Stromsystem : Speicher statt Subventionen: Warum Gaskraftwerke nicht die einzige Lösung sein dürfen
Bei der Versorgungssicherheit darf sich die Diskussion nicht auf nur eine Technologie verengen, schreibt Benedikt Deuchert, Head of Business Development & Regulatory Affairs beim Batteriespeicher-Anbieter Kyon Energy. Die Gefahr eines überhasteten Aufbaus fossiler Kapazitäten im Panikmodus ist aus seiner Sicht real.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden
Die Bundesregierung plant den Zubau von bis zu 20 Gigawatt (GW) an neuen Gaskraftwerken – eine Maßnahme, die in Berlin intensiv diskutiert wird. Ziel ist es, Versorgungssicherheit in Zeiten von Dunkelflauten zu gewährleisten. Die Dringlichkeit ist nachvollziehbar. Doch in der aktuellen Ausgestaltung droht ein entscheidender Fehler: Die politische Debatte verengt sich auf eine einzige Technologie und blendet marktfähige, klimafreundlichere Alternativen wie Batteriespeicher weitgehend aus.
Der geplante Ausbau neuer Gaskraftwerke basiert zwar auf einer EU-rechtlichen Öffnung. Dennoch gilt: Solche Maßnahmen dürfen nicht im Aktionismus erfolgen. Die Gefahr eines überhasteten Aufbaus fossiler Kapazitäten im Panikmodus ist real – und wäre energiepolitisch kurzsichtig.
Boom bei Großbatteriespeichern
Längst zeigen aktuelle Studien, dass Batteriespeicher zentrale Systemdienstleistungen erbringen können – schnell, emissionsfrei und ohne staatliche Subventionen. Eine Studie von Frontier Economics liefert bemerkenswerte Zahlen: Bereits bis 2030 könnten 15 GW an Großbatteriespeichern den Bedarf an neuen Gaskraftwerken um bis zu 9 GW reduzieren und hierbei volkswirtschaftlichen Nutzen in Milliardenhöhe erzielen.
Diese Ausbauzahlen sind keine Zukunftsvision. Der Markt entwickelt sich rasant. Der Boom bei Großbatteriespeichern zeigt: Die Technologie ist da, sie ist wirtschaftlich tragfähig und sie kann sofort skaliert werden. Der tatsächliche Speicherausbau könnte die Prognosen von Frontier Economics sogar noch übertreffen. Umso gravierender wäre es, wenn ausgerechnet jetzt einseitige Fördermodelle marktfähige Lösungen verdrängen.
Jede Form von Flexibilität verdient eine faire Chance
Die aktuelle Debatte verengt sich aktuell auf klassische Ausschreibungsmodelle für reine Gaskraftwerke. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sprach zuletzt von einem voll auf Gaskraftwerke zentrierten „Schnellboot“, um zügig, möglichst bis 2030, 5 bis 10 GW an Kraftwerken zubauen zu können. Übersehen wird dabei, dass andere Formen von Flexibilität noch viel kurzfristiger zur Verfügung stehen als Gaskraftwerke: Ob Batteriespeicher, Lastmanagement oder Power-to-X – all diese Technologien leisten unterschiedliche, aber zentrale Beiträge zur Stabilisierung des Systems, und das bereits weit vor dem Jahr 2030.
Ihre Geschäftsmodelle dürfen nicht von subventionierten Gaskraftwerken unterwandert werden. Faire, marktwirtschaftliche Rahmenbedingungen müssen erhalten und - soweit noch nicht eingeführt - neu geschaffen werden.
Subventioniertes Gas statt marktfähiger Innovation?
Die geplante Kraftwerkstrategie sieht umfangreiche Subventionen für neue Gaskraftwerke vor, inklusive späterer Umrüstung auf Wasserstoff. Doch genau darin liegt ein doppeltes Kostenrisiko: Zum einen entstehen hohe Investitionen in fossile Infrastrukturen. Zum anderen wird mit der Umrüstung auf Wasserstoff auf eine Technologie gewettet, deren Verfügbarkeit und Wirtschaftlichkeit bislang ungewiss sind.
Gleichzeitig basiert der Speichermarkt – anders als die geplanten Gaskraftwerke – auf marktwirtschaftlichen Geschäftsmodellen. Speicherprojekte kommen bereits heute ohne staatliche Unterstützung aus. Wenn der Staat nun jedoch einseitig Gas bevorzugt, werden marktwirtschaftlich tragfähige Lösungen systematisch benachteiligt.
Ein weiteres strukturelles Problem liegt im regulatorischen Detail: Auch nach Einführung eines vermeintlich technologieneutralen Kapazitätsmarkts droht eine Benachteiligung von Batteriespeichern gegenüber fossilen Gaskraftwerken. Grund ist der sogenannte „De-Rating-Faktor”. Der Blick auf bereits etablierte Kapazitätsmärkte in Europa, wie zum Beispiel in Großbritannien, Polen oder Belgien zeigt: Während Gaskraftwerke nahezu ihre volle Nennleistung angerechnet bekommen, wird bei Speichern aufgrund technischer Annahmen wie Ladezyklen oder Verfügbarkeitsprofilen abhängig von der Speicherkapazität nur eine reduzierte Leistung als verlässlich bewertet.
Zudem können die Faktoren von Jahr zu Jahr stark schwanken, was die Planungssicherheit erheblich beeinträchtigt. In Summe droht in Kapazitätsmärkten grundsätzlich eine Überschätzung der Potentiale alter, bekannter Technologien und eine Benachteiligung von innovativen Assetklassen wie Batteriespeichern – selbst wenn sie technisch zuverlässiger, schneller und präziser sind. Zweifel an der Fairness und Wirksamkeit der aktuell diskutierten Fördermechanismen sind deshalb mehr als berechtigt.
Die politischen Ziele – insbesondere die Sicherung von Preisstabilität für Haushalte und Industrie – sind legitim. Die Idee, Industriepreise durch zusätzliche Kapazitäten zu stabilisieren, ist nachvollziehbar. Aber der gewählte Weg ist riskant. Subventionierte Kapazitäten beeinflussen die Marktpreise künstlich und schaffen so ineffiziente Anreizstrukturen. Gerade Unternehmen, die heute schon auf marktwirtschaftlicher Basis investieren, geraten unter Druck, obwohl sie langfristig für ein kosteneffizientes, dezentrales und klimaneutrales Energiesystem stehen.
Speicher sind systemrelevant – aber kein Allheilmittel
Natürlich können Speicher nicht alle Herausforderungen im Alleingang lösen. Und der oft beschworene „Batterie-Tsunami“ wird das Energiesystem nicht allein revolutionieren. Aber Speicher sind auch keine Nischenlösung mehr. Sie leisten heute bereits einen essenziellen Beitrag zur Netzstabilität, zur kurzfristigen Flexibilitätsbereitstellung und zur Integration volatiler Erneuerbarer. Ihre Systemrelevanz ist längst belegt, sowohl technisch als auch wirtschaftlich.
Der politische Handlungsrahmen muss sich ändern
Die Energiewende braucht keine Verengung, sondern eine funktionale Öffnung. Falls Ausschreibungen notwendig sind, wie etwa zur Sicherstellung gesicherter Leistung, dann dürfen sie nicht exklusiv für eine einzige Technologie konzipiert werden, und schon gar nicht für fossil befeuerte Kraftwerke. Nur technologieoffene Verfahren schaffen die Basis für einen marktwirtschaftlich tragfähigen und innovationsfreundlichen Energiemarkt.
Dabei ist Technologieoffenheit kein abstrakter Begriff, sondern ein entscheidender Hebel für ein resilientes Energiesystem. Unterschiedliche Technologien erfüllen unterschiedliche systemische Funktionen. Sie gegeneinander auszuspielen, schwächt die Innovationskraft des Marktes und riskiert ineffiziente Lock-ins in teure Infrastrukturen von gestern.
Die Zukunft des Energiesystems entscheidet sich jetzt
Die aktuelle Diskussion über neue Gaskraftwerke ist auch eine Entscheidung über die Leitlinien unserer Energiepolitik. Sie kann entweder alten Pfaden folgen oder die Weichen für ein intelligentes, flexibles und resilientes System stellen. Speicher sind dabei kein Nice-to-have, sondern ein zentrales Element der zukünftigen Infrastruktur. Es ist Zeit, dass Speicherlösungen endlich die faire Chance bekommen, die ihnen zusteht – im Sinne der Versorgungssicherheit, der Klimaziele und der wirtschaftlichen Vernunft.
Lernen Sie den Tagesspiegel Background kennen
Sie lesen einen kostenfreien Artikel vom Tagesspiegel Background. Testen Sie jetzt unser werktägliches Entscheider-Briefing und erhalten Sie exklusive und aktuelle Hintergrundinformationen für 30 Tage kostenfrei.
Mit bestehendem Konto anmelden