, darf keine widersprüchlichen Signale senden. Wer Investitionen anreizen will, muss Verlässlichkeit schaffen. Und wer Kosten- und Systemeffizienz erreichen will, muss die Instrumente konsistent zusammenführen.
Die Energiewende ist schon komplex genug. Damit sie einfacher und zielgerichteter werden kann, braucht die Energiewirtschaft zwei Taktgeber, die sich untereinander abstimmen. Und es braucht den Praxischeck. Die Lösungen müssen einfach umsetzbar sein.
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