Transformation der Chemie : Preissignale reichen nicht
Die Transformation der Chemie- und Pharmaindustrie lässt sich nicht herbeiregulieren, sagt Matthias Belitz vom Verband der Chemischen Industrie. Auch der Emissionshandel wirke nur, wenn Energieangebot, Infrastruktur, Rohstoffe und Märkte für CO₂-arme Produkte mitwachsen. Ohne reale Transformationsmöglichkeiten werde aus CO2-Bepreisung kein Investitionssignal, sondern ein Wettbewerbsnachteil.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Ende Juni beschrieb der WWF an dieser Stelle seine Vorstellungen, wie die Chemie- und Pharmaindustrie klimaneutral werden kann. Ein unangetastetes europäisches Emissionshandelssystems ETS sei dabei ein zentraler Eckpfeiler. Für die Industrie würde das bedeuten: weitere Verknappung der Zertifikate und schrittweiser Abbau der Zuteilung kostenloser Zertifikate – eine deutliche Verschärfung, obwohl elementare Transformationsvoraussetzungen fehlen.
Der WWF beschrieb des Weiteren auch viele Bausteine, die zweifelsfrei zur Transformation der Chemie gehören: Elektrifizierung, Einsatz von klimafreundlichem Wasserstoff, Kreislaufwirtschaft, erneuerbare Energien, grüne Märkte. Die entscheidende Frage ist, wie all diese Aspekte unter realen Bedingungen in Produktionsanlagen, Netzen und Märkten umgesetzt werden können.
Klar ist: Die Krise der Branche hat viele Ursachen. Globale Überkapazitäten und staatlich gestützte Konkurrenz aus China etwa. Die CO₂-Bepreisung wirkt aber gerade in dieser Wettbewerbslage wie ein heftiger Zusatznachteil – in einer Welt, in der Konkurrenten sehr unterschiedliche Kosten für CO₂-Emissionen tragen. Ein CO₂-Preis kann Druck erzeugen. Er baut aber keine Wasserstoffleitungen, schafft keine CO₂-Infrastruktur, senkt keine Stromsystemkosten und erzeugt keine Nachfrage nach CO₂-armen Chemieprodukten.
Die Chemie hat ihre Treibhausgasemissionen seit 1990 um mehr als 60 Prozent gesenkt – bei gleichzeitig deutlich gesteigertem Produktionsvolumen. Die meisten Effizienzpotenziale sind mittlerweile gehoben. Für weitere große Emissionsreduktionen braucht es jetzt neue Technologien und Anlagen. Fehlen die Voraussetzungen wie die Infrastrukturen oder größer dimensionierte Stromnetzanschlüsse, wird aus steigenden Kosten für CO₂-Emissionen ein De-Industrialisierungsrisiko.
Chemie ist Basisindustrie
In der Chemie- und Pharmaindustrie entstehen aus wenigen Grundstoffen in eng vernetzten Produktionsnetzwerken mehr als 70.000 gehandelte Erzeugnisse. Sie fließen in fast alle Industrieprodukte: zum Beispiel in Batterien, Windräder, Halbleiter, Wärmepumpen, Autos, Gebäude, Arzneimittel oder Verpackungen. Wer bei Basischemikalien Kosten erhöht, verändert Preise, Lieferketten und Investitionsentscheidungen in unzähligen nachgelagerten Wertschöpfungsstufen.
Die Branche ist zudem nicht nur Emittentin. Sie liefert Materialien, Verfahren und Vorprodukte, mit denen andere Sektoren klimaneutral werden können. Geht industrielle Substanz in der Chemie verloren, wankt ein Teil des industriellen Fundaments.
Technologiesprünge nötig
Die Branche hat ihre Klimapfade schon länger im Blick. Studien – etwa im Rahmen des Projekts Chemistry4Climate mit über 80 Partner: innen aus Industrie, Politik und Zivilgesellschaft – haben schon vor Jahren gezeigt, welche Wege zur Treibhausgasneutralität führen können.
Dabei war klar: Für die nächste Transformationsstufe sind große, grundlegende Technologie- und Infrastruktursprünge notwendig. Es geht um neue Prozesstechnologien, klimaneutralen Strom und Wasserstoff in großen Mengen und zu wettbewerbsfähigen Kosten, Infrastruktur für Strom, Wasserstoff und CO₂, Kreislaufwirtschaft, Biomasse und tragfähige Märkte für CO₂-arme Produkte.
Ein wesentlicher Teil davon wird erst in den 2030er-Jahren im industriellen Maßstab reif oder verfügbar sein – das war auch den Partner:innen der Klimaschutzplattform Chemistry4Climate klar. Mehr Druck kann Investitionen verhindern, wenn die zusätzliche Kostenbelastung die Finanzierung erschwert.
ETS realitätsfest machen
Der Emissionshandel ist nur als zentrales Steuerungsinstrument erfolgreich, wenn er Investitionen in Europa auslöst – nicht Produktion aus Europa herausdrückt. Deshalb ist die Benchmark-Debatte so wichtig. Diese Vergleichswerte bestimmen, wie viele Zertifikate Unternehmen kostenlos erhalten. Das ist kein klimapolitisches Geschenk, sondern essenzieller Carbon-Leakage-Schutz. Wandert Produktion ab, werden Emissionen nur verlagert. Die freie Zuteilung kann erst sinken, wenn Alternativen bereitstehen. Sonst kommt es zu der oben beschriebenen kontraproduktiven Kostenfalle.
Hinzu kommt: Der Grenzausgleichsmechanismus CBAM kann diesen Schutz für die Chemie nicht ersetzen. Wird nur ein Basisprodukt erfasst, ist die nachgelagerte Wertschöpfung nicht geschützt. Wer weiterverarbeitete Produkte wie organische Chemikalien, Polymere und Folgestufen einbezieht, baut ein hochkomplexes System mit neuen Berichtspflichten, Abgrenzungsfragen und Umgehungsrisiken auf. Ein bürokratisches Hase-und-Igel-Rennen, das keinen effektiven Schutz gewährleistet – aber enorme Ressourcen für Standardsetzung, Erfassung, Auditierung und Nachverfolgung bindet. Außerdem bietet CBAM bis dato keinen Schutz für Exporte.
Das ETS braucht einen Realitätscheck: Solange zentrale Transformationsvoraussetzungen fehlen, muss der Schutz erhalten bleiben. Die Annahmen, etwa was Wasserstoffhochlauf, Umbau des Stromsystems oder globale Bepreisung von CO₂-Emissionen angeht, waren beim Systemstart vor über zwanzig Jahren leider zu optimistisch. Die Europäische Kommission muss jetzt Wege finden, Klimaschutzambitionen mit der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und technischen Voraussetzungen in Gleichklang zu bringen.
Systemkosten statt Schlagworte
Die deutsche Energiewende zeigt: Mit dem Ausstieg aus fossilen Energien ist es nicht getan. Der isolierte Blick auf Herstellungskosten erneuerbaren Stroms greift viel zu kurz. Für Industrieunternehmen zählt der All-in-Preis: Strommarktpreis, Netzentgelte, Umlagen, Steuern, und nicht zuletzt Kosten für Versorgungssicherheit durch Back-up-Kapazitäten oder Einrichtungen zur Stabilisierung des Systems.
Entlastungen wie Strompreiskompensation und Industriestrompreis helfen, ersetzen aber keine langfristig wettbewerbsfähigen Stromkosten. Zumal der breiter wirksame Industriestrompreis in der Praxis weit weg von den kolportierten 5 Cent pro Kilowattstunde liegt. Außerdem ist er auf drei Jahre befristet. Die Kumulierbarkeit mit der Strompreiskompensation gilt bisher sogar nur für ein Jahr. Wer über Elektrifizierung entscheidet, rechnet aber mit erwarteten Stromgesamtkosten über Jahrzehnte.
Entscheidend ist das Gesamtsystem: Erneuerbare Erzeugung, Netze, Speicher, gesicherte Leistung und industrielle Nachfrage müssen besser ineinandergreifen. Mehr Ausbau allein reicht nicht, wenn Strom nicht dort ankommt, wo er gebraucht wird, und schlicht zu teuer ist.
Transformation ermöglichen
Es muss jetzt darum gehen, den industriellen Umbau machbar zu gestalten. Notwendig sind wettbewerbsfähige klimafreundliche Energie, schnellere Genehmigungen, Wasserstoff- und CO₂-Infrastruktur, praxistauglicher Carbon-Leakage-Schutz und Märkte, in denen CO₂-arme Produkte auch bezahlt werden. Ohne diese elementaren Voraussetzungen wirkt die vom WWF geforderte unangepasste Fortsetzung des ETS-Weges kontraproduktiv.
Darüber hinaus braucht es einen Politikwechsel: weg von kleinteiliger Regulierung mit immer neuen Einzelvorgaben. Hin zu einem Rahmen, der Systemkosten senkt, Infrastrukturauf- und -ausbau beschleunigt sowie Investitionen ermöglicht.
Die Unternehmen bringen Innovationen und den Willen zum Wandel ein. Sie entwickeln neue Verfahren, treiben Kreislaufwirtschaft voran und bereiten den Einsatz von Wasserstoff, Elektrifizierung sowie CCS und CCU vor. Damit daraus Investitionen am Standort Europa werden, muss die Politik die entsprechenden Voraussetzungen schaffen.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden