Wärme ohne Umweg : Solarthermie braucht keine Pipeline und keine Straße von Hormus
Deutschland heizt noch immer zu 80 Prozent mit importierten fossilen Brennstoffen – obwohl die Lösung auf jedem Dach liegt. Solarthermie kann Haushalte, Dörfer und ganze Städte nahezu klimaneutral beheizen, schreibt Charlotte Brauns, Referentin beim Bundesverband Solarwirtschaft.
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Nicht erst seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine und dem Iran-Krieg ist die sichere und bezahlbare Energieversorgung ein zentrales Thema für Politik und Bürger:innen. Während der Grünstromanteil in Deutschland stetig steigt, werden weiterhin gut 80 Prozent der Wärme aus fossilen Energieträgern erzeugt, die importiert werden müssen. Da Wärme gleichzeitig den Löwenanteil des Endenergieverbrauches ausmacht (in Haushalten werden im Schnitt vier Fünftel des Energieverbrauches für Raumwärme und Warmwasser benötigt), ist Deutschland bei der Wärme deutlich vulnerabler als bei der Stromversorgung.
Solarthermie, die direkte Nutzung solarer Strahlungsenergie als Wärme, spart einem Einfamilienhaus je nach Konstellation (Wärmebedarf vs. Größe bzw. Ertrag der Anlage) mindestens 20 Prozent, oft sogar mehr als 30 Prozent des Brennstoffes für die Heizung. Gleiches gilt auch für den Strom, den eine Wärmepumpe benötigt. Die Sonne schickt uns keine Rechnung – das mag abgedroschen klingen, ist deshalb aber nicht weniger wahr!
Große solarthermische Dachanlagen können auch auf Gewerbe- und Industrieobjekten installiert werden. 2022 wurde beispielsweise auf der Werkshalle von Ritter Sport in Dettenhausen Deutschlands größte Solarthermie-Dachanlage mit einer Gesamtfläche von 2.312 Quadratmetern in Betrieb genommen. Diese Anlage speist in das Wärmenetz der Stadt Tübingen ein.
Solarthermische Anlagen lassen sich zudem exzellent im öffentlichen Raum integrieren: In Regensburg wird etwa ein Sportpark solarthermisch beheizt, wobei die Kollektoren als Parkplatzüberdachung dienen – das spart Platz und spendet gleichzeitig Schatten.
Solarthermie in kommunalen Wärmenetzen
Solarthermie ist nicht nur für private und gewerbliche Dächer, sondern auch für Wärmenetze eine attraktive Option – die Unabhängigkeit von jeglichem Brennstoff senkt (volatile) Kosten und Abhängigkeiten. Solarthermie weist zudem einen äußerst geringen Treibhausgas-Fußabdruck auf, verbraucht keine seltenen Erden und benötigt keine Computerchips. Als Speichermedium für überschüssige Wärme dient Wasser – das ist kostengünstig und umweltfreundlich. Die Kollektoren aus europäischer Produktion stärken auch die Versorgungssicherheit und die heimische Wirtschaft.
Neben der „klassischen“ Solarthermie, also Flachkollektoren oder Vakuumröhrenkollektoren, können für höhere Temperaturen bis circa 400 Grad in Industrieprozessen auch konzentrierende Kollektoren (Parabolrinnen) genutzt werden.
In den bereits fertigen Wärmeplänen der Kommunen wird Solarthermie durchaus berücksichtigt. Doch dominiert bisher noch das Modell „Bioenergiedorf“ mit einer Kombination aus Biomasse (ca. 80 %) und Solarthermie (ca. 20 %). Erste Metaanalysen der Wärmepläne zeigen jedoch, dass die Biomassepotenziale in kommunalen Wärmeplanungen oft „überplant“ sind, das heißt in höherem Maße vorgesehen als regional verfügbar. Daher ist es sinnvoll, der Solarthermie eine größere Rolle beizumessen, um wertvolle Biomasse zu sparen.
Ab circa 30 Prozent Solartanteil übers Jahr wird allerdings ein Saisonalspeicher benötigt, um die Wärme vom Sommer ins Winterhalbjahr zu „verschieben“. Erdbeckenspeicher, die diese Aufgabe übernehmen können, gibt es in Dänemark in Verbindung mit Solarthermie seit Jahrzehnten. Deutschland profitiert von den Erfahrungen des nördlichen Nachbarn und hat ebenfalls erste Projekte realisiert.
Solardorf Bracht dekabonisiert Wärmeversorgung
Zu nennen wäre hier vor allem ein wegweisendes Projekt im hessischen Bracht. Dort sind seit September 2025 knapp 200 Gebäude, inklusive Schule und Mehrzweckhalle, an ein neu errichtetes Wärmenetz mit gut 70 Prozent Solarthermie, saisonalem Speicher, Biomassekessel und Wärmepumpe angeschlossen.
Was mit einer energetischen Sanierung der Bausubstanz und dem Einsatz dezentraler Wärmepumpen Jahrzehnte gedauert hätte, wurde in Bracht nach weniger als zwei Jahren Bauzeit Realität: Eine CO2-Einsparung von 98 Prozent, indem 200 Gebäude fortan nicht mehr mit Öl, sondern aus dem regenerativen Wärmenetz versorgt werden – und das zu vergleichbaren Kosten.
Neben der Verlagerung der Mammutaufgabe Dekarbonisierung von der individuellen auf die kollektive Ebene ist der Faktor Zeit der entscheidende. Bracht macht vor, wovon im politischen Berlin nicht oft die Rede ist: Ein ganz normales Dorf mit durchschnittlicher Gebäudestruktur, ohne Rechenzentrum oder industrielle Abwärme in der Nähe, ohne einen Fluss oder eine andere Wärmequelle, kann durch Solarthermie nach wenigen Jahren Planungs- und Bauzeit (nahezu) CO2-neutral werden.
Der hohe Solarwärmeanteil wird dafür sorgen, dass der Arbeitspreis in Bracht von 16,5 Cent/Kilowattstunde auch in Zukunft nicht nennenswert steigen wird. Der volatile Anteil der Wärmekosten, unter anderem verursacht durch Biomasse und Strom für die Wärmepumpe, ist dank Solarthermie gering. Die Wärmepumpe springt erst zum Ende des Winters ein, um das abgekühlte Wasser im Erdbeckenspeicher auf die benötigte Temperatur zu bringen. Sie kann dank der höheren Quelltemperatur (circa 30 Grad zum Ende des Winters) sehr effizient arbeiten. Die Solarthermie selbst benötigt nur sehr wenig Strom für die Pumpen.
Das Beispiel Bracht zeigt, dass ein System aus verschiedenen Wärmetechnologien das Optimum aus den örtlichen Gegebenheiten herausholen kann. Dörfer und Ortsteile im ländlichen Raum verfügen in der Regel über keine nennenswerten Wärmequellen außer der Sonne. Mit etwas Glück haben sie aber eine oder mehrere Flächen, die für eine Solarthermieanlage geeignet sind. Die Nähe zu Ortschaften ist dabei entscheidend. Im Unterschied zur Fotovoltaik dürfen Solarthermieanlagen nicht beliebig weit weg von der Siedlung liegen, um die sogenannte Anbindeleitung möglichst kurz zu halten.
Kontrastierend zum Beispiel „Solardorf Bracht“ wird in Leipzig im Juni 2026 die mit einigem Abstand größte Solarthermie-Freiflächenanlage ans Netz gehen. Dort hatte man das Glück, im Stadtgebiet (Lausen – Grünau) eine geeignete, ehemals landwirtschaftlich genutzte Fläche bebauen zu können. Die Kollektorfläche des Projekts beträgt 6,5 Hektar. Der jährliche Wärmeertrag der Anlage wird mit 26 GWh angegeben, was über 7.000 Tonnen CO2-Einsparung entspricht. Hier ist das Wärmenetz so groß, dass kein Speicher benötigt wird.
Solarthermie hat großes Wachstumspotenzial
In Deutschland produzieren knapp 60 Solarthermie-Freiflächenanlagen saubere und brennstofffreie Wärme – und jedes Jahr kommen neue hinzu. Allerdings ist bei 60 Anlagen in knapp 3.800 Wärmenetzen noch viel Luft nach oben. Die Beratungsgesellschaft Prognos bescheinigt der netzgebundenen Solarthermie ein Potenzial von jährlich rund 4,5 TWh – das entspricht rund zehn Millionen Quadratmetern Kollektorfläche.
Hiervon sind erst knapp 500.000 Quadratmeter in Betrieb. Viele dieser Solarthermieanlagen haben 3.000 bis 6.000 Quadratmeter Kollektorfläche – eine Größe, die dem Konzept „Bioenergiedorf“ entspricht. Doch der Trend geht zu größeren Anlagen mit mehr Kollektorfläche. Die Kollektorhersteller stehen in den Startlöchern und haben mittlerweile besonders große Kollektoren auf den Markt gebracht, die speziell für Freiflächenanlagen konzipiert sind, weniger hydraulische Verbindungen benötigen und schneller errichtet werden können. So kann mehr Kollektorfläche schneller und kostengünstiger verbaut werden.
Dass die Bundesregierung den Wärmenetzen eine große Bedeutung beimisst, ist gut und richtig. Dies meint einerseits die Dekarbonisierung bestehender Netze, also den Ersatz fossiler durch regenerative Energieträger, und andererseits auch die Erweiterung bestehender Netze sowie den Neubau von Netzen, sodass insgesamt mehr Haushalte von einer regenerativen, zentralen Wärmeversorgung profitieren können.
Ein schöner Nebeneffekt dieser Strategie: Es obliegt nicht den einzelnen Hausbesitzern, die beste regenerative Lösung zu finden, entsprechende Angebote einzuholen, sich um die Förderung zu kümmern und die Investitionskosten aufzubringen.
Solarthermie ist ein unverzichtbarer Baustein der Wärmewende. Ihre Nutzung ist naheliegend (die Sonne scheint überall), hat sehr geringe Umweltkosten und benötigt keinen Brennstoff. Ob als Beitrag zur Deckung der Sommerlast oder dank saisonalem Speicher mit Anteilen weit jenseits der 50 Prozent: Jede Kommune, die vorausschauend in die Zukunft plant, sollte sich die Solarthermie genau anschauen und Flächen zur Solarthermie-Nutzung ausweisen. Und auch Akzeptanzprobleme von Solarthermieanlagen seitens der Bevölkerung sind bisher nicht bekannt. Im Gegenteil: Die erzeugte Wärme kommt zu 100 Prozent den Menschen vor Ort zugute und diese wissen das zu schätzen.
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