Realismus statt Fehlanreize : Plädoyer für eine systemisch effiziente Nutzung von nachhaltiger Biomasse
Nachhaltige Biomasse ist eine weltweit stark begrenzte, aber zugleich zentrale Transformationsressource. Politisch wird sie in Deutschland dennoch behandelt, als sei sie nahezu unlimitiert verfügbar. Genau darin liegt ein zentraler strategischer Fehler. Die vorhandenen Ressourcen müssen dringend dort eingesetzt werden, wo sie den höchsten systemischen Nutzen entfalten, schreibt Luisa Keßler von der Klima- und Umweltschutzorganisation Bellona Deutschland.
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Vor allem die deutsche und europäische Chemieindustrie, die ohnehin vor enormen Transformationsherausforderungen steht, wird langfristig auf nachhaltige Kohlenstoffquellen für deren stoffliche Nutzung angewiesen sein, wenn sie am Wirtschaftsstandort Deutschland bestehen möchte. Die Bundesregierung erkennt dies richtigerweise sowohl in der jüngst veröffentlichten Chemieagenda als auch im neuen Klimaschutzprogramm an.
Solche Bekenntnisse stehen jedoch im Widerspruch zum angekündigten Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG). Es droht zum Paradebeispiel einer Fehlallokation knapper nachhaltiger Kohlenstoffquellen zu werden. Gerade in Krisenzeiten entscheidet die Priorisierung knapper Ressourcen über die Resilienz des Wirtschaftsstandortes, indem verfügbare Ressourcen gezielt für wirtschaftlich besonders wertschöpfende und kritische Anwendungen eingesetzt werden.
Biomasse – Potenziale und Grenzen
Die Dimension dieses Problems wird häufig unterschätzt. In einem Update der Chemistry4Climate-Studie aus dem Jahr 2024 wird für Grundstoff- sowie Spezialchemie von einem Biomassebedarf von bis zu knapp 30 Megatonnen im Jahr 2045 ausgegangen. Auch der Ersatz von Erdgas durch Biomasse zur energetischen Nutzung in industriellen Hochtemperaturprozessen dürfte neben grünem Wasserstoff zukünftig von zentralerer Bedeutung für einige Schlüsselbranchen sein, ganz zu schweigen von erheblichen Mengen an Biokraftstoffen für Luft- und Schifffahrt.
Diesen Mengen steht ein nationales Potenzial an Rest- und Abfallstoffen und sonstigen Biomassen in einem Bereich von grob 50 bis 60 Megatonnen im Jahr 2050 gegenüber, basierend auf Szenarioanalysen des Deutschen Biomasseforschungszentrums. Die tatsächlich nachhaltig verfügbare Menge hängt jedoch maßgeblich von Nachhaltigkeitskriterien, Flächenkonkurrenzen, Biodiversitätszielen und zukünftigen Ernährungs- und Landnutzungsmustern ab.
Mit Blick auf die Ukraine beispielsweise, die häufig als Hoffnungsträger für ungenutzte ausländische Biomassepotenziale angeführt wird, bleibt abzuwarten, in welchem Umfang tatsächlich nachhaltige Handelsvolumina realisiert werden können. Auf solche Importquellen zu hoffen, ist ein ungedeckter Scheck.
Vor dem Hintergrund knapper Verfügbarkeiten sollte der Einsatz von Biomasse – nicht zuletzt aus Gründen der wirtschaftlichen Vernunft – einer klaren Nutzungshierarchie folgen: Nach ihrem Verbleib in natürlichen Senken und der Ernährungssicherheit sollte zunächst die stoffliche Nutzung Priorität genießen, da hier der volkswirtschaftliche und klimapolitische Nutzen besonders hoch ist. Denn die stoffliche Nutzung von Kohlenstoff kann diesen eher langfristig binden. Sie generiert in der Regel eine höhere Wertschöpfung, da sie zum Beispiel in Materialien und chemischen Produkten mit hoher Weiterverarbeitungstiefe eingesetzt wird, und ersetzt fossile Rohstoffe in besonders schwer zu transformierenden Anwendungen. Erst nachrangig ist eine energetische Nutzung sinnvoll – und zwar dort, wo Elektrifizierung nicht oder nur schwer möglich ist.
GMG verstärkt strukturelle Fehlanreize zugunsten energetischer Biomassenutzung
Die aktuell vorwiegend energetische Nutzung von Biomasse verursacht erhebliche volkswirtschaftliche Opportunitätskosten. Die 65-Prozent-Regel für erneuerbare Energieträger des Gebäudeenergiegesetzes soll einer sogenannten Grüngasquote in Kombination mit der Biotreppe weichen. In der Praxis schafft die Reform neue Anreize, weiterhin in Gas- und Ölheizungen zu investieren und auf weder nachhaltiges noch volkswirtschaftlich zielführendes Biogas und -öl zu setzen, obwohl kosteneffiziente elektrische Alternativen längst verfügbar sind. „Grüne“ Gase werden auf absehbare Zeit knapp und teuer bleiben.
Inzwischen liegen zahlreiche Berechnungen und Studien vor (siehe z. B. jüngst PIK), welche die unzureichende Verfügbarkeit und Bezahlbarkeit nachhaltiger „grüner“ Gase oder gar „grünen“ Öls und damit nicht zuletzt auch die gesamtwirtschaftliche Ineffizienz des großflächigen Erhalts der damit auch zukünftig erforderlichen Gasnetze belegen.
Die Konsequenz ist absehbar: Es werden Infrastrukturen und Investitionen zementiert, die langfristig nicht tragfähig sind und die Allgemeinheit teuer zu stehen kommen, während gleichzeitig jene Sektoren, die zwingend auf nachhaltige Moleküle angewiesen sind, in die Röhre schauen.
Das GMG reiht sich somit in eine Reihe politischer Rahmenbedingungen ein, die bestehende Fehlanreize zugunsten einer energetischen Nutzung von Biomasse weiter verstärken. Ähnliche Fehlsteuerungen zeigen sich beispielsweise beim großflächigen Anbau von Energiepflanzen und deren Nutzung in elektrifizierbaren Mobilitätsanwendungen sowie bei der Flächeninanspruchnahme für Futtermittelproduktion für die Fleischindustrie. Diese weisen insbesondere unter Berücksichtigung von Landnutzungsänderungen und Opportunitätskosten im LULUCF-Sektor häufig eine schlechtere Klimabilanz auf, als ökologisch und klimapolitisch vorteilhaftere Alternativen wie Elektrifizierung, Effizienzsteigerungen oder veränderte Konsummuster.
Demgegenüber fehlen bislang vergleichbare Instrumente, welche die stoffliche Nutzung biogener Rohstoffe gezielt stärken und sinnvolle Nutzungsbereiche für nachhaltige Biomasse entsprechend wirtschaftlich attraktiver machen würden. Beispielsweise durch Quoten für biobasierte langlebige Materialien oder eine wirksame Bepreisung fossilen Kohlenstoffs, der in Produkten gebunden wird, anstatt einer ausschließlichen Bepreisung der direkten Emissionen bei Produktion im Rahmen des ETS.
Strategische Biomassepolitik für einen starken Wirtschaftsstandort und effektiven Klimaschutz
Statt an klimapolitischen Kerninstrumenten wie dem EU-Emissionshandel zu schrauben, um das Überleben einzelner Branchen wie der Chemieindustrie zu sichern, sollte die Bundesregierung eine wirtschaftspolitisch konsistente und glaubwürdige Transformationsstrategie vorlegen, die knappe Ressourcen strikt entlang ihres höchsten volkswirtschaftlichen Nutzens priorisiert. Der Einsatz von Biomasse im Gebäudesektor ist unter Klima-, Effizienz- und Kostengesichtspunkten kaum zu rechtfertigen.
Eine Nationale Biomassestrategie (NABIS) hätte einen geeigneten Rahmen für die Steuerung von Biomasse bieten können, wurde jedoch von der vorherigen Bundesregierung nicht prioritär behandelt und von der aktuellen bislang nicht wieder aufgegriffen. Eine strategisch ausgerichtete Biomassepolitik ist nicht nur Voraussetzung für wirksamen Klimaschutz, sondern auch für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland. Politische Instrumente, die zusätzliche Biomassebedarfe in der Gebäudewärme erzeugen, sollten daher unterbleiben oder zumindest durch Maßnahmen flankiert werden, die den Einbau und Weiterbetrieb fossiler Heizsysteme gegenüber Alternativen wie Wärmepumpen deutlich unattraktiver machen.
Wer die Resilienz des Wirtschaftsstandortes stärken will, muss mit knappen Ressourcen haushalten. Alles andere ist kein Pragmatismus, sondern teurer Selbstbetrug.
Luisa Keßler ist Referentin für Nachhaltige Wasserstoffwirtschaft bei der Klima- und Umweltschutzorganisation Bellona Deutschland. In ihrer Tätigkeit verantwortet sie auch die Arbeit zur Grüngasquote.
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